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Die Wahrheit · 1912-06-07 · Heft 22 (7.6.1912) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 22 (7.6.1912)
Date
1912-06-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 22. Die Wahrheit Seite 11. Feuilleton. Aer verkaufte Sohn. Von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) „Bitte, hören Sie mir zu. Wie Sie wissen, ist meine Ehe :mit zwei prächtigen Mädchen gesegnet. Sie gedeihen gut und -sind meine und meiner Frau größte Freude. Mit Knaben haben wir weniger Glück. Drei lebenskräftige Knaben gebar mir mein 'Weib, doch alle drei wurden im zartesten Kindesalter dahingerafft. Mein Weib ist aber wieder in gesegneten Umständen. Anstatt zu hoffen, daß uns Gott Ersatz für das Verlorene Heben werde, indem wir mit einem Sohn bedacht werden, lebt meine Fran in steter Furcht, daß ihren Sprößling das Schicksal seiner Brüder erreichen könne, sie fühle sich nicht würdig, einen Sohn ihr eigen zu nennen, ihn zu psiegen und zu erziehen. Dieser Zustand wirkt ans furchtbare Weise auf mein armes, schwächliches, im höchsten Grade nervöses Weib. Ich gestehe es, daß es Aberglauben ist. Wenn aber dieser Aberglauben derart verheerend auf das körperliche und geistige Befinden meiner guten Sofie wirket, wie es tatsächlich der Fall ist, so erachte ich es als meine heiligste Pflicht, alles aufznbieten, damit Beruhigung in das geängstete Gemüt einziehet. Und da rechne ich dabei ans Sie, verehrter Freund." „Wenn ich etwas beizntragen vermag. Sie und Ihre liebe Frau zu beruhigen, soll es gerne geschehen, vorausgesetzt, das es gegen meine Grundsätze nicht verstößt." „Ich glaube nicht, daß dieses der Fall ist." „Also was kann ich tun?" drängte Ahronson. „Soll ich zu ihr gehen und ihr Trost und Mut zusprechen?" „Das würde nicht hinreichen," erwiderte Goldstein. Zn sehr ist sie von dem Gedanken erfüllt, daß sie ein dem Tode -geweihtes Geschöpf unter dem Herzen trage. Aber Sie können auf eine andere Weise helfen. Kaufen Sie uns das neugeborene Kind ab, und erziehen Sie es als Ihr eigenes. Vielleicht erhält es Gott Ihretwegen am Leben." Entsetzt sprang der Rabbiner von seinem Sitze auf. „Unmöglich!" rief er, „das hieße Gott versuchen." „Nein, daß hieße ein armes von unheilvollen Wahne umfangenes Weib beruhigen, und mich, einen kranken Mann trösten, ihm sein Leben, oder vielleicht seine letzten Lebenstage erleichtern. Die letzten Worte entschieden. Es kostete Ahronson einen harten inneren Kampf, seinem Freunde zu Willen zll sein. Er 'betrachtete' ein solches Unternehmen als einen Zweifel an der göttlichen Weisheit und Gerechtigkeit, als einen Eingriff in das Walten der göttlichen Vorsehung. Anderseits dachte er an die geängstigte, leidende Mutter, und au ihren um sie bangenden, schwer kranken Gatten, so daß er sich zu der Frage entschloß: „Was soll der Kaufpreis für das zu erwartende Kind sein?" Der Kaufpreis ist ein hoher, Herr Rabbiner! Ich habe während meiner Krankheit die menschliche Hinfälligkeit kennen gelernt, und darum viele Ansichten anfgegeben. die ich mir in meinem Geschäftsleben angeeignet habe. Da bin ich auch zu der ^Erkenntnis gekommen, daß es die Pflicht jedes rechtschaffenen Menschen sei, das Talent zu fördern, wo er es finde, ohne sich -von kleinlichen Rücksichten beeinflussen zu lassen. Da ist in mir der Wunsch entstanden, daß Kobi Weiß auch studieren möge. Von der Gemeinde kann man aber nichts fordern, daß sie ihm -die notwendigen Mittel dazu hergibt. Sie ist zu sehr anderweitig in Anspruch genommen. Ich möchte daher Kobi Weiß auf meine eigenen Unkosten studieren lassen,' und würde mich glücklich schätzen, wenn wirklich etwas Rechtes aus ihm würde. Mit dem Gelde allein ist es aber nicht getan. Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern auch von dem, was von Gottes Munde LU uns kommt. Das aber kann ich, ein simpler Geschäftsmann, ihm nicht bieten. Das soll er bei Ihnen lernen, Herr Rabbiner! -Mehmen Sie sich des Jungen an, bewachen Sie seine Jugend, sein Studium, und seien Sie ihm auf diese Weise behilflich, ein Ziel zu erreichen. Das sei der Kaufpreis für das Kind, welches ich Ihnen zu eigen gebe für den Fall, daß meine Frau eines Sohnes geneset. Wollen Sie?" „Der Kaufpreis ist es wert", sagte der Rabbiner ernst, „ich will!" Dieser Handel, um einen ganz trivialen Ausdruck zu gebrauchen. vertrug sich nicht mit Ahronsons Grundsätzen. Nachdem er aber eiugesehen, daß für den Gesundheitszustand des mit schweren Gebrechen behafteten Goldstein ein Widerspruch bedenklich werden könne, ebenso wie der leidende Zustand der abergläubischen Frau det größten Schonung bedurfte, hatte er, wenn auch mit einem Widerstreben, eiugewiüigt. Er gab sich aber der Hoffnung hin, daß dieser seltsame Pakt niemals realisiert werde, sondern, daß Herr und Frau Goldstein ihren männlichen Sprößling freudig begrüßen und sich unter keinerlei Umständen freiwillig von ihm trennen werden. Die nenübernommeue Pflicht gegen seinen Liebling, Kobi Weiß, söhnte ihn mit seinem ittneren Zwiespalt ans. Am Tage nach dem verhängnisvollen Krankenbesuche begann die Einschreibung in das städtische Gymnasium. Ahronson hatte sich direkt in das kleine Hänschen begeben, woselbst Salme Back sein einträgliches Amt als Gemeindebäcker versah, um daselbst die frohe Wendung der Dinge zn verkünden. Mit einem Freudenschrei begrüßte Kobi die Nachricht, daß es ihm gegönnt sein werde, gleich seinem älteren Bruder Markus das Gymnasium zn besuchen. Er hatte sich doch so sehr davor gefürchtet, sein ganzes Leben vor dem Backofen zubringen zn müssen, und seine körperlichen und geistigen Kräfte dem diversen Backwerke zn widmen, wie es, in der Backstube seinen Vaters bereitet werde. Der ernste Markus drückte in wenigen aber desto innigeren Worten in seinem und feines Bruders Namen den Dank für diese Güte ans und versprach, seine ganze freie Zeit dazu zn verwenden, um seinen jüngeren Bruder zu beaufsichtigen, und ihm im Studium nachznhelfen, damit Herr Goldstein sehe, daß er seine Wohltaten an keine Unwürdigen verschwendet habe. „Das ist recht, Markus, das erwarte ich auch von dir, habe sogar im Vorhinein darauf gerechnet. Herr Goldstein wird wohl für die leiblichen Bedürfnisse deines Bruders sorgen, und alle Auslagen, welche das Studium erfordert, auf sich nehmen, aber die Sorge um dessen geistiges Fortkommen hat er mir übertragen. Bei meinen vielseitigen Berufspflichten, welche meine ganze Zeit in Anspruch nehmen, hätte ich diese Verantwortung nicht übernommen, wenn ich nicht auf deine Mithilfe gerechnet hätte. Nimm dich daher zusammen, lieber Markus, nicht nur selber dein Ziel zu erreichen, sondern auch deinem Bruder behilflich zn sein, damit ihr den Beweis liefert, daß sich der Geist, selbst in dürftigen Verhältnissen, voll und frei entwickeln könne, und daß die Kinder der Armen als Beispiel den anderen vorleuchten können." Noch während des folgenden Sukosfeftes hatte der Vorsteher die Folgen seines Anfalles überwunden. Mit kräftigen, elastischen Schritten ging er am Schlnßfeste an der Seite feiner Frau in die Synagoge, wo er burd) eine große Spende zu Nutzen des von ihm gegründeten Talmudthora-Vereins den Dank für seine Genesung ausdrücken wollte. Nicht so frisch und lebensfreudig, wie ihr Gatte, ging Fran Goldstein einher. Man sah es den abgehärmten Zügelt der jungen, noch immer schönen Fran an. daß schwerer Kummer an ihrer Seele nagte. Ihr seltsam gedrücktes Wesen, der Schmerz, der augenscheinlich auf ihr lastete, war gar vielen ihrer Bekannten ein Rätsel. Die Vorsteherin lebte in der denkbar glücklichsten Ehe, frei von allen Nahrungssorgen, sozusagen im Ueberflusse. Sie wurde von ihrem in geachteter Stellung lebenden Manne geradezu vergöttert; sie erfreute sich der Liebe und Achtung aller, die sie kannten und mit ihr verkehrten. Ihre beiden Töchterchen, die. sechsjährige Melitta und die blonde, um drei Jahre jüngere Ludmilla, waren reizende, liebenswürdige Kinder, an denen man seine Freude haben konnte. Wohl hatte Frau Sofie den Verlust dreier Kinder zu beklagen, aber diese waren in so jugendlichem Alter gestorben, daß es nicht wahrscheinlich war, daß diese Todesfälle eine so nachhaltige Wirkung auf den Gemütszirstand der sonst so frommen, gottergebenen Frau ansübten. Und doch war dies der Fall. (Fortsetzung folgt.)

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