Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 43 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 Die Wahrheit Teile A. Sahbathlidster. lEine Geschichte iu Briefe u.) , Von Jda Böck. (Schluß.) „Gut Schabbos! Habe ich Sie lauge warten lassen? Aber, warum legen Sie nicht ab. liebes Kind?' Frau Fink nahm meine Pelzmütze lind Jacke und reichte sie ihrem Sohne. „Ach die Sabbachlichter haben mich ganz verwirrt! Und die Leuchter . . . Haben Sie die Leuchter schon lange hier?» „Sehrlange, Marga! Sie sind wohl schon über hundert Jahre in unserer Familie." ..Wie seltsam!" „Was denn?" fragte der Doktor. „Ich habe die gleichen daheim!" Ich dachte anfangs .. . ." „Wir hätten sie Ihnen zu Ehren schleunigst Herkommen lassen." Er lächelte. „Unsere Voreltern entstammen einem Orte und hatten wahrscheinlich denselben.Geschmack." Er sah mich wieder an und sagte: „Hast Du das kleine Mal au der linken Schläfe bemerkt. Mutter? Matchen hatte es an derselben Stelle." And nun erzählten sie und einer ergänzte den andern und ich saß nur anfhorchend da und wagte kaum zil atmen. Der frömmste Mann sei er in Baden gewesen, der Großvater, jeder Rabbiner hätte von ihm lernen können. Ob er mir denn gar nicht schreibt? Ja doch, wenn er meinen Nenjahrswnnsch beantwortet. „Bei Ihnen wird natürlich auch noch alles gntjüdisch geführt? Ich sah zu Boden und schwieg, und die lieben Menschen wußten, daß sie da eine wnilde Stelle berührt hatten und warteten die Antwort nicht ab. „Onkel Gustav wohne doch noch in Baden, sei verheiratet?" Der Doktor hatte hastig die neile Frage gestellt und wollte nun auch wissen, ob ich ihn schon besucht habe: „Nein zu Onkel Gllstav komme ich nie, höre auch nichts von -ihm. Er grollt Vater" Ich überwand mich, nahm mich zusammen und fuhr schnell fort: „Seitdem Vater Samstag ins Kontor -geht. Mutter lebte damals noch." Frau Fink streichelte mir die Hände. Keiner sprach lange kein Wort. Willst du nicht Kidnsch machen, Gabi?" Der Doktor holte den Wein. Hedi, ich habe lange uachgedacht wo ich diese Allssprache, diesen Tonfall gehört hatte. Immer lag er mir in den Ohren, verfolgte mich während des ganzen Abendmahles, versenkte mich in verklungene Gedanken und konnte daher nur wirre Antworten auf die an mich gerichteten Fragen geben. „Ich hab's! das war Großvaters Kidnsch!" und plötzlich wunderte es mich, daß ich nicht sofort darauf gekommen war. Wie oft hatte ich ihn bis zu meinem sechsten Jahre gehört. „Und darüber haben Sie die ganze Zeit gegrübelt?" lächelte der Doktor. Seine Mutter aber nickte und und sagte ernsthaft: „Ja das ist Ihres Großvaters Kidnsch. Gabriel hat ihn als Knabe von ihm gelernt." Als ich ging, sagte der Doktor: „Wissen Sie, Marga, daß Sie trotz allem eine gute Jüdin geblieben sind?" Ich hätte ihm -gern gesagt: „Geworden bin, Herr Doktor!" Aber ich schwieg. 25. Marga. Liebe Hedi! Ein kurzer Brief von meiner Hand liegt neben mir. Er trägt Onkel Gustavs Adresse. Ich habe ihn ans Wunsch meiner neuen Freunde geschrieben und sie wollen einige Zeilen beilegen. Ich war bereits viermal drüben. Tante ist sehr nnznfrieden mit mir mib sagt nichts mehr, wenn ich von meiner baldigen Heimreise spreche. Marga. 26. Liebe Hedi! Vater ist da. Ich bin nun bald bei Dir. Weshalb ich Dir trotzdem schreibe? Weiß ich doch nicht, ob meine Lippen nicht stumm werden, wenn dein Blick unmittelbar auf mir ruht? Ich wäre noch gern hier geblieben und bin doch wieder froh, bald wegkommen zu können. Unbehaglich ist's, Hedi. Ja, ja, ich komme schon dazu. weiß, daß es dich vorderhand am meisten interessiert, ob Tante den Vater wirklich von Deiner Gefährlichkeit für mich überzeugt hat. Vater und Tante saßen im Salon zu Gericht. Ich war inzwischen mit Gretchen im Eßzimmer, hielt sie ans dem Schoß und wir waren beiöe. ein wenig traurig. „Soll ich horchen?" Sie deutete aufs Schlaf- .gemach, das an den Salon grenzt. „Pfui doch!" „St! Sie kommen!" Grete sprang auf die Füße, mir wurde doch ein wenig beklommen ziunute. „In meinem Hause ist's leider lange nicht mehr so, wie ich es wünschen würde. Darum sehe ichs doppelt gern, wenn Marga sich dieser Hedi Braun innig anschließt. Und Deine Sorge um die Zukunft! Liebe Elli, es gibt noch sehr intelligente und dabei religiöse Männer genug auf Erden, wahrscheinlich weil mehr als Du Dir träumen läßt. Tante trat mit hochroten Wangen und schmollendem Munde ein. Ihre Ähnlichkeit mit Mama fiel mir auf. Vater folgte ihr vergnügt, seine gewöhnlich tief ernsten Angen lachten. Er sah um vieles jünger aus mit dem frohen Ansdruck in den strengen Zügen. Er beugte sich über mich, strich mir leicht über das Haar und küßte mich ans die Stirn. Hedi, ich glaube, seitdem Mama bei uns ist, hat er dies ohne besoudern Anlaß nicht getan. Und ich vergaß die Anwesenheit der andern legte meine Arme um seinen Nacken und drückte meine Lippen gegen seine Wangen. Er schien überrascht, sah mich prüfend an. und meinte scherzend: „.Ich glaub, Mädel, Du bist hier um 'nen Kopf gewachsen. Eine ganze Dame schon die kleine Marga." Er durchschritt mehrmals das Zimmer und blieb vor mir stehen: „Morgen reisen wir also. Freust Du Dich?" „Auf die Arbeit im Kontor. Sie fehlt mir." ..Wirst aber auch bald an den Haushalt'ranmüssen, du große Tochter V* Eine Wolke zog über seine Stirn. Ich sah es deutlich und hörte auch den leisen Seufzer, Hedi. Was bedrückt Vater? „Morgen ist Freilag," sagte Grete und sah mich bedeutsam au. „Kommt Ihr rechtzeitig nach Hause, Onkel, ich glaube vor Anbruch des Sabbaths?" „Freilich mein Kind." „Marga hörst du? Was wer.den die Leuchter sagen?" Vater sah uns lange an, seine Allgen tauchten in die meinen, er nahm meinen Kopf zivischen seine Hände: „Haben Sie auch Dir 'gefehlt, mein Kind? Auch Dir? Wenn mich da draußen der Sabbath überfüllt, fühle ichs in jedem Glied, daß ich mit meinem ganzen Sein Jude bin . . ." Er wandte sich ab. durchschritt wieder mit starken Schritten den Raum. So sehnte ailch er sich nach euch, ihre rllhewinkenden Sabathlichter?! Hat Vaters Seele gleich meiner zur selben Stunde gelitten und fanden sie einander wenn sie beide suchend in die Ferne grüßten? Hedi, Vater hat mir durch sein Geständnis unendlich viel geschenkt, mich ihm so nah gebracht. daß ich darüber ganz glücklich bin. Marga. '27. Liebe Hedi! Morgen Mittag gibt Dir der Postbote diesen Brief und wenige Stunden später halte ich Deine Hand in der meinen. Ich kann mich auf Dein Zartgefühl verlassen. Du wirst nichts verraten, wirst ruhig warten, bis ich mich ganz wiedergefunden habe. Ich komme von drüben. Der Abschied war kurz und innig. Ich suchte meine Ergriffenheit zu verbergen und empfahl mich in überstürzter Eile, versprach, bald zn schreiben und sprang die Treppe hinab. Im ersten Stock blieb ich erschöpft stehen. Da hörte ich Schritte und setzte meinen Weg langsam fort. „Marga, eine kleine Erinnerllug an uns. Mutter schickt es." Ich blickte schüchtern empor. Der Doktor hielt mir ein goldenes Kettchen hin. Ich hatte dies Anhängsel hier seit Jahren an meiner Uhrkette befestigt. Ich sah verwirrt auf feine Handfläche. »Hier Moses mit den Gesetztafelu und hier das Schema." Ich stammelte: „Aber Herr Doktor . . . ist es Ihnen nicht wert?" „Gewiß, Marga, und darum gebe ichs Ihnen." Ein herzlicher Händedruck und fort war er. Hedi, icb fürchte, wenn ich von nun ab meine Sabbathlichter zünde, steht neben Urgroßmutters Bild noch ein anderes. Meine Sabbathlichter. Marga. Oberrabbiner Fanny Güdemann-Stiftung für Kranke weiblichen Geschlechtes. Anzahl der Plätze; Einer oder zwei im Betrage von zusammen Kronen 75.—. Bewerbungsberechtigt sind: Arme israel. Kranke weibliehen Geschlechtes. Yerleihungstag: 14. Jänuer 1913 (6. Sehebat). (Jesuchshellagen : Geburtsschein, Armutszeugnis, Krankeitszeugnis. Letzter Tag der Einreichungsfrist: 30. November 1912. Eiureiehstelle: I. Seiteustetrengasse 4, II. Stock (Einreichuuga- , protokoll.) Zur Bewerbung sind Gesuchsbögen zu verwenden, welche in der Einreichstelle fl., Seitenstettengasse 4, II.Stock) unentgeltlich zu haben sind; diese Formulare enthalten auch nähere für die Einschreiter wichtige Bestimmungen. Wien, 1. November 1912. Der Yorstaud der Israel. Kultnsgemeinde Wien.