Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1912-06-21 · Heft 24 (21.6.1912) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 24 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063623-3063647--07928-3075053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Wahrheit Nr. 24. Seite K. Feuilleton Der verkaufte Sohn. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Wehmütig schüttelte Sofie das Haupt. „Nicht so, Herr. Rabbiner! Wort ist Wort, Kauf ist Kauf! -Sie haben den Kaufpreis für meinen Sohn redlich entrichtet, indem Sie dem Schützling meines Mannes, dem kleinen Kobi, Ihre kostbare Zeit widmen, Sie müssen nun auch den anderen 'Teil Ihrer Zusage erfüllen und mein Kind als das Ihre annehmen. Ich habe mit der Erinnerung an die damalige Abmachung solange gewartet, bis der Knabe ohne fremde Hilfe gehen kann, damit er Ihnen und mehr noch Ihrer guten Frau keine solche Last sei, aber jetzt kann ich nicht mehr warten. Wenn.-ichnicht unablässig für das Leben des teuren Kindes zittern soll, so dürfen Sie meine Bitte nicht abschlagen. Ich würde sonst in den schier unerträglichen Gemütszustand verfallen, den nur Ihr -freundliches Versprechen gemildert hatte." „Unser Haus steht Ihnen und jedem Gliede Ihrer Familie .offen. Was aber wird die Welt dazu sagen? Was wird man won Ihnen, was von uns denken?" „Mein Gott, was ist daran denn Arges? Ist es was anderes, als was einst die fromme Channa getan, welche ihren -ausgebeteneu Sohn dem Eli gebracht, damit er ihn erziehe?" „Das ist ein anderer Fall, liebe .Frau, ich bin kein Eli." „Aber ein guter Erzieher sind Sie. Das haben Sie an vielen .Kindern bewiesen. Denken Sie, was soll aus dem Kinde werden, wenn Sie sich nicht seiner aunehmen. Mein Mann ist von seinen -Geschäften so in Anspruch genommen, daß er sich um die Kinder nicht viel kümmern kann, für die allein er doch lebt und strebt, und ich habe nicht die Fähigkeit und die Kenntnisse einen Sohn .zu erziehen. Ich gestehe es zu meiner Schande, daß selbst die Mädchen geistig verkümmern müßten, wenn sich nicht die Weißschen Studenten ihrer annehmen würden. Und schließlich, was liegt .an Mädchen? Aber meinen ausgebetenen Sohn möchte ich nicht einem gleichen Schicksal anssetzen." Frau Goldstein hatte in ihrem Eifer die Ansicht ausgesprochen, welche zu jener Zeit, zu Anfang der Fünszigerjahre, noch vielfach bei den Inden und vielleicht anderen Nationen verbreitet war, daß nämlich die Mädchen nur zur körperlichen Arbeit und zur Führung des Haushaltes angehalten werden sollen, daß es genüge, wenn sie häuslich, fromm und sittsam sind, daß aber die Ausbildung ihrer geistigen Fähigkeiten und etwaigen Talente zu unterbleiben habe. Dieser Grundsatz hatte viel zur Verbitterung so vieler znngen Geschöpfe beigetragen, welche die Kraft in sich fühlten, hinaus ins Leben zu treten und den Kampf ums Dasein mutig aufznnehmen. ' Die herrschende Sitte und kleinliches Festhalten an Althergebrachtem hatte sie aber an den Nähtisch und Kochherd verbannt, bis sie später ein willenloses Werkzeug in der .Hand eines nicht immer gut veranlagten Gatten geworden sind. Rabbi Ahronsohn verwies in seiner sanften Weise der eifrigen Frau ihre ungebührlichen Worte, doch diefe vollgepfropft mit den Errungenschaften einer verfehlten Erziehung, fuhr eifrig fort: ' „Sagen Sie, was Sie wollen, Herr Rabbiner, an einem Mädchen liegt wirklich nicht viel. Schauen sie mich an. Ich durfte in meiner Jugend kein profanes Buch lesen, weder Theater, noch einen Ball besuchen, Musik und fremde Sprachen kenneich nur dem Namen nach. Doch diese meine Unwissenheit in weltlichen Dingen hindert mich nicht, als Frau des Vorstehers einen großen Haushalt zu führen, und mein Mann, dem man doch -wirklich nicht Mangel. an Bildung vorwerfen kann, lebt ganz -glücklich mit mir, trotzdem ich ganz ungebildet bin. Hätten wir nicht' das Malheur mit den drei Kindern gehabt, wir wären -die glücklichsten Menschen auf der Welt. So können also auch unsere Mädchen erzogen sein, und wenn wir ihnen ein paar Tausend Gulden Mitgift geben, so bekommen sie schon einen wrdentlichen Mann. Aber mit einem Sohne ist das ganz etwas anderes. Der muß vor allem ein Ben Thora werden, dann ein gründlicher Gelehrter, womöglich Doktor, und auch einen gelehrten Beruf ergreifen. Dazu muß man aber rechtzeitig angeleitet werden, von Kindheit an. Das kann aber in einem so tollen Geschäftshanse, wo man kaum Zeit zum Essen hat, geschweige. sich nm die Kinder zu kümmern, nicht geschehen. Nun habe ich Ihnen meine Gründe auseinandergesetzt und Sie werden einsehen, daß Sie mir nicht „Nein" sagen können." „Q, doch, ich Härte große Lust, es trotzdem zu sagen. Zwingen können Sie mich doch nicht." „So, also Rabbiner Ahronson wäre imstande, das seinem Freunde in einer ernsten Stunde gegebene Wort zu brechen?" „Nein, das will ich nicht. Lassen Sie mir Zeit, mich mit meiner Frau zu beraten." Lonise. welche bis jetzt schon schweigend dem erregten Gespräche zugehört hatte, nahm nun das Wort: „Das ist unnötig, lieber Manu, Meine. Einwilligung hast du bereits. Niemand soll sagen, daß du jemals dein Wort nicht voll und ganz erfüllt hast." Dann wendete sie sich ihrer Freundin zu und sagte mit bewegter Stimme: „Seien Sie unbesorgt, liebste Freundin! Ich will ihr Kind mit mütterlicher Liebe und Sorgfalt körperlich ebenso pflegen, wie es mein Mann geistig tun wird, aber ich fürchte, daß Sie es bereuen werden, ihr Kind aus der Hand gegeben zu haben. Ich täte dies niemals. Ein Vergehen gegen die Natur pstegt sich zu rächen. Früher oder später stellt sich die Reue ein. Das Kind gebührt ins Vaterhaus. Das ist der richtige Boden für sein Gedeihen und sein Fortkommen." Auch diese wohlgemeinte Warnung fruchtete bei der eigensinnigen Frau nichts. Sie setzte ihren Willen durch und verließ, sichtlich befriedigt, die Rabbinerwohnung. Ahronson reichte seiner Frau die Hand und sprach: „Tausend Dank, liebes Kind, für deine Bereitwilligkeit, diese Last dir anfzubürden, um mir die Einlösung eines unbedachten Wortes zu ermöglichen." „Kein Dank, mein Freund! Ich gab meine Einwilligung in nicht ganz uneigennütziger Weise. Wenn diese törichte Mutter, ein Opfer blinden Aberglaubens, ihr teuerstes, ihr ersehntes und ausgebetenes Söhnlein fremden Händen übergibt, in der unbegründeten Furcht, es könnte ihr entrissen werden, so werde ich dieses Kind mit solcher Inbrunst an mein Herz schließen, als wäre es mein eigenes. Wenn ich auch im Vertrauen an die nnerforschliche Vorsicht Gottes meine Kinderlosigkeit ergeben ohne Murren trug, so nehme ich doch jetzt die neuen Pflichten, die mir durch dieses Kind entstehen, freudig auf mich, da sie mir einen Ersatz für das Entbehrte, bisher so schmerzlich Vermißte, gewähren sollen." „Du gutes, braves Weib! Mögest du in deinen Erwartungen nicht getäuscht werden, du und die arme Mutter, deren schwacher Verstand durch den Verlust ihrer drei Knaben noch mehr verwirrt geworden!"- Seit dem Tage, wo der zweijährige Samuel Goldstein in das Haus des Rabbiners gebracht wurde, waren gerade 11 Jahre vergangen. Er war nicht das einzige Kind geblieben, denn nachdem er ungefähr - drei Jahre dort gewesen, kehrte auch ein Töchterchen daselbst ein, und mit diesem Befriedigung und Freude. (Fortsetzung folgt.) Austritte ans dem Judentum. Schnabel Hermann, geb. 22. September 1892 in Wien. XIV. Bezirk, Kannergaffe 10. Lackenbacher Friedrich, Chemiker, geb. 18. November 1888 in Wien. I., Weihonrggasie 14. Felfcharek Rudolf, geb. 31. Juli 1875 in Wien. I. Weihburggaffe 18. Groß geb. Manlner Roia, geb. 28. Dezember 1888 in Böhmen. H., Cafiellezgafse 26. Graß Felix, Reisender, geb. 1. Dezember 1878 in Wien. H. Castellezgarje Nr. 26. Bergmann Lonise, Privat, geb. 21. November 1384 in Galizien. XX. Klosteruenburgerstraße 100. Mösl geb. Keller Feige Chaje, geb. 1. August 1868 in Lemberg. XU. Haberlgafse 15.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.