Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 39 (10.10.1912)
- Date
- 1912-10-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 39. Die Wahrheit Seite II Feuilleton. Sul»l»athlichter. (Eine Geschichte in Briefen.) Von Jda Bock. (Fortsetzung.) 11. Liebe Hedi! Vater schreibt, daß er mich nun bald holen werde. Wie schade! Der Fasching ist im vollen Znge und wenn ich auch noch zu jung bin, Bälle zu besuchen,, hatte er mir doch .manches geboten, worauf ich mich gefreut habe. Meine Verwandten wollen mich nicht ziehen lassen. Sie sind freundlich und aufmerksam, aber . .. Hedi. ich mag sie doch nicht, Keinen von ihnen, bis auf meine kleine, liebe Freundin. Sie wird Dir sicherlich gefallen. Im Sommer, wenn Mama ins Bad fährt, muß sie zu uns. Darum will ich Vater gleich nach seiner Ankunft Sitten.. „Marga komm'!" Sie sagte es leise und geheimnisvoll, ähre Wangen waren gerötet. Dabei sah sie ängstlich auf Tante und die übrigen im Zimmer. Ich winkte ihr, zu gehen, legte nach wenigen Sekunden mein Buch beiseite und folgte ihr. Sie stand vor der Tür, faßte rasch meine Hand, preßte sie und -unterdrückte ein seelenvergnügtes Gekicher. „Still, daß niemand was merkt!", raunte sie mir zu und zog mich über den dunklen 'Flur in ein Zimmerchen, das znm Aufbewahren selten gebrauchter ^Gegenstände verwendet und wenig betreten wird. Ein kleines 'Fenster führt in den Lichlhof. Durch dieses blickt man geradeaus in eine Stube. Dort stand eine hübsche Frau an einem weißgedecklen Tisch und zündete eben die zweite Kerze an. Zwei -allerliebste Schwarzköpfchen standen auf Stühlen. Ihre großen, schwarzen Angen schienen den Glanz des Lichtes znrückznwerfen. Oder war mir nur so? Die Lippen der Frau bewegten sich, ich sah den andächtigen Zug ans ihrem Antlitz. Dann küßte sie die Kinder, nahm das jüngste auf den Schoß, das andere dicht neben sich und schlug ein Buch auf. Sangen sie? Ich öffnete chehntsam das Fenster. „Lecho dandi ..." „Sabbathlichter!", stüsterte Grete, und zog mich hastig Zurück. Deine Marga. 13. Liebe Hedi! Weshalb ich Dir nicht erzähle, was ich gesehen, gehört, gelernt habe? Dazu hat es Zeit ans unseren -Spaziergängen oder wenn ich mit meiner Handarbeit bei Euch -sitze. Darüber kann ich ja auch mit anderen sprechen, davon kann ich auch andern schreiben. Aber wovon ich zu Dir spreche, das kann Ich keinem Menschen sonst anvertrauen ans Furcht, mißverstanden, verspottet zu werden. Ich bin ohnedies schon eingeschüchtert und freue mich doch darauf, bei Vater im Kontor ernst arbeiten zu müssen. Herzlichen Gruß. Marga. 13. Liebe Hedi! Weshalb sich Onkel nur solch eine Ehre daraus wacht, - mit Nichtjnden zu verkehren wenn sie besser oder klüger oder gebildeter wären, könnte ich's noch begreifen, aber nur darum sich mehr zu ihnen halten, weil sie Arier sind, das stnde ich eines vernünftigen Menschen unwürdig. Das war eine Verstimmung im Hause, als ob es ein Unglück gegeben hätte. Ich zog Gretchen bei Seite und fragte: „Ist etwas passiert?" Sie nickte ernsthaft, aber in ihren Schelmenangeu blitzte es auf: „Bei Postmeister Weber war großes Schweineschlachten und Papa wurde heuer nicht geladen." Bei Tisch wurde kaum ein Wort gesprochen. Ich fragte harmlos: „Gehts auch hier bei solch einem Essen so wüst zu? Unser Buchhalter erzählte mir, er halte sich darum fern davon, weil Mau gewöhnlich zuviel trinke und oft erlebe, daß gebildete und sonst feine Herren Gespräche führen, deren sich ein anständiger Familienvater schämen müsse." Tante warf mir einen verweisenden Blick zu. Vetter Fritz lachte, aber Onkel fuhr auf und sagte zornig, wie ich ihn noch nie gesehen hatte: „Behalt' doch deine Weisheit für Dich!" Grete stieß mich au und meinte' mit einer lustigen Keckheit, die ich -.ihr nicht zugemutet hätte: „Aber Papachen, Marga ist wirklich ganz unschuldig daran, daß Webers auch schon judeureire Festschmänse haben wollen! Seitdem ihr Karl bei den Teutonen ist, verkehren sie mit keinen Samuels mehr. Mußt dir eben den Namen ändern lassen! Marga. 14. Liebe Freundin! Ich ordnete deine Briefe! Tante trat herein, nahm einen zur Hand und sagte: „Du hast doch nichts dagegen, Marga?' Ich hätte nun eigentlich viel dagegen gehabt, aber ich mußte sie gewähren lassen. Tante schüttelte wiederholt den Kopf, lachte einmal auf und gab mir das Schreiben mit den Worten zurück: „Das ist kein Verkehr für Dich, mein Kind. Das Mädchen ist ja wirklich klug und schreibt erstaunlich hübsch, aber Ansichten siud da entwickelt, wie man sie im Mittelalter hegte. Nun verstehe ich deine Verschrobenheit, durch die Du uns manchmal in Verlegenheit bringst. Liebe Marga, wir leben nicht . mehr im Ghetto, haben nicht nötig uns an althergebracht^, überkommene Sitten zu klammern, die unsern Ahnen in ihrer Verlassenheit ein Trost waren. Wir sind nicht mehr eingeengt, nicht mehr ausgeschlossen und handeln töricht, wenn wir uns künstliche Schranken aufrichten. Ich bin gewiß eine gute Jüdin und würde mich wirklich grämen, wenn eines meiner Kinder vom Glauben abfiele, aber modern muß man sein, sich den Fortschritten der Zeit anpassen, das wirst Du früh genug erfahren. Nein, nein, meilt Kind, das ist kein Verkehr für Dich. Vater soll es wissen." Tantes Worte, die natürlich für unsere Freundschaft ganz belanglos sind, gaben mir viel zu denken. Nicht daß sie mich irgendwie beiuflnßt hätten, sie weckten vielmehr lauten Widerspruch in mir und regten mich zu Vergleichen an, bei denen Tante und die meisten ihrer Bekannten nicht gut wegkamen. Sehen sie wirklich nicht oder verschließen sie sich eigens Aug und Ohr? Erzählen ihnen ihre Kinder niemals, daß sie auf der Straße oft von pichljüdischen Gassenjungen, mitunter auch von rüden Erwachsenen angerempelt, beschimpft, seelisch, manchmal sogar körperlich mißhandelt werden, nur weil sie jüdische Gesichter haben? Liebe Freundin! Ich bin ein klein wenig heiser nud bat zu Hanse bleiben zu oürfen. Eigentlich wollte ich Dir schreiben, sonst komme ich wieder nicht dazu. Vor Tante tue ichs nicht gern, befürchte stets, sie könnte auch mal nach meinem Brief greifen. Ich muß immer wieder von Grete erzählen. Gestern war sie zu Bett. Ich saß mit der Arbeit bei ihr und wir plauderten. „Du. Marga, wie wird's denn mal bei Dir sein, wenn Du verheiratet bist?" fragte sie unvermittelt. „Daran habe ich noch nie gedacht." „Du, ich stelle mir's so eigen vor. so ganz anders als bei uns und allen, die ich kenne" „Und warum sollte es anders sein. Du kleine Phanrastin?" „So jüdisch meine ich. wird's sein, so fromm und ohne Heuchelei und Lüge." „Ohne Heuchelei und Lüge? Wie kommst du darauf?" ..Sieh, Marga, ehe du hier warft, habe ich gedacht, alles müsse so sein, jetzt aber sehe ich's in anderm Licht. Ich weiß nun, daß Papa bloß Jomkipnr zum Schein fastet, er ißt nämlich heimlich, was mir nicht verraten dürfen, ich weiß auch, daß Mama am Pessachfest nur Mazzos nimmt, weil sie nns znm Kaffee schmecken und daß die Weise, wie bei uns ein Seder gehalten wird, eigentlich eine Entweihung bedeutet. Wir haben gewöhnlich eine größere Gesellschaft hier, da wird gescherzt und gelacht, da werden Witze gemacht und niemand betet wirklich, jeder ist bloß bestrebt, sich recht zu vergnügen." Ihre großen schönen Angen blickten traurig in die Ferne. Ich dachte an mein Vaterhaus, das mir doch auch seit einigen Jahren teilweise zur Fremde geworden war und mit dem ich mich doch innig verwachsen fühle, weil meine Erinnerungen darin wurzeln, ans denen mir ein Hauch entgegenweht, den ich hier so schmerzlich vermisse. „Wenn Du mal verheiratet bist." begann Grete, „komm ich zu Dir. Du stehst dann wohl bei Deinen Sabbathlichtern nnd lächelst voll Andacht. Hell und still ist's bei Dir, eine echte schöne Sabbathruhe." Hedi, wie gefällt Dir meine kleine Freundin? Marga. (Fortsetzung folgt.)