Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 25 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien. II,', Novaragasss 27 Tclevhon: Siebafiioit 5509/IV. Unabhängige Aertfchrift für jüöische Nekttnsprek»: (Miuijiiibiirt.K 14. — Halbiiid'ia.K 7 — Jlbminiftratiou 4938II. fl. t. üsterr. SBoftfimrlafia« Slvrck-floiilo 91 r. 100.918. Interessen. Für JhiltnSbrmnte: Inserate: Die viermal gejvaltene Ilonparcille-Zeile 25 Heller. Erscheintjeden Kreil 119. Für 'Ausland: Abonnements- und Jniertions- K^IilDti||.8 UHiivt betröge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Uottes ist Wahrheit.!“ fi Sliibei »der 1*5 Are» Ar. 85. ten, 28. Juni Jnhult: Das antisemitische Tirol. — Aus der Woche. — Jto-Konferenz Wien. — Gottesdienst und Religion. — Von der jüdischen Kolonisationsarbeit in Palästina. — Feuilleton: Der verkaufte Sohn. — Oesterr.-ungar. Kantorenverein. — Verschiedene Nachrichten. Abonnements-Einladung. Are geehrten Kerren Aöonnenten werden nm umgehende Erneuerung des AöonnemenLs für das am 1. Juli 1912 öeginnende 3. Huartat ersucht, damit die regelmäßige GXpedition des ILtattes keine Ilnterörechnng erleide. Abonnements-Bedingungen: Sanzjährig Kr. 14.— Kalöjährrg Kr. 7.—, vierteljährig Kr. 3.50. K. l. Postfparkasfen-Korrto 1VO.S18. -. Probenummern gratis zur Verfügung. Das antisemitische Tirol. In den meisten Alpenländern, in der Schweiz, den französischen Alpen und in Oberitalien, ist das Wort antisemitische Sommerfrische ein unbekannter Begriff. Die Bevölkerung würde es einfach nicht verstehen, wollte inan etwa unter den Erholungsuchenden aus aller Herren Länder eine Auslese nach der Konfession oder Nationalität treffen. Ganz abgesehen von dem wirtschaftlichen Schaden, den sie sich damit selbst zufügen würden, schützt die Bewohner dieser Länder vor einer solchen Torheit schon ihre ältere und höher entwickelte Gesellschaftskultur. Anders liegt die Sache leider in den dentschösterreichischen Alpengebieten und insbesondere in Tirol. Dieses Land marschiert schon seit geraumer Zeit an der Spitze der konfessionellen Intoleranz und Unkultur. Das Zentrum dieser antisemitischen Abschließungstendenzen bilden gewisse dentschnatiouale und klerikale Kreise in Nordtirol, die auch jetzt wieder die Bevölkerung ganz ungeniert zum Boykott der jüdischen Sommergäste auffordern. Ein weitverbreitetes Blatt, der „Allg. Tiroler Anzeiger", treibt die Schamlosigkeit so weit, in einem Artikel, der Judenreiuheit für ganz Tirol und Oesterreich fordert, zu schreiben: v „Es wird bald ganze Orte geben, die judenrein sind. Das alles müßte öffentlich kundgemacht und kontrolliert werden. Wenn in einem Hanse die Schweinepest ansbricht, muß es der Behörde angezeigt' werden. Warum soll das christliche Volk nicht auch wissen dürfen, in welchem Hanse oder Gastböf die ..Judenpest" herrscht oder welche Personen, Häuser und Orte judenrein sind? Oder ist etwa Glaube, Sittlichkeit und Vaterland weniger des Schutzes wert als ein Tier?" Eine solche Unzucht der Sprache muß Jedem, der auch nur noch einen Funken von Eyrgesühl und nationaler Würde besitzt, die Schamröte ins Gesicht treiben. In Tirol dagegen findet sich niemand, der gegen eine solche Niedrigkeit der Gesinnung, die dem ganzen Lande den Stempel eines barbarischen Staates aufdrückt, energisch protestiert. Auch die offiziellen Kreise der Verwaltung, die Staatsbehörden, schweigen, obwohl die -Aufforderung alle Merkmale des Boykotts enthält. .Wenn diese Prediger des konfessionellen Hasses wenigstens noch ehrlich genug wären, die antisemitische Flagge überall offen herauszufteckeu. Aber weit gefehlt. Eine große Anzahl dieser antisemitischen Sommerfrischen annoncieren in österreichischen und reichsdentschen Blättern, auch liberalen, von Inden gelesenen Zeitungen, ohne auch nur mit einer Silbe ihren antisemitischen Charakter anzndeuten. Viele jüdische Sommergäste folgen ahnungslos dieser Einladungen und sind dann an Ort und Stelle den schlimmsten Belästigungen nnd empörender Zurückweisung ausgesetzt. Nur ganz wenige Orte treten mit offenem, antisemitischem Visier hervor, wie z. B. Kitzbühel, dessen Fremdenverkehrsverein in seinem Prospekte erklärt: „Daß in der einen oder anderen Wohnung in Kitzbnhel sich Juden einmieteu, ist bei der großen Anzahl von Wohnungen nicht ganz zu vermeiden." In vielen Gegenden sollen die Pfarrer die Hauptträger dieser antisemitischen Agitation sein, die den Vermietern von Sommerwohnungen dringend aus Herz legen, an keinen Juden zu vermieten, und deren Wühlereien denn auch schon eine ganze Reihe von Ausschreitungen nnd Belästigungen der jüdischen Sommergäste zur Folge gehabt haben. Die Animosität gerade der katholischen Geistlichen gegen Juden soll darauf znrückzuführen sein, daß einige Sommergäste, deren Judentum noch gar nicht nachgewiesen ist. in einem Orte des Puftertals sich über das ewige Wetterläuteu beschwert und dadurch einen ebenso religiösen wie nationalen Brauch verletzt hätten. Irgendetwas Authentisches hierüber ist indes nicht bekannt geworden, vielleicht ist eine harmlose Bemerkung anfgebauscht, wenn nicht die ganze Behauptung eine Fabel ist. Denn die Hetze gegen die jüdischen Sommergäste in Tirol ist ja keineswegs jüngeren Datums. Seit Jahren wird insbesondere von den deutschnationalen Antisemiten ein förmlicher Krenzzng gegen das Judentum gepredigt, und es ist überaus bezeichnend, daß gerade der Geschäftsführer des Landesverbandes zur Hebung des Tiroler Fremdenverkehres, Dr. Rahn, einer der fanatischesten Gegner der Juden ist. Als Reichsratskandidat der deutschnationalen Parier in Innsbruck hat er im Jahre 1908 eine Rede gehalten, die von Judenhaß triefte; wir zitieren daraus nur folgende Stelle: