Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 30 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite S. Sk. 30 Fenilletou. Der Verkaufte Sohn. Bon Babette Fried, Prag. - (Fortsetzung.) Auch hätte es Markus uie und nimmer zugegeben, daß -auch sein Bruder sich um eine Goldsteiuische Tochter bewerbe, denn das hätte beide im Scheine der Mttgiftjügerei dargestellt. Es hätte so ausgesehen, als ob sie beide es ans das Vermögen ihres Wohltäters abgesehen hätten. Man wußte allgemein, daß es den-Brüdern Weiß, namentlich-dem-jüngeren, kaum möglich gewesen wäre, ihre Studien zu vollenden, wenn sie nicht von -Goldstein materiell unterstützt worden wären. Das hieße ihm die empfangenen Wohltaten schlecht lohnen, wenn sie ihm beide Töchter weggeheiratet hätten. — Doktor Jakob Weiß saß an seinem Schreibtische bei der Arbeit. Sein Chef, ein junger Advokat, befand sich auf der Suche nach einer einträglichen Klientel. So lange er diese nicht fand, konnte er seinem Konzipienten kein großes Salair bezahlen und mußte sich sogar persönlich einschränken. So bewohnte er zwei kleine, an die Kanzlei grenzende Zimmer gemeinsam mit seinem Konzipienten, Doktor Weiß. So kam es, daß sich im Laufe der Zeit ein vertrantes Verhältnis zwischen Chef und Angestellten herausbildete und sie ganz kollegial mit einander verkehrten. An diesem schönen Sommermorgen kam der Advokat in die Kanzlei und reichte wie gewöhnlich dem bereits vollauf beschäftigten Konzipienten zur Begrüßung die Hand. „Was Neues?“ frng er in gewohnter Weise. Doktor Weiß reichte seinem Chef die bereits angelangte Morgenpost. Nachdem die beiden Juristen alles besprochen hatten, fragte Doktor Fässer seinen Konzipienten: „Haben Sie die heutige Zeitung schon gelesen?" „Nur flüchtig durchgeblickt. Ich wollte die Akten abkopieren, bevor Sie kamen." „Nun, was sagen Sie zu dem Diebstahl in der Kommerzialbank?" Das Wort Kommerzialbank rüttelte Weiß ans seiner Gleichgiltigkeit ans. In dieser Bank war ja der Schwager seines Bruders, Samy Goldstein, angestellt. Eine schreckliche Ahnung durchfuhr ihn. Wie wenn dieser seine Hand im Spiele hätte. Fähig war er dazu. Dem Doktor Fässer war die Bestürzung von Weiß ausgefallen, und er sagte, fast neckend, zu diesem: „Sie erschrecken Ja so, als wenn Sie selber der Defraudant wären. Was geht denn Sie diese Geschichte an?" „Mehr als Sie ahnen. So sehr, daß ich Sie um Urlaub -für den heutigen Tag bitten muß, um selber hinzugehen und mich zu erkundigen." Der Urlaub wurde ihm bewilligt, und Weiß lief mehr, -als er ging, zu der Anstalt, woselbst seit Jahresfrist sein Landsmann, Samy Goldstein, angestellt war. Trotzdem nichts aus dem Innern derselben herausdraug. wußte die vor den Eingangstnren angesammelte Menschenmenge dennoch, daß eben eine 'Revision der Kassa vorgenommen wurde, da einer der Angestellten Anweisungen gefälscht und auf diese Weise große Summen -veruntreut habe. Wer der Täter sei, werde die angestellte Untersuchung zeigen. Nach Samy wagte der vorsichtige Jurist nicht zu fragen, aus Furcht, den Verdacht auf ihn zu lenken. Indessen beschloß er, jedenfalls Samys Vater hierher zu berufen, damit er nötigenfalls sofort vermittelnd eingreifeii könne, wenn tvirklich Samy in diese unsaubere Angelegenheit verwickelt wäre. Auf welche Weise dies am raschesten zu bewerkstelligen wäre, das war die Frage. Zn Anfang der 5Oer Jahre war die Heimatstadt Goldstein'S weder mit einem Schienenstrang, noch mit einem Telegraphendraht mit der Landeshauptstadt verbunden. Eine Depesche konnte nur von der nächsten Kreisstadt ans durch einen reitenden Boten befördert werden, was in dem stillen Städtchen ein riesiges Aufsehen gemacht hätte, vielleicht ein eben so großes, als wenn Samys Tat schon daselbst bekannt worden wäre. Doktor Weiß beschloß, einen Fiaker zu nehmen, um auf diese Weise am raschesten selber zu Goldstein zu gelangen, für den Fall nämlich, daß Samy wirklich der Schuldige sei, was er, trotz der schlimmen Ahnungen, die sein Gemüt verdüsterten, doch immerhin nicht wußte. Vorher mußte er in die Wohnung Samys gehen, und von ihm selbst, oder-, wenn er abwesend wäre, von seinen Quartiersleuten Näheres zu erfahren suchen. Da Samy in einer der am Moldauufer gelegenen Gassen der Judenstadt wohnte, so ging der junge Doktor an dem Ufer langsamer hin. in der Erwartung, daß der vom Wasser wehende, erfrischende, kühle Hauch sein stürmisch wallendes Blut abkühlen und seine aufgeregten Sinne beruhigen werde. In tiefes Sinnen versunken, war er bis hart an den Rand des Stromes gekommen. Da blickte er auf und sah eine Menschenmenge, welche sich zu einem am Rande des Wassers befindlichen Kahne drängte. Da war offenbar ein Unglück geschehen oder ein Verbrechen, vielleicht ein Selbstmord. „Ein 'junger Mann", hieß es, „ist von dem Kahne ins Wasser gesprungen." „Lebt er?" frag der Doktor fast atemlos. .Mein, er liegt in . dem Kahne, wohin man ihn geschafft hat." — Mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft und einer Rücksichtslosigkeit, die ihm sonst nicht eigen war, bahnte sich Weiß einen Weg durch die gaffende Menge, bis er zu dem Kahne kam, woselbst der Gerettete mir seinen Rettern, den beiden Flössern, die ihn mit eigener Lebensgefahr herausgefischt hatten, sich befand. Letztere machten verzweifelte Anstrengungen, den anscheinend Leblosen zum Leben zu erwecken, bevor der Arzt, um den man bereits gesandt, zur Stelle war. Hatten sie doch bei ihrem Berufe gar oft Gelegenheit, einem Ertrinkenden die erste Hilfe angedeihen zu lassen. Trotzdem der junge Mann kalt und starr auf der am Boden des Kahnes gebreiteten Decke lag, gaben sie doch die Hoffnung nicht auf. daß es ihren Bemühungen gelingen werde, den Unglücklichen dem Leben wiederzugeben . Ein Blick auf den Selbstmörder sagte Doktor Weiß, daß sich seine schlimmste Ahnung erfüllt habe. Es war Samy Goldstein, welcher in den Wellen der Moldau sein Grab gesucht. Doktor Weiß beteiligte sich eifrig an den Wiederbelebungsversuchen und hatte bald die Freude, daß diese von Erfolg waren. Samy schlug die Augen auf, und sein Blick fiel auf den sich um ihn bemühenden Doktor Weiß, und, am ganzen Körper zusammenschauernd, schloß er die Augen wieder, gleichsam, als wollte er niemand Bekannten sehen, und auch vou niemand anderem gesehen werden. Doch, da stand schon der Fiaker, den Weiß inzwischen hatte holen lassen, und er brachte Goldstein mit Hilfe der Flößer in den Wagen, in welchen er dann mit diesen beiden selber einstieg. So brachte er den Geretteten in seine eigene Wohnung. Daselbst bereitete er ihm ein bequemes Lager auf dem Sofa, und deckte ihn mit warmen Wolldecken zu. In der Junggesellenwohuung der beiden Juristen war alles Notwendige vorhaudeu. Weiß bereitete dem von innerem Froste Geschüttelten einen heißen Tee, den dieser gierig schlürfte, um gleich darauf in einen tiefen Schlaf zu verfallen. Indessen berieten die beiden Juristen, was in diesem traurigen und höchst gefährlichen Falle zu tun sei. Der Advokat riet in seinem starren Rechtlichkeitsgefühle, der Sache ihren Lauf zu lassen und den Missetäter der wohlverdienten Strafe zu übergeben. Mit beredten Worten setzte ihm aber Weiß auseinander, daß diese Strafe nicht nur den wirklich Schuldigen erreichen würde, sondern auch unschuldige Personen, als dessen Vater und Schwestern. und daß schließlich auch er selbst indirekt in Mitleidenschaft gezogen würde, da man es gewohnt sei, das Schicksal der Brüder Weiß mit der Familie Goldsteiu verflochten zu sehen; es seien nicht so die Verwandtschaftsverhältnisse, als die Pflicht der Dankbarkeit, welche die beiden Doktoren Weiß mit der Familie Goldstein verband. Jakob hatte mit einem solchen Eifer und solcher Wärme gesprochen, als stände er vor einem Gerichtshöfe, und hätte einen jugendlichen Verbrecher zu verteidigen. Dies meinte auch sein Chef, indem er lächelnd sagte: (Fortsetzung folgt.)