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Die Wahrheit · 1912-07-12 · Heft 27 (12.7.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 27 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 27. Die Wahrheit Breite 9K Oefterr-ungar. Kantareu-Uerein. Die P. T. Mitglieder des Vereines werden dringendst ersucht, die rückständigen Beiträge unverzüglich eiusendeu zu wollen. Die Herren Kollegen werden im Interesse der Solidarität aufgefordert, unter leinen Um st ä n d e n, ohne E r f a tz -d e r S pese u einer E i n ladilng behnfs Abhaltung -eines Probevortrages Folge zu leisten. Der Vorstand des „Oest.-nng. Kantoren-Bereines" Wien. KrniUeton. Der verkaufte Sohn. Von Birbette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Trotzdem konnte sie den Augenblick kaum erwarten, wo sie diese Mitteilung entgegennehmen sollte. Eine traurige Gewißheit schien ihr besser, als die Qual des Ungewissen. Endlich war auch dieser mühsame, anfregnngsvolle Tag zu Ende. In ihrem weiten, mit einer Kapuze versehenen Mantel schlich sich Melitta, von .allen unbemerkt fort, zum am Ende des weitläufigen Hauses gelegenen Magazine. Dort wurde sie bereits erwartet. „Ohne viele Umstünde, Melitta, ich habe dir etwas sehr Unangenehmes zu sagen." „Ich wußte es wohl", hauchte Melitta. „Von dir, deiner Klugheit hängt es ab, die Folgen einer unseligen Tat deines Bruders zu mildern, wenn du deinen .ganzen Einfluß auf deinen Vater ausbietest, damit er noch morgen, hörst du noch morgen, Sonntag, Samt) aus der Schule nimmt. .Geschieht dies nicht .morgen, so wird er unbedingt Montag schon mit Schimpf und Schande davongejagt. Das möchte ich gerne verhindern, dir zu Liebe und ans Schonung für deine Mutter, der dieser Vorfall den Todesstoß geben würde." Melitta war leichenblaß geworden. „Warum, was hat das Kind begangen?", stammelte sie. „Etwas Schreckliches, nicht zu Entschuldigendes." „Könnte da nicht der Rabbiner intervenieren? Er steht mit dem Schuldirektor und Samys Klassenlehrer ans kollegialem Fuße." „Nein, das geht nicht. Als Religionslehrer gehört er dem Lehrkörper der Schule an und kann daher nicht zu Gunsten eines Schülers und besonders seines Pstegesohnes sprechen. Er muß Recht — Recht sein lassen, und tuemi» notwendig ist, sein eigenes Kind opfern, wenn es sich gleich deinem Bruder vergangen hätte." „Was aber um Gotteswillen hat der Unselige verbrochen?" „Etwas Entsetzliches, was vor ihm noch kein Judenkind an der Schule gemacht hat." „Er hat doch nicht gestohlen?" Das Stillschweigen des Doktors auf die im Tone des Zweifels gestellte Frage belehrte das Mädchen, daß sie es erraten habe. Melitta taumelte zurück, als Hütte ihr jemand einen Schlag versetzt. Der Doktor fing die Wankende in seinen Armen ans. „Mein armes, armes Lieb, ich weiß, es hat dich hart betroffen, doch mußte es sein, ich durfte nicht znrückhalten, denn die Zeit 'drängt. Nur du allein kannst deinen Vater zu dem harten, aber notwendigen Schritt veranlassen. Jetzt gehe ins Hans zurück und suche ihn ans. „Erst muß ich alles wissen." „Wozu? Doch es sei! Schon seit einer längeren Zeit gehen in Samys Klasse diverse.Gegenstände verloren: Zeichenreqnisiten, Bücher, Taschenmesser. Geldbörsen usw. Der Verdacht lenkte sich allerdings einigemale auf Samy, doch leugnete er alles weg und beweisen konnte man ihm nichts. Er leugnete stets mit einer solch verblüffenden Frechheit, daß es ihm immer gelang, den Verdacht von sich aus andere zu wälzen. Gestern vermißte der Klassenlehrer ein wertvolles Anhängsel von seiner Uhrkette und da stellte es sich heraus, daß es Samy gesunden, verkauft und mit seinen Kameraden, einigen verlotterten Sprößlingen ans der Hefe des Volkes, in einer obskuren Kneipe verjubelt hat. Der Gastwirt hatte anch alle früheren gestohlenen Dinge ihm abgenommen, und dafür Zigarren und Wein verabfolgt. Seiner Konfirmation wegen war Samy heute nicht in der Schule; morgen am Sonntag ist Ferialtag, Montag wird unnachsichtig das Ergebnis der gepflogenen Untersuchung verkündet. was die Ausschließung des Schuldigen zur Folge haben wird. Dem muß vorgebeugt werden, und da ist es nun deine Sache, deinen Vater dazu zu veranlassen." „Der arme Vater!" stöhnte Melitta. „Er hat solche Hoffnungen in den Knaben gesetzt, er wollte durchaus einen Doktor aus ihm haben —". „Gleich den Söhnen des armen verachteten Gemeindebäckers Weiß", unterbrach sie Markus mit unverkennbarer Bitterkeit im Tone. „Unsere Lorbeeren haben ihn nicht zu Ruhe kommen lassen." „Du bist ungerecht, Markus!" Dieser fuhr ungeachtet des Zwischenrufes fort: „Tröste dich, Kind; Doktor wäre lieb Samy aus keinen Fall geworden, selbst wenn dieser traurige Zwischenfall nicht eingetreten wäre, der ihm die Türen jeder Lehranstalt verschließt. Er .hat es ja auch Gott sei Dank nicht nötig. Der Vater hat ja Geld genug, um seinem Sohne ans eine andere Weise eine Existenz zu gründen, vorausgesetzt, daß er andere Wege einschlägt als diejenigen, ans denen er bisher gewandelt. Jetzt handelt es sich nur darum, daß der unausbleibliche Skandal etwas abgeschwächt wird; darum muß der Bub freiwillig die Schule verlassen." Die Feier bei Goldsteins hatte in Folge dieser Unterredung einen gar traurigen Abschluß gefunden. Samy fiel seinen Eltern zu Füßen, stehle und winselte um Nachsicht, Goldstein tobte und wetterte, die Mutter weinte und rang verzweiflungsvoll die Hände. Ludmilla bemühte sich, die Mutter zu beruhigen, und sie in ihr Schlafzimmer und zu Bette zu bringen, Melitta suchte den Vater nmznstimmen und hatte für die mit einer Ohnmacht ringende Mutter Worte des Trostes, den sie selber nicht empfand. Nur für den Schuldigen hatte sie kein Wort, keinen Blick. Sie konnte es ihm nicht vergeben, daß sie seinetwegen so beschämt vor Doktor Weiß gestanden, der doch sonst wie zu seinem Ideale zu ihr aufgeblickt hatte. Wie tief stand nun sie und ihre Familie unter ihm, der sie mit der Lauterkeit seines Charakters nun so hoch überragte. Sie wußte in ihrer Gereiztheit dem Doktor kaum Dank, daß er sie zu seiner Vertranten gemacht und dadurch verriet, daß er um diese Sache wisse. So unberechenbar ist das menschliche Herz. Statt dem heimlich geliebten Jugendfreunde Dank zu wissen, daß er mit seiner Warnung einem öffentlichen Skandal vorgebengt hatte, zürnte sie ihm, weil sie in einigen seiner Wörter eine versteckte Schadenfreude zu bemerken geglaubt hatte. „Und eigentlich," so dachte sie, „hat er ja Grund genug, sich über uns zu erheben. Er, Doktor Markus Weiß stammte aus dem ärmsten Hanse der Gemeinde, sein Vater, ein gänzlich unwissender Mensch, ernährte sich kümmerlich dadurch, daß er als Bäcker für jeden aus der Gemeinde sozusagen Handlangerdienste verrichten mußte. Aus diesen trüben Verhältnissen hatte er sich durch Fleiß und Charakterstärke ausgeschwungen, bis er den Doktorgrad erworben, und von seiner Heimatstadt als Stadtarzt angestellt wurde. Und ihr Bruder? Der einzige Sohn des vornehmen, reichen Goldstein, der im Hanse des Rabbiners eine sorgfältige Erziehung genossen, sollte mit Schimpf und Schande ans der dritten Gymnasialklasse ansgejagt werden, wenn es sein Vater nicht vorzog, ihn selber sein Studium abbrechen zu lassen. Nur schwer entschloß sich Goldstein anderen Tages zu dem traurigen Gang ins Rektorat des Gymnasiitms. Vorher kehrte er noch bei dem Rabbiner ein, um ihn zu einer Aktion zu Gunsten des Jungen zu veranlassen. Daselbst traf er alles in größter Aufregung an. (Fortsetzung folgt.)

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