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Die Wahrheit · 1912-08-16 · Heft 32 (16.8.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 32 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite A Nr. 32. Die Wahrheit FeniUeton. Der Verkaufte Sohn. Bo» Babette Fried, Prag. (Schluß.) Rosa fand keine Antwort. Sie blickte nur still vor sich 'hin und ihre Hände zupften nervös an der Garnierung ihres Kleides. Der Advokat wurde dringlicher. „Lassen Sie mich nicht ohne jede Hoffnung von hier -scheiden. Sagen Sie mir, daß Sie mich erst näher kennen lernen oder daß Sie mit Ihrer Mama sprechen wollen; bestimmen Sie mir eine kurze, ja eine längere Frist zu Ihrer Entscheidung." „Ich kann nicht." „Wie, bin ich Ihnen denn so zuwider, liebes Kind?" .Energisch schüttelte diese ihr Köpfchen. „Nicht doch, Herr- Doktor, wenn mein Herz noch frei wäre, würde ich ohne Zögern Ihren mich ehrenden Antrag annehmen." „Wie?' unterbrach sie Doktor Paffer, „Sie lieben?" „Als ob Sie das nicht schon längst wissen; Sie mußten es ja erraten haben, daß ich meinen Pflegebrnder aus vollstem .Herze liebe, wäre ich denn zn einem Fremden gefahren, um ihn zu pflegen?" „Ah. Samy", rief der Doktor aus. „Der ist ja weit weg, übers Meer". „Kann das Weltmeer treue Liebe trennen? Er versprach mir, wenn er eine Existenz gegründet habe, mich hinüber .zu holen." „Darauf warten Sie also? Armes Kind, ich fürchte sehr, daß Ihnen eine große Enttäuschung bevorsteht, außer, daß die neue Welt Ihrem Pflegebruder auch neue Grundsätze verleihen würde." Verstimmt, enttäuscht verließ der Advokat die Gesellschaft. Er hatte auf diesen Tag alle Hoffnungen gesetzt und mußte -nun die Erfahrung machen, daß treue Jugendliebe allen glän- .zeuden Verheißungen zu widerstehen vermag. Mit der Heirat seines Konzipienten kam neues Leben in die Kanzlei. Doktor- Weiß wurde stiller Teilhaber der Kanzlei und stellte den größten Teil seiner großen Mitgift in den Dienst der gemeinsamen Sache. Die ansehnlichen Unternehmungen, die er jetzt leiten konnte, lenkten den jungen Advokaten etwas von dem Schmerze ab, den ihm diese große Enttäuschung bereitete. So vergingen wieder .zwei Jahre. Ludmilla wiegte ein reizendes Mädchen auf dem Arme, welches von den beiden strammen Buben ihrer Schwester Melitta als ein Weltwunder angesehen wurde. Gelegentlich eines Besuches, den Doktor Jakob Weiß mit Frau und Kind in der .Heimat machte, war die ganze Familie in dem alten Kaufmanns- Hause versammelt. Man hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, Jemals etwas von dem abwesenden Sohne und Bruder zu erfahren, nachdem von allen denjenigen, an die Samy damals empfohlen war, auf Befragen die gleichlautende Antwort einlief, er habe sich dort nicht gezeigt, man kenne ihn nicht. Es wurde auch nicht von ihm gesprochen, schon ans dem Grunde nicht, um den alten Goldstein nicht unnötigerweise anfznregen. Nur Rose Ahronson hoffte im Stillen auf seine Wiederkehr. Sie chatte alle Heiratsanträge znrückgewiesen, und selbst das stille Werben Dr. Passers und dessen fortgesetzte zarte Aufmerksamkeiten ließen sie kalt. Da kam ein Brief ans Chikago an, die Adresse von der Hand Samys geschrieben. Dem alten Manne zitterten vor Freude die Hände; er war unfähig, das Siegel zu erbrechen. Der -anwesende Markus entfaltete den Brief und las folgendes vor: „Lieber Vater! Ihr habt mich gewiß alle als tot betrachtet und bei den -vielen Sorgen, die ich Euch von jeher gemacht habe, werdet Ihr mich kaum betranert haben. Doch wie sagt das alte Sprichwort? Gott verläßt keinen Böhmen, wenn er nur ein klein bisserl Deutsch kann. Und ich habe nicht nur Deutsch gekonnt, als ich hieher kam, sondern auch etwas Englisch, und das hat mir geholfen. Denn mir ist es anfangs nicht gar gut gegangen. Die paar hundert Gulden, die ich mit nach Amerika gebracht habe, die waren bald futsch; alte Bekannte ans der Heimat, die sich an mich gemacht haben, neue Bekanntschaften, die ich machte, haben mir geholfen, bald damit fertig zn werden. Denn hierzulande kauft man für einen Dollar kaum so viel, wie daheim für einen Gulden. Als alles weg war, sogar meine Uhr, selbst der Stock mit dem silbernen Knopf, den mir Doktor Passer zum Andenken gegeben (vermutlich glaubte er, daß ein Stock für mich das Beste sei), als alles weg war, erinnerte ich mich an die Briefe, die ich mit harte und ging mich zn den Leuten vorstellen. Aber da kam ich schön an. Der Brief sei alten Datums, wer weiß, wie ich dazu gekommen bin, ob ich nicht den rechtmäßigen Besitzer desselben ermordet habe, und was dergl. mehr ist. Nun hieß es Arbeit suchen. Ich habe alle Stufen vom Schnhwichser, Zeilungsträger. bis zum Küchenjungen in einer Restauration, einem Bordinghonse, mitgemacht. Daselbst aber trat eine günstige Wendimg in meinem Leben ein. Die erste Köchin in dem Hanse verliebte sich in mich und wir heirateten einander. Mit ihren Ersparnissen übernahmen wir eine ähnliche kleine Restauration und es geht uns ganz gut. Jedenfalls bin ich mein eigener Herr und muß niemanden gehorchen, was ich zeitlebens nicht gerne getan habe. Der Name meiner Frau ist Sarah Mautner; sie ist eine geborene Böhmin aus der Pilsner Gegend. Nächstens schicke ich Euch ihr Bild. Sie ist nur um wenige Jahre älter als ich und auch nicht so schön wie unsere Mädels oder Rabbiners Rosel. Das Schaferl hat sich eingeredet, ich werde mir sie abholen kommen. Wäre mir nicht eingefallen. Hier kann mau solche zarte Dinger nicht brauchen, wie sie es ist, hier sind so derbe Frauenzimmer am Platze, wie meine Sarah." In diesem Tone ging es fort, mehrere Seiten hindurch. Augenscheinlich war Samy Goldstein in der neuen Welt der alte Leichtsinn geblieben. Wie von schwerer Sorge befreit atmeten alle auf. War ja das Skelett des Hauses, das die Familie niemals recht zur Ruhe kommen ließ und dessen unverantwortetes Anftauchen immer befürchtet wurde, geborgen im sichern Hafen der Ehe angelangt. Wenn auch Hundert gegen eines zn wetten war. daß der liebe Samy seiner angetranten Gattin, der Frau Sarah, eines schönen Tages überdrüssig wird und sie aits dem Boardinghouse hinauswirft oder von ihr hinausgeworfen wird — es kommt darauf an, wer von beiden der stärkere Teil ist — io war doch für den Moment von ihm nichts zu befürchten. Der in dem Briefe vorkommenden leichtfertigen Bemerknng über Rosa Ahronson wegen, hatte Goldstein den Brief vor jedermann, selbst vor der Rabbinerschen Familie verborgen, ihnen nur in dürren Worten dessen Inhalt mitgeteilt. Auf Rosa hatte die Nachricht von der Treulosigkeit ihres Jngendfreitndes einen sehr traurigen Eindruck hervorgebracht. Lange Zeit ging sie mir verweinten Augen umher, mied alle Gesellschaften, mit Ausnahme der Goldsteinischen Familie, deren Namen allein ihr Trost in ihrem Seelenschmerze gewährte. Rosa Härte aber nicht ein junges Mädchen sein müssen, mit einem für Liebe empfänglichen Herzen begabt, wenn sie für die ausdauernde Bewerbung des Doktor Passer länger unempfänglich geblieben wäre, nun ihr der Geliebte ihrer Jugend unwiderleglich verloren war. Ein Jahr nach Anlangen jenes ominösen Briefes aus Amerika folgte sie ihrem treuen Verehrer unter den Tranhimmel. Bei der Hochzeitstafel, als alle Gäste in der heitersten Stimmung waren, hielt der glückliche Brautvater eine launige Tischrede, worin er den Neuvermählten unter anderem den Rat erteilte: „Meine Kinder! ‘ Folget mir und taufet Euch niemals einen Sohn. Das ist das schlechteste Geschäft, welches ein Rabbiner, oder auch ein Privatmann, machen kann. Ich habe es erprobt, nnd ein Advokat, wie mein lieber Schwiegersohn, wird seine Lehren daraus ziehen."

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