Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 40 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Administration: Wien, 11,, Novaragasse 27 Telcvhon: Redaktion 5509/1V. ilbmiiuftrarion 493811, Anaöhängige Aeitfchnfi für jüdische Aerngspreli»: Äanzjiidrig ...... K 14.— Halbiiivria.K 7.— St. t. öfterr. Nostsvarkajsa- Scheck-Komo Nr. 100.918. JlnJcvate: Interessen. Für tfiittiivbruiiite: <!"uinidt)vi|l.K 10. — Die viermal gejvaltcne Ronvareille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Areilag. Für Anslmid: AdonnemeiilS- und Jnierlionsbelräge und in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ .8 Mnrk 6 Mnvel oder lß Nrc» Ar. 40. Wie», 18. Oktober 1912. Inhalt: Das Janusgesicht deutschradikaler Wahlwerber gegenüber der jüdischen Wählerschaft. — Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum. — Weg den alten zehn Geboten. — Die Bewertung des Menschenlebens hüben und drüben. —K;Gärtner-Bildungsanstalt für jüdische Knaben. — Die Leiden eines Seelsorgers. — ZOjähriges Kantvrjubilänm. — Joses Grob. —.Deutschtum und Judentum. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Sabbathlichter". Wir ersuchen um Einsendung der restlichen Abonnementsbeträge, damit Kosten und Mühe der Einhebnng her Postanftrag erspart bleibe. Das Ionnsgestcht drntschradikaler Wnhlmerber gegenüber der jüdischen Mahlerjchast. Es ist wohl keinem österreichischen Staatsbürger, der die Parteibestrebungen der letzten Jahre nur einigermaßen kennt, heute mehr fremd, daß die Deutschradikalen im Belange der Judenfeindschaft mit den Christlichsozialen um den Vorrang streiten. Gleich den Christlichsozialen streben sie darnach, ihre jüdischen Mitbürger, trotzdem dieselben zu allen Pstichten und Lasten der Staatsbürger in vollem Maße herangezogen werden, als „Volksfremde", ja als „gefährliche Schädlinge" zu stigmatisieren, dieselbe in ihren Rechten und sozialem Fortkommen zu schädigen und zu boykottieren und die denlschwirtschaftlichen Vereine stellen derartige Forderungen ganz ungescheut als „Leitsätze" auf. Nun tritt aber doch öfters dort, wo die jüdische Wählerschaft geeint vorgeht, der Fall ein, daß die jüdischen Wählerstimmen zum Siege gegen den gegnerischen Wahlwerber unbedingt nötig werden. In einem solchen Falle verleugnet der betreffende deutschradikale Wahlwerber dann unbedingt seine Jndenfeindschafl, ohne dadurch innerhalb seines Verbandes etwa an Vertrauen zu verlieren, denn den jüdischen Mitbürgern gegenüber erscheint eine solche Art der Betätigung der „deutschen Treue" als zulässig und „politisch klug." In Wien wurde im Mai 1911 der deutschradikale Dr. Waber durch die Praktizierung der besprochenen Methode gewählt. Obgleich es im 29. Wahlbezirke (das untere Währing) nur etwa 500 jüdische Wähler gab, hatten es dieselben damals in der Hand, den Gegenkandidaten des christlichsozialen Wahlwerbers nach ihrem Wunsche in die Stichwahl zu bringen. Es gab nämlich gegenüber dem christlichsozialen Wahlwerber nur einen sozialdemokratischen und einen deutschnationalen (deutschradikalen) Wahlwerber, die nur um 100 Stimmen (1800 und 1900) von einander abstanden und es ist für Jedermann klar, daß dieser Unterschied am Hauptwahltage nur 50 Wähler repräsentiert. Die Zahl der sozialdemokratisch organisierten Reichsratswähler betrug damals kaum 1200 und alle christlich-arischen, aber nicht sozialdemokratischen Wähler stimmten natürlich entweder christlich-sozial oder dentschuatioual. Durch diese Erwägung erscheint es wohl nachgewiesen, daß der Großteil der jüdischen Wählerschaft damals sozialdemokratisch wühlte, und daß es Juden, wenn auch nur in geringer Anzahl, waren, die den deutschuationalen Wahlwerber Dr. Waber in die Stichwahl brachten. Freilich wendete auch Dr. Waber damals jede mögliche Agitation und Liebenswürdigkeit auf, um jüdische Wählerstimmen zu ergattern. Dr. Waber war es als alten Bezirkspolitiker wohl bekannt, daß der Stichwahlgegner der Christlichsozialen auch eudgiltig aus die Wahl zählen konnte. Dr. Waber trat nach seiner Wahl als Deutschradikaler natürlich sofort in den „deutschnationalen Verband" ein, der ihm wie jedem Judenfeinde wegen der Boykottierung der Wiener jüdischen und antiklerikalen Abgeordneten sympathisch war. Der „deutschnationale Verband" einigt bekanntlich alle Abgeordneten, die es mit dem Demokratismus uud dem Freisinne nicht sehr ernst nehmen, wenn sie dies auch lebhaft bestreiten und antisemitisch schillern. Er umfaßt gleich der christlichsozialen „Reichs- Partei" die Verfechter vollkommen gegensätzlichster Interessen, wie Agrarier und Industrielle, Beamten. Lehrer, Kapitalisten und Handelsherren, Bauern und Städter und verurteilt dadurch seine Mitglieder zum Nichtstun. Es ist daher sehr erfreulich, die Wahrnehmung feststellen zu können, daß die Wiener jüdischen Wähler die geschilderten Tatsachen bereits klar sehen und gegebenen Falles weder christlichsoziale noch deutschnationale Wahlwerber, sondern entschlossen die sozialdemokratischen unterstützen. So z. B. brachte Währing im April 1912 anläßlich der Gemeinderatswahlen im IV. Wahlkörper mit Hilfe der jüdischen Wähler dem sozialdemokratischen Wahlwerber mehr Stimmen zu als den vereinigten Deutschradikalen und Schönerianern. Im H. Wahlkörper brachten daselbst die deutschfreiheitlichen Wahlwerber 294 Stimmen auf, welche Zahl ungefähr den jüdischen Wählern des genannten Wahlkörpers entsprach. Bei der Ersatzwahl im ÜI. Bezirke vereinigte der deutschfreiheitliche Kandidat Herr Kulka 685 Stimmen auf sich, die sicherlich zum größten Teile jüdische Wahlstimmen enthielten, nachdem alle anderen bürgerlich-arischen Wählerftimmen auf den christlichfozialen, den deutschnationalen und den dentschsozialen Wahlwerber entsielen. Nachdem nun der Sozialdemokrat Müller, der am Hanptwahltage 6718 Stimmen erzielt hatte, am Stichwahltage (1. Oktober 1912) mit 8214 Stimmen gewählt wurde, der christlichsoziale Wahlwerber Prochaska aber, der am Hauptwahltage 6072 Stimmen erhalten hatte, es am Stichwahltage