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Die Wahrheit · 1912-10-18 · Heft 40 (18.10.1912) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 40 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40. Die Wahrheit Seite 11. Kabbathlichter. (Eine Geschichte in Briefen.) Von Jda Bock (Fortsetzung.) 1.6. Liebste-Hedi! Am liebsten würde ich mich an keinem Gespräch mehr beteiligen. In jedem verspüre ich irgend eine Anzüglichkeit, einen Versuch, mich umznmodeln. Was ihnen durch, Neckereien nicht gelungen ist, suchen sie jetzt durch scheinbar absichtslose Bemerkungen, durch Beispiele zu erreichen. Ich bin .mißtrauisch geworden und leide darunter. Meine Unbefangenheit ist unterbunden, meine Fröhlichkeit, die sich anfangs -hier so erstaunlich entfaltete, hat einen Hieb erhalten, daß sie sich nur selten Hervortrant. Marga. 17. . Liebe Hedi! Das war wieder ein denkwürdiger Abend im Theater. Man gab „Glanbe und Heimat." Ich war ganz erschüttert. Onkels Bemerkung, wie unbegreiflich töricht es gewesen sei, jemand von seinem Glauben abbringen zu wollen, zeigte ihn wieder .in seiner ganzen Gedankenlosigkeit und in seiner widerspruchsvollen Art. Und er soll doch ein äußerst tüchtiger Kanfmann und -im praktischen Leben sehr klug sein und merkt den Balken im eigenen Auge nicht. Marga. 18 Liebe Hedi! Du meinst, ich wäre ernster geworden, machte mir über alles Gedanken? Nach meinen Briefen darfst Du nicht schließen. Ich schreibe Dir eben zumeist dann, wenn ich mich gedrückt fühle, oder wenn sich meine Seele nach einem Widerhall sehnt. Wenn ich Dir sagte, daß meine Heiterkeit gelitten habe, meime ich jenes sorglose Sichgehenlassen, jenes übermütige -Ergreifen jeder Gelegenheit, die uns froh der Wirklichkeit entrückt. Meiner Umgebung mag ich unverändert erscheinen und meine Briefe an Elli Schreiber, mit der ich, wie du weißt, auch korrespondiere, verraten nichts von meinem Gemütsleben, sprechen von lustigen Begebenheiten, erzählen in launiger Weise von Manch neuer Bekanntschaft, manchem vergnügten Spielabeud, von Toiletten und Büchern, lassen meinen Aufenthalt hier in ungetrübtem Licht erscheinen. Dir allein gestatte ich einen Einblick in mein Selbst, und weil es das erstemal geschieht, bist Du erstaunt dort mehr zu finden, als du erwarten konntest. Habe ich doch 'kaum diese Seite meines Wesens geahnt, wenn mir ailch manchmal durch ein leises Beben dadrin bewußt wurde, daß irgend etwas in meiner Seeleschlummere und nach Befreiung ringe. Nun ist es erwacht. Ich blicke ihm voll ins Antlitz und umfange Ls wie ein köstliches Kleinod, dessen Wert mir bis nun verborgen war. Es scheucht den Zwiespalt und zeigt mir deutlich .meinen Weg. Viele andere vermögen sich über die Eindrücke ihrer Kindheit hiuwegzusetzen, manche köuuens nicht verbergen, aber ans Scham, aus Trotz unterdrücken sie die vermeintliche Schwäche rund ahnen nicht, daß sie sich oft mehr rauben als ihnen die Welt zu schenken vermag. Meine liebe Hedi, ich habe schon wft darüber uachgedacht, warum es mir erst hier klar wurde, wie sehr ich an den wenigen religiösen Gebräuchen hänge, die in unserem Hans geübt wurden. Ich hätte doch im Verkehr mit 'Dir weit früher daraus kommen müssen, mich deiner Familie mehr anschließen sollen. Statt dessen wich ich fast jeder Gelegencheit aus, die mich eure tiefe Religiosität sehen ließ. Marga. 19. Liebe Hedi! Das war doch wieder ein sonderbarer Zufall! Vetter Fritz mußte am späten Abend auf der Straße ansgleiten, sich den Arm verstauchen, damit der nächst wohnende Arzt geholt werde. Er kommt. Onkel, Tante und Cousine Klara sind noch bei einem Ball. Ich empfange also den Doktor. Er waltet seines Amtes, trifft noch einige Anordnungen und will gehen. Da bleibt sein Blick auf mir haften. Er betrachtete mich 'so aufmerksam, daß ich darüber erröte und fragt: „Sind Sie nicht eine Grünberg?" „Meine Mutter hieß als Mädchen so." „Sie stammte aus Baden?" „Allerdings." „Malcheu, wie?" „Meine Mutter hieß Amalie." „Hieß?! So . . . Er hatte meine Hand gefaßt, ein gespannter Ausdruck trat in das ener- -gische Gesicht. „Ich habe keine Mutter mehr." Er wandte sich rasch ab und trat ans Fenster, durch dessen obere Scheiben die Sterne hereinfunkelteu. „Sind Sie immer hier? Nur zu Besuch?"' fragte er, sich langsam umwendeud. Eine tiefe Trauer lag in seinem Wesen. „Sie sehen der Verewigten auffallend ähnlich. Wir haben irr einem Hause gewohnt und waren als Kinder unzertrennlich, besuchten zusammen die Volksschule. Daun kam ich fort, aber in den Ferien waren wir treue Kameraden, bis uns das Schicksal ganz trennte. Wir zogen in eine andere Stadt Anfangs schrieben wir einander. Aber wie's schon so geht, bald nahmen mich andere Interessen gefangen. Und nun war ich gar viele Jahre im Auslande." Er seuzte tief auf, nahm wieder meine Hand und sagte: „Liebes Kind, Sie würden meiner Mutter eine Freude bereiten, wenn Sie uns besuchen wollten. Kommen Sie am besten Freitag abend oder Samstag, da ist sie gewiß daheim." Deine Marga. (Fortsetzung folgt.) vr. Max Friedländer Heiratsauastattungs- Stiftung für ein armes Waisenmädchen. Anzahl der Plätze: Einer im Betrage von K 120.—. Beiverbungshereehtigt sind: Arme verwaiste Mädchen jüdischer Konfession. Gesuchsbeilagen: Geburtsschein, Armuts-Zeugnis, Totenschein, Sittenzeuguia, Verlobungsnachweis. Letzter Tag der Eiiireiehuugsfri*t: 31. Oktober 1912. Einreichstelle: I, Seitenstettengasse 4, II. Stock (Ei n reich ungaprotokoll). Bewerberinnen, welche sich vor der Verleihung dieser Stiftung verehelichen, werden jedes Anspruches an dieselbe verlustig. Zur Bewerbung sind Gesuchsbögen zu verwenden, welche in der Einreichstelle (I., Seitenstettengasse 4, II. Stock) unentgeltlich zu haben sind; diese Formulare enthalten auch nähere für die Einschreiter wichtige Bestimmungen. Wien, 1. Oktober 1912. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Wien. Jonas Freiherr von Königswarter’sche Stipendien für Theologen. Anzahl der Plätze: Zwei im Betrage von je K 890.—. Bewerbangsbereehtigt siud: Hörer jüd. Theologie der Wiener israel.-theol. Lehranstalt, welche den philosophischen Studien an der k. k. Universität Wien obliegen oder obgelegen sind. Verleihungstag: 11. Thebet (21. Dezember 1912). Gesuehsoeilagen : 1. Geburtsschein. 2. Nachweis der österr. oder uugar. Staatsangehörigkeit. 8. Maturitätszeugnis. 4. Matrikeuschein der k. k. philosophischen Fakultät in Wien. 5. Universitäts - Kolloquienzeuguisse. 6. Zeugnisse über den derzeitigen Betrieb theol. Studien. 7. Armutszeugnis. Letzter Tag der Einreichungsfrist: 81. Oktober 1912. Einreichstelle: I. Seitenstettengas.se 4, II. Stock (Einreichungsprotokoll). Zur Bewerbung siud Gesuchsbögen zu verwenden, welche in der Einreichstelle (I., Seitenstettengasse 4, II. Stuck) unentgeltlich zu haben sind; diese Formulare enthalten auch nähere für die Eiuschreiter wichtige Bestimmungen. Wien, 1. Oktober 1912. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Wien. Ignaz und Eleonore Fluss’sches Techniker- Stipendium. Anzahl der Plätze: Einer im Betrage von K 100.—. Bewerbungsbereehtigt sind: Mittellose israel. Hörer der k.k. technischen Hochschule in Wien. Bevorzugt sind: Verwaiste, insbesondere doppelt verwaiste, und unter gleichen Verhältnissen, in Galizien heiraatsbereehtigte Bewerber. Gesuchsbeilagen: Geburtsschein, Heimatsschein, Armutszeugnis, Studienzeugnisse und eventuell Totenschein der Eltern; Letzter Tag der Einreichungsfrist: 31. Oktober 1912. Einreichstelle: I., Seitenstettengasse 4, II. Stock. (Einreichungsprotokoll). Zur Bewerbung sind Gesuchsbögen zu verwenden, welche in der Einreichstelle (I., Seitenstetteugasse 4, II. Stock) unentgeltlich zu haben sind; diese Formulare enthalten auch nähere für die Einschreiter wichtige Bestimmungen. . .... Wien, 1. Oktober 1912. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Wien.

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