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Die Wahrheit · 1912-08-09 · Heft 31 (9.8.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 31 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 31 , Die Wahrheit Seite A. —-:---—-—-—---:--;• —---:---:-:-**¥- Fenillelou. Aer verkaufte Sohn. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) „ Schade, daß mir in meiner Praxis jetzt kein Fall vorkommt, iuo es eilte, flammende Verteidigungsrede zn halten gibt, da wären Sie am Platze, lieber Kollega! Beim ersten diesbezüglichen Falle schicke ich Sie ins Feld. Indessen muß rasch gehandelt werden, wenn einer gerichtlichen Untersuchung vorgebengt werden soll. Ihrer Versicherung. daß der alte Goldstein jeden Schaden vergüten wird, glaubend, gehe ich gleich znm Direktor der Bank und werde dort im Namen Goldsteins, den ich als meinen Klienten hinstelle, einen Vergleich arrangieren. So geschah es auch. Der Fehlbetrag war ein so geringer, daß der Advokat selben gleich aus eigenen Mitteln erlegen konnte. Das Schlimmste bei der Sache war die raffinierte Art und Weise, mit welcher der junge Goldstein vvrgegangen war. Die beiden Juristen mußten sich gestehen, daßSmuy zu Beginn einer Berbrecherlänfbahn stehe, die ihn ins sichere Verderben führen werde, wenn er den eingeschlagenen Pfad nicht verlasse. Als Weiß sich zn Goldstein begab, um ihm die glückliche Abmachung mitznteilen und bei dieser Gelegenheit ins Gewissen ZN reden/ erschras er nicht wenig, als er diesen in teilnahmslosem. Anstande, sieberglühend, antraf. Der rasch herbeigehvlte Arzt konnte vorderhand nur eine schwere nervöse Krankheit konstatieren; erst anderen Tages lautete Hessen Diagnose: Typhus. Der allezeit znm Witze machen geneigte Advokat sagte scherzend zu seinem ernst dreinblickenden .Konzipienten. „Wie recht hat man mit der Behauptung, daß in Prag infolge schlechten Trinkwassers der Typhus entsteht. Der arme Kerl hat ihn richtig auch vom Wasser bekommen/' Dr. Weiß war aber znm Scherzen nicht gelaunt; ihn bedrückte der Gedanke au die Verantwortlichkeit der Lage, in die er sich gebracht. Darum ließ er schleunigst den alten Goldstein won der Erkrankung des Sohnes benachrichtigen, der auch sofort ankam, mit ihm aber ein junges Mädchen, welches es sich nicht .nehmen ließ, den kranken Jugendfreund zn pflegen und gesund .zu machen — Rabbiners Röschen. Mit gebotener Vorsicht hatte mau dem alten Goldstein den wahren Sachverhalt erzählt und dieser konnte sich in Dankbezengnngen gegen die beiden Juristen, die sich des Unglücklichen so warm angenommen hatten, nicht genug tun. Für den schwach beschäftigten Advokaten konnte es als Glück bezeichnet werden, daß Goldstein ihm die einträgliche Führung seiner Angelegenheiten vertrante und versprach, ihn noch vielen seiner Geschäftsfreunde zn empfehlen. Im Gespräche mit Dr. Weiß ließ er durchschimmern, daß -ihm jetzt dessen Werbung um Ludmille nicht unwillkommen wäre, -und er ihrer Vereinigung kein Hindernis entgegensetzte. Wer war glücklicher als Dr. Jakob Weiß? Samy hatte .die Krisis glücklich überstanden. Tagsüber saß an dem Berte des 'schwerkranken Jugendfreundes die treue Rosa Ahronson. Die -Gefahr des Ansteckens! nicht beachtend, befolgte sie gewissenhaft' alle Befehle des Arztes und tat alles, was zur Erfrischung und Beqnemlichkeit des Patienten dienen konnte. Bevor sie abends in Begleitung von Dr^ Weiß das Krankenzimmer verließ, um bei ihrer in Prag wohnenden Tante zu übernachten, richtete sie alles .zurecht, damit der Kranke und dessen sie ablösende Pflegerin jede notwendige Beqnemlichkeit habe. Dr. Passer blickte oft beivuuderud auf die zärte Mädcheugestalt, wie sie so aufopferungsvoll für den Kranken sorgte, und sagte mit einem tiefem Seufzer zu sich .selbst, wie schade es doch, um so viele Liebe und Treue fei, welche an einem Unwürdigen verschwendet werde! — Von der sorgsamsten Pflege umgeben genas Samy zu neuem 'Leben. Da tauchte jetzt die brennende Frage auf: Was nun?" Einen anderen Posten zu suchen wäre vergebliche Mühe gewesen. Wenn sich auch das Bankpersonal über die damaligen 'Ereignisse zu tiefstem Stillschweigen verpflichtet hatte, so war es der Selbstmordversuch des jungen Goldstein, der ihn in den Augen aller als Schuldigen bezeichnete. Nach Hanfe gehen aber mochte er nicht. Er schämte sich. Auch gelüstete es den Chef des Hauses Goldftein nicht, die ehrenwerte Firma einst in Hände übergehen zu lasten, die ihm keine Gewähr für weitere solide Geschäftsführung boten. Weit lieber möge sie sich anflösen und den Namen Goldstein in der Geschäftswelt verschwinden, als sie in unreeller Weise fortznführen und den hochgeachteten Namen zu verunglimpfen. Er nahm daher den Vorschlag seines Sohnes an, in die neue Welt ansznwandern und dort ein neues Leben zu beginnen. Ausgerüstet mit allem. Notwendigen in Geld und Effekten, zahlreiche Empfehlungsbriefe in der Tasche, verließ der junge Goldstein seine Heimat, in der er eine solch unrühmliche Rolle gespielt hatte. Er ging fort, um niemals wieder etwas von sich hören zu lassen. Für den besorgten Vater hatte der Rabbiner, der immer der Freund des Hauses Goldstein geblieben War, einen gar triftigen Trostgrnud angeführt: „Dieses dauernde Stillschweigen Samys ist der beste Beweis, daß er keinen Mangel leidet,.denn sonst würde er sich an Sie, an Ihren Schwiegersohn oder an mich um Hilfe gewandt haben, da er sehr wohl weiß, daß wir ihn nicht im Stichelassen werden. Er weiß auch, daß meine Rose ihre wohlgefüllte Sparbüchse freudig leeren würde, um ihm zu helfen, gleichwie sie es durchgesetzt hat. ihn in seiner Krankheit pstegeu zu dürfen, gleichviel, was die Welt darüber gesprochen hatte." „Das sagte ich mir auch: aber wenn er unterwegs nmgekommen wäre?" Dies ist nicht anznnehmen", meinte der Rabbiner; „das Schiff ist glücklich im Hafen angekommen. und da Samy Kajütenpassagier war, so ist ihm jede Pflege sicher gewesen." Dr. Markus Weiß, Melittas Gatte, der bei dieser Unterredung zugegen war. dachte bei sich: „Ich hörte immer, wer znm Galgen bestimmt sei, der ertrinke nicht, darum hat es keine Gefahr beim lieben Schwager Samy." Trotzdem diese bange Sorge auf allen lastete, wurden dennoch die Vorbereitungen zur Hochzeit Ludmillas mit Kobi Weist aufs emsigste betrieben. Dank der Anempfehlung des dankerfüllten Goldstein hatte sich die Klientel Dr. Passers derart vermehrt, daß er nebst seinem Konzipienten noch zwei tüchtige Mandanten beschäftigen konnte. So konnte er sich auf zwei Tage frei machen, um der Hochzeit seines Freundes Dr. Weiß beiwohnen zn können. Um so lieber tat er das, als er sich freute, bei dieser Gelegenheit das liebreizende Rabbinerstöchterchen wieder zu sehen, welches bei ihrem Verweilen in Prag einen so tiefen Eindruck ans sein Herz gemacht hatte. Er fand sie noch lieblicher, in ihrer einfachen, aber kleidsamen Festtoilette als damals im dunkeln Hauskleids und ihre herzliche Heiterkeit bezauberte ihn mehr, als der damalige ernste, sorgenvolle Gemütsznstand. Berauscht, mehr von seiner entzückenden Tischnachbarin als von dem genossenen Weine, wagte der junge Advokat nach aufgehobener Tafel, als sich die junge Well anschickte, nach den Klängen eines verstimmten Klaviers zu tanzen, dem jungen Mädchen seine Liebe zu gestehen. An alles dachte er eher, als daß er sich bei dieser ländlichen Schönen einen Korb holen könne. Als weltkundiger Jurist mußte er sich gestehen, daß er für das unbemittelte Rabbinerstöchterchen jedenfalls eine glänzende Partie sei. Indessen mußte er zu seiner Beschämung einsehen, daß seine persönlichen Vorzüge, verbunden mit der Stellung eines Prager Advokaten, nicht imstande waren, dem schönen Kinde ein Jawort zu entlocken. Mit holdem Erröten und einer Verlegenheit, die ihr nicht gestattete, die richtigen Worte zu wählen, antwortete sie ihm: „Sie sind sehr gütig gegen mich Herr Doktor, mehr als ich es eigentlich wert bin. Ich bin r : einfach erzogenes Landmädchen, das weder für Sie selbst, och für den Kreis, in dem Sie verkehren, taugt." „Sie würden jeden Thro'^.eren, um wie viel mehr das Haus eines unbedeutenden Avootaten, gleich mir. Sagen Sie ja, Fräulein Rosa, und Sie machen mich zum Glücklichsten der Menschen". (Fortsetzung folgt.)

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