Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 34 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063657--08036-3075171- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion nnd Sldministralion: Attabhängige Aertfchrist für silbische Wien. U, Novaragasse 21 Telephon: Sfeboftioii 5509/1V. «Ha»zjai»ig.K 14.— Halbiiid' >g.K 7.— Sttbminiftratiou 4938 11. _ S. k. üfterr. Nostsvarkasia- Echeck-Konko Nr. 100.918. Antere^en. iviit Jhiltnsbriimte: tMnii*jiibri||.K1 *•>. - Inserate: Dt« viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitng. fs-hr Vlu-?Umt>: RbonneinemSnnd Jnserrions» <Miiit*iüDriii.S 'JJlrtct betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. - Motto: „Das Siegel (Lottes ist Wahrheit!“ rt ütuöei oder M Are»! ■ |Irl 34. Wien, 30. August 1012. Inhalt: Aus der Woche. — Nachrichten. Brief aus Baden. — Der Antisemitismus in Amerika — Ein Feldzug gegen das Alte Testament. - — Verschiedene Ans der Woche. Durch den antisemitischen Blatterwald geht ein sreudiges Rauschen über den Erlaß des österreichischen Kriegsministers, der eine leichte Handhabe bietet, um mittelst der neugeprägten Konduiten „Milieu" und „Repräsentation" die jüdischen Einjährigen von der Offizierskarriere ansznschließen. Doch die Schadenfreude der Herren Antisemiten ist eine höchst übereilte, denn der „kleine Mann", der den Hanpttroß ihrer Anhänger bildet, dürfte durch die geplanten Einschränkungen bei Beförderung zum Reserveoffizier mindestens so hart betroffen werden, wie der Jude. Wie sagt das jüdische Sprichwort: „Nekome an den Wanzen, das Häusel brennt." * * * Die deutschradikale Partei in Mähren, die zu gewöhnlichen Zeiten aus ihrem Antisemitismus keinen Hehl macht, versteht es trotzdem in kritischen Momenten, wenn man die Juden zu Wahlzwecken ganz gut brauchen kann, die antisemitische Flagge einzuziehen und sich mit echt germanischer Biederkeit an ihre jüdischen. Mitbürger heranzudrücken. So geschah es auch, daß angesichts der bevorstehende:! Neutitscheiner Reichsratswahl, um das sich ein deutschradikaler und ein deutschfreiheitlicher Kandidat bewerben', das Organ der dentschradikalen Partei in Mähren, das in Olmütz erscheinende „N o r d m ä hr e r b l a t t", offenbar zu keinem anderen Zwecke als um Wählerfang unter den Juden zu treiben, die Frage anfwarf, ob der Antisemitismus in Mähren eine Existenzberechtigung habe und in Beantwortung derselben einem freundnachbarlichen Verhältnisse zwischen deutschen Ariern und Juden in Mähren das Wort sprach. Diese Anffassung ging aber den jndensressenden Oberbonzen in der deutschradikalen Reichsparteileitnng gegen den Strich und so veröffentlichten namens der letzteren die Abgeordneten K. H. Wolf und v. S t r a n s k y folgende Erklärung: „In der Nummer 28 des „Deutschen Nord m ähre r- Blatt" erschien ein Artikel unter dem Titel „Was will die deutschradikale Partei in Olmütz?", worin einer — wenigstens örtlichen — milderen Auffassung der Judenfrage das Wort geredet wird. Demgegenüber stellt die deutschradikale Reichsparteileitung fest, daß die Bekämpfung des Einflusses der Juden im öffentlichen Leben (im Sinne des Linzer Programmes) eine wesentliche und für die Parteizugehörigkeit unumgängliche Forderung des Programmes der Deutschradikalen ist. Der bezügliche Artikel war, wie durch ausdrückliche Erklärung des Berfäffers feststeht, nur von diesem als Person, nicht als Aeußernng der'dentschradikalen Partei in Olmütz, geschweige denn der Gesamtpartei, geschrieben. Für die Reichsparteileitnng: K. H. Wolf v. Stransky." Nun haben es die Juden in Mähren und nicht minder die in Böhmen mit aller Deutlichkeit gehört, wie ein wahrhaft teutscher Mann sich zu ihnen stellen muß, und hoffentlich wird diese Belehrung den Erfolg haben, daß sie in Zukunft nicht anderen uachlaufen, oder sich von anderen mißbrauchen lassen, sondern mehr reale Politik treiben, die den eigenen Vorteil und nicht den der Gegner wahrnimmt. * * Ein Schritt auf dem Wege zu diesem Ziele wäre die Realisierung einer Anregung, die angesichts der Verhandlungen über den deutsch-tschechischen Ausgleich in Böhmen in der Prager „Selbstwehr" gegeben wird. Dort äußert sich ein Einsender in folgender Weife: Es ist wohl mehr als überflüssig, hier über die wohltätigen Folgen zu sprechen, die ein Ausgleich zwischen beiden das Land Böhmen bewohnenden Völkern nach sich ziehen würde. Dagegen glaube ich als Jude eine Forderung aufstellen zu dürfen, die wohl ebenso gerecht als auch für uns Juden von großer Tragweite ist und die glattweg darin gipfelt, den Juden in Böhmen ein Abgeorduetenmandat einznräumen. Jnfolange die antisemitische Bewegung die große Oeffentlichkeir nicht erobert hatte, kam es hie und da vor, daß ein Jude oder mehrere sogar in den Landtag gewählt wurden, und zwar solche, die auch für eine jüdische Sache einzutreten Herz und Mut hatten. Seit mehr als einem Jahrzehnt haben aber die Inden als sölch'e im Landtag keinerlei Vertretung, der vorige war, wie bekannt, sogar judenrein. Und diese Tatsache ist nicht nur für uns Juden allein beschämend, sie ist es auch für jeden politisch denkenden Mann im Lande; allein die Parteien, mögen sie welchen Namen auch immer tragen, fürchten sich allesamt, einen Juden als Kandidaten anfzustellen, weil das Mandat dadurch für die Partei sin vorhinein verloren wäre. Und doch fordert die einfachste Gerechtigkeit, daß die nunmehr auf 99.000 Seelen herabgesunkene jüdische Bevölkerung zumindest einen Abgeordneten im Landtag sitzen hat. den sie ebensogut oder vielmehr kraft ihrer Bedeutung mehr als alle anderen Parteien beanspruchen darf. Es ist zu hoffen, daß, wenn die Forderung einmal aufgestellt wäre, diese von keiner der streitenden Parteien abgelehnt werden würde, schon deshalb nicht, weil sie alle fühlen,, welches Unrecht an uns geübt wird, ohne die Möglichkeit zu haben, es zu beheben, Gerade jetzt, wo die Gestaltung der künftigen Verhältnisse in Böhmen im Flusse ist, wäre der rechte Augenblick gegeben, diese Forderung mit Nachdruck zu stellen. Das Mandat dieses