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Die Wahrheit · 1912-10-04 · Heft 38 (4.10.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 38 (4.10.1912)
Date
1912-10-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 38 Die Wahrheit .f)u&lif?ationcn des öfl-ung. Jlautoren-lereiues. Die Herren Vereinsmitglieder werden ersucht, die restlichen "Vereinsbeiträge umgehend an den- Kassier Erster Kantor S. Jnrberger, U., Tempelgasse 3, znsenden zu wollen. Anmieldungen und Zuschriften sind an den Präsidenten Oberkantor I. Bauer, II/1( Novaragasse 27, zu richten. D i e geselligen Z u s a m m e n k ü n s t e der Herren .Kollegen beginnen ab Dienstag, den 8. Oktober, jeden Dienstag 6 Uhr abends, im- Cafe Ormer. II., Praterstraße 33, 1. Stock. Der Vorstand des „Oest.-ung. Kantoren-Vereines" Wien. FeniUeton. Sabbathlichter. (Eine Geschichte in Briefe n.) . Von Jda Böck. (Fortsetzung.) 6. Liebe Hedi! Gestern war ich in. der Oper. Ich freue mich schon auf die Zeit, in der ich Dir von allem ausführlich erzählen werde. Du sollst mein Gedächtnis bewundern. Morgen .gehe ich zu „Wilhelm Teil". Wie schade, daß Du nicht hier sein .-kannst. Marga. 7. Liebste Hedi! Ich will Dir herzlich Abbitte tun! Nun weiß ich, wie^s verletzt. Habe ich Dich nicht oft geneckt. Dich nicht gar verspottet, wenn Du nicht einmal einen Kaffee bei uns nehmen, Samstag keinen Schirm tragen wolltest? Fritz, mein übermütiger Vetter, kam mit zwei weißen Rüben in den Leuchtern gravitätisch ins Zimmer geschritten und forderte mich vor einer großen Gesellschaft auf, Sabbathlichter zu zünden. Alles lachte, . :Onkel aber hielt seine brennende Zigarre hin: „Branchst du vielleicht Feuer? Heiliges Feuer! Der Ranch steigt zu Ehren des Sabbnth in die Höh!" Ach, wie mir das weh lat. Ich versuchte zu lächeln und wünschte mich weit weg. In diesem Augenblicke wurden mir alle hier fremd und erschienen mir roh imb gedankenlos. Ich überflog rasch die Gesichter. Ein gemeinsamer häßlicher Zug lag um den spöttischen Mund. Meine Verlegenheit bereitere ihnen Vergnügen. Gut, daß die Aufmerksamkeit ans einen neuen' Gast gerichtet wurde und ich mich bald unbemerkt entfernen konnte. Draußen stand ich in meinem dunklen Zimmer, die heiße' Stirn gegen die Fensterscheibe gepreßt und fühlte mich verlassen, wie noch nie in meinem Leben. Bin ich unvernünftig oder vielleicht gemütvoller als sie? Ich kann mich .nicht befreien. Marga. 8. Meine liebe Hedi! Wir kommen soeben von einer Schliktenpartie . .. Das war wunderschön! Ich bin noch ganz durchfroren. Nun muß ich zur Probe. Uebermorgen ist die Aufführung. Sylvester. Herzlichen Gruß. Marga. 9 Liebe Freundin! 1 Uhr nachts. Wie bin ich doch froh, Ihnen entronnen zu sein! Wie ein Dieb schlich ich mich fort und rannte atemlos die wenigen Häuser hierher. Mir klopft noch das Herz wie toll, aber ich muß Dir rasch schreiben, ehe die anderen kommen. Es war einfach empörend! Wir spielten, alles war ganz vortrefflich gegangen, die Gesellschaft vergnügte sich aufs beste. Es wurde prächtig musiziert und sehr hübsch vorgetragen. So war die zwölfte Stunde gekommen. Der Hausherr, ein sehr -reicher, sehr protziger Jude, erhob sich und begrüßte das neue Jahr. Eine Uhr schlug, ein junger Mann tutete Zwölf. Der .Hausherr erhob sein Glas und rief : „Prosit Neujahr! Lschono tauwe!" „Lschono tauwe!" brüllte und johlte, wieherte die Ge¬ Seite 9. sellschaft, von der einige Herren bereits zu viel getrunken hatten. Wieder trat jener gemeinsame, häßliche Zug auf die lachenden Gesichter, den ich nun schon wiederholt beobachten konnte. Spott, Ironie, Schadenfreude. etwas Niedriges, ja Gemeines, spiegelt sich da wieder. Mir fiel jener auffallend hübsche Knabe ein, den du und ich einmal im Sradtpark beobachtet haben, wie er seinem strengen, gerade schlummernden Großvater mutwillig den Anzug arg beschmutzte. „Sieh doch, wie teuflische Freude das feine Antlitz verunschönt", sagtest Du. Er holte einige Buben herbei, die in sein Gekicher miteinstimmlen und erschreckt das Weite suchten, als mehrere Herren des Weges kamen. Der Greis schlug die Augen ans und wurde ehrerbietig gegrüßt. Du aber eiltest in deine nahe Wohnung, brachtest eine Bürste und batest den alten Herrn, der, wie du mir sagtest, ein pensionierter Gymna.sial- Professor war. er möchte dir gestalten, den häßlichen Fleck rasch zu entfernen. Kommt nicht jemand? Ich muß mich beeilen. Leschono tauwe! lachten sie also und machten darüber Witze, schüttelten einander die Hände und ließen die Gläser erklingen. Es wogte lebhaft dltrch den Saal. Ich saß still und unbemerkt in einem Winkel. Ich schämte mich vor mir selbst, vor den Nichtjuden, die so freundschaftlich taten und weiß Gott was denken mochten. Zwei kamen da mit ihren Gläsern vorüber. „Juden bleiben doch Juden! Wieso die eigentlich dazukommen. Sylvester zu feiern. Unser Neujahr sollte ihnen doch gerade kein Vergnügen bereiten!* Ich horchte auf, aber der Lärm verschlang die Antwort. Wie wegwerfend der Mann gesprochen hatte! Jetzt küßte er der Hausfrau die Hand und verabschiedete sich mit tiefen Verbeugungen. Ich blickte ihnen sinnend nach, fühlte mich entsetzlich abgestoßen. Onkel faßte mich am Kinn: „Was? fesche Kerle! Beamte des Hauses. Aus sehr feinen Familien. Aber warum so ernst, kleine Marga? Haben wir's nicht lustig hier? Ganz anders als in Euren dumpfen Stuben daheim mit Deinen unvermeidlichen Sabbathlichtern. Sieh Dir mal bloß die prachtvolle Beleuchtung an!" Ich preßte die Hände um meinen Fächer, daß er brach. Am nächsten Tisch saßen einige Personen, die laut lachten. „Unsere Stuben sind gar nicht dnmpf und . .. Sabbathlichter haben einen spezifischen Glanz!" Damit war ich auch schon zur Tür hinaus, warf meine Ueberkleider um und sprang die Treppe hinab. „Puh, hat's da aber nach Knoblauch geduftet!" „Jud bleibt Jnd!" hörte ich vor mir. Ich blickte den beiden Herren dreist ins Gesicht und stürmte nach Hause. Man kommt! Tausend Grüße! Marga. 10. Liebe Hedi! Du wirst Deine stille, schüchterne Freundin gar nicht mehr erkennen. Ich bin ganz keck und schlagfertig geworden. Ich werde eben täglich, stündlich heransgefordert. Da gibt es zwei Wege für mich: Entweder ich lache dazu und weine heimlich oder ich lerne, mich zur Wehr zu setzen. Dies entspricht nun gar nicht meinem Wesen und es ist mir oft nicht wohl zumute, aber es ist von beiden Uebeln das kleinere. Ich habe übrigens ganz unerwartet eine tapfere Kampfgenosfin erhalten. Die jüngste meiner Cousinen, die elfjährige, lebhafte Grete schließt sich mir liebevoll au und sucht die Taktlosigkeiten ihrer Angehörigen durch zarte Aufmerksamkeit und rührendes Entgegenkommen gut zu machen. Sie bar, mit ihrer älteren Schwester tauschen zu dürfen und schläft nun in meinem Zimmer. Da plaudern wir denn bis tief in die Nacht hinein. Sie har die Gabe des Herausholens und ich bin mitunter ganz erstaunt über mich, wenn ich ihr irgend einen Winkel meiner verschwiegenen Seele unabsichtlich bloßgelegt habe, ihr von Dingen erzählte. die ihrem Horizont noch fernliegen. Immer wieder läßt sie mich aus Erinnerungen schöpfen, die mit meiner guten Mutter eng verknüpft sind und berührt mit fast heiliger Scheu die Saiten meines religiösen Glaubens. „Ich wäre eine sehr fromme Jüdin geworden, Marga, ich fühle es", sagte sie gestern sinnend. Ich habe sie lieb. Marga. (Fortsetzung folgt.)

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