Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 24 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Ildministration: Wien, II/, Nvvaragasse 27 Telephon: 'Jiebnftiou 5509/IV. HvakHängige Heltfchrift für jüötsche KejNtlsnrets: Ganzjährig ....... K li.— Halbjährig ...... K 7.— Administration 493811. ft. t.. üsterr. Postsparkaisa- Scheck-ttonl» Nr. 100.818. Mlere^err. Flic N»lt>isbe»iiutr: tMitiiftjtibYtti.K 10. — Ja Jerate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitag. Für Ausland: AbonnemciilS- »nd JnsertionSlUuaziährig.8 Mark betrüge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Ü Rudel oder I» 24 Wie«, 21. Irmi Inhalt: Aus der Woche. — Die Legende über den Ritualmord in Kiew. — Jüdische Arbeiter irr den Gruben Oberschlesiens.— Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der verkaufte Sohn. Ans der Woche. Der Wiedereintritt G e ß m a n n s ins politische Leben, der vor wenigen Tagen von der christlich-sozialen Parteileitung mit lautem Jubel begrüßt wurde, ist der schlagendste Beweis für den gegenwärtigen Hochkurs der antisemitischen Konjunktur. Geßmann hat immer eine feine Witterung gehabt und wenn er nach der eiligen Flucht infolge des Ausganges der letzten Reichsratswahlen den jetzigen Moment zur Rückkehr an die Spitze der Partei für geeignet hält, dann winken ihm sicherlich greifbare Erfolge. Faktisch sitzt die Wiener Rathauspartei, dank der Buudesgenossenschaft mit den „freiheitlichen" Dentschnationalen, wieder hoch zu Roß und trotz der in der Gerichtssaalrubrik ständigen Korrnptionsprozesse kann sie sich den Luxus gestatteil, die fast auf ein Fünftel der gemeinderätlichen Mandate angewachsene Opposition auch weiters vom Stadtrate fernzuhalten. Die antisemitische Note, mit welcher der betreffende Beschluß des Bürgerklnbs gefaßt wllrde, darf gleichfalls nicht übersehen werden. Auch im Reichsrate.fühlen sich die Christlichsozialen wieder als führende Partei. Warum denn nicht? Sie haben ja dort viele offene und noch mehr verkappte Freunde und Gesinnungsgenossen und ganz ausgeschlossen ist es nicht, daß die gegenwärtige Krise, die das Regiernngsgebäude zu erschüttern droht, von dunklen Mächten eingeleitet wllrde, um die christlich-soziale Partei wieder ins ministerielle Fahrwasser zu bringen. * * . * Vom Bureau der „Jto-Konferenz Wien" erhalten wir folgende Mitteilungen über d i e V e r h a n d l u n g e n über d a s A n g o l a-P r o j ekt: Wie uns aus London berichtet wird, ist daselbst die Meldung aus Lissabon eingelangt, daß die Verhandlungen der lerritorialistischen Delegation mit der portllgiesischen Regierung betreffend das Angola-Projekt einen günstigen Verlauf nehmen. Die portugiesische Regierung hat sich bereit erklärt, die weitestgehenden Begünstigungen einzuräumen, um die Durchführung des Planes zu ermöglichen. Sowohl die. politischen Kreise als auch die einflußreiche Presse Portugals stehen der Frage einer Besiedlung Angolas durch Juden äußerst sympathisch gegenüber und eifern die Regierung an, den Plan so rasch als möglich durchzuführen. Die territoriqlistische Delegation, welche seit Wochen in Lissabon weilt, überreichte auf Grund eingehenden Studiums der ganzen Frage dem portugiesischen Parlamente ein Amendement zu dem bekannten Gesetzentwürfe über die jüdischen Siedlungen in Angola. Am 2. Juni wurde die territorialistische Delegation bestehend aus den Herren T e i t e l (gewesenem Richter in Saratow, Rußland), Dr. I o ch e l m a n n -Kiew und Rubinstei n - Biel, vom Präsidenten des portugiesischen Parlamentes in Audienz empfangen. Der Präsident gab seiner Sympathie für das Projekt Ausdruck und jagte dann: „Wir. das junge Portugal, müssen den großen Fehler den unsere Ureltern gemacht haben, indem sie die Juden aus dem Lande vertrieben, jetzt gutmachen. Unter dem Fehler unserer Vorfahren haben beide Nationen, die portugiesische und die jüdische, schwer gelitten. I ch habe die f e st e U e b e r z e u g n n g, daß das a nz ukn üp fe nd e F r e u n d s ch a f t s b a n d zwischen diesen beiden N a t i o n e n, die einst einander s o n a h etz e st a n d e n, für beide Teile von großem Segen sein wir d." * * Ueber Jndenkolouifation in Portugiesisch West-Afrika schreibt die „Franks. Zrg." Dem portugiesischen Parlament ist ein Kolonisationsprojekt unterbreitet worden, das eine eingehende Besprechung verdient. Es handelt sich um die Ansiedelung jüdischer Bauern, in Angola, und zwar auf der gesunden und fruchtbaren Hochebene Benguelas, ungefähr bei Kilometer 340 der Lobito-Bahn beginnend. Das Projekt sieht vor, jüdischen Famtlien Land im Umfang von 250 Hektar kostenlos zu überkffeii, unter der Bedingung, daß sie sich portugiesisch naturalisieren lassen, sich der Militärpflicht unterziehen und in den Schulen die portugiesische Sprache lernen. Wenn die erste Konzession völlig bebaut ist, kann die Regierung den Umfang der Plantage verdoppeln. Das ist in großen Zügen der Gesetzentwurf, der den Beifall vieler bedeutender Mitglieder des Hilfsverbandes und der „I. C. A." gefunden hat. Die jüdische Besiedlung Palästinas hat ja den Beweis erbracht, daß sich der Jude gut zum Bauern eignet, so daß das Projekt an und für sich Beachtung verdient. Bis heute haben wir aber noch keine Beispiele dafür, wie sich der Jude zum farbigen Eingeborenen stellt. Diese Frage ist wohl eine der wichtigsten für eine subtropische Kolonisation, denn selbst eine alttestamentarische zahlreiche Familie wird wohl ohne schwarze Arbeiter kaum ein Terrain von 250 Hektar rationell urbar machen und ansbeuten können. Nur die Praxis wird diese Frage beantworten können. Die Idee, die dem Plan zugrunde tiegt, erscheint mir etwas verworren. Man denkt in Portugal schon seit längerer Zeit daran, ausländisches Kapital nach den Kolonien zu ziehen. Man hat aber immer dabei die geheime Angst, irgend-