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Die Wahrheit · 1912-05-24 · Heft 20 (24.5.1912) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 20 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr^ 20. Die Wahrheit Oefierr nngar. Kantoren-Uerein. Montag, den 21. d. M. fand eine Vorstandssitzuug statt, '«n welcher fast sämtliche Vorstandsmitglieder teiluahmen. Der Vorsitzende, Präsident Oberkautor I. Baue i\ hielt dem verstorbenen Philautropeu, Herrn David Ritter von Gut- .mann, der ein großer Freund des Kantoreustandes war und auch bei Gründung des Vereines sich demselben als hochherziger Gönner erwies, einen Nachruf, und diese Trauerkundgebung wurde dem Protokolle einverleibt. Bei Uebergang zur Tagesordnung wurde zunächst über die bereits angekündigte Aktion zugunsten der Kantoren an den Wiener Vereins tempeln beraten und einstimmig betont, daß diese Funktionäre zum größten Teile nicht nur ein vollkommen ungenügendes, mit den an sie gestellten Forderungen gar nicht in Einklang zu bringendes Einkommen haben und daß seitens der Tempelvereine — mit vereinzelten Ausnahmen — gar nichts geschieht, um ihren Funktionären eine sorgenfreie Existenz und noch iveniger eine Altersversorgung zu sichern. Vorstandsmitglied G. Fr ie d l änd e r schildert die prekäre -Lage der in den Bethansvereinen angestellten Kollegen, die. Unsicherheit ihrer Stellungen, ihre geringen Bezüge und verweist unter anderem auch ans die Tatsache, daß es in Wien Bethansvereine gibt, welche einen Teil der für die Kantoren bestimmten Tempelspendeu in Abzug bringen und für eigene Zwecke verwenden. Nachdem diese Darstellungen noch von anderer Seite ergänzt wurden, beschließt der Vorstand, mit den Vorständen der Wiener Tempelvereine ehestens in Fühlung zn treten und eine Verbesserung der die Kantoren bedrückenden Uebelstände anzustreben. Der Vorsitzende lenkt dann die Ansmerksamkeit ausdie in Fachkreisen schon wiederholt als mit dem Ansehen des Standes unvereinbar erklärte Klausel in den Konkursen: „Nur dem A k z e p t i e r t e n w e r d e n die . ReisesPesen vergütet." Hier kann nur Wandel geschaffen werden, wenn sämtliche Kollegen sich solidarisch erklären und einer Einladung 3» einem Probevortrage nur gegen vorherige Zusicherung des vollen Kostenersatzes Folge leisten. Die Gemeinden sollen sich nicht den Luxus erlauben können, möglichst viele Bewerber zn berufen und monatelang kostenlose „Konzerte" auzuhören, sondern ^xs sollen nach reiflicher Prüsnng nur eine beschränkte Zahl von .'Kandidaten zur Probe eingeladen nnd diesen die Kosten ganz ersetzt werden. Zur Einschränkung der. Konkurrenz seitens der für das .Kantorat unqnalifizierteü und den Stand durch Mangel an Wissen nnd sonstiger Qualifikation schädigenden Elemente wurde -gleichfalls ein Vorschlag ventiliert. Es soll nämlich aus Vorstandsnnd Vereinsmitgliedern eine eigene Kommission zusammengesetzt werden, und jene Kandidaten, die nicht den Nachweis über ihre Eignung zur Ausübung des Amtes oder bisherige Verwendung im Amte erbringen können, sollen verhalten werden, vor dieser Fachkommission sich einer Prüfung zn unterziehen, worüber ein Attest seitens der Kommission ansgestellt wird. Die Gemeinden sollen von der Existenz dieser Kommission in Kenntnis gesetzt werden und dieselbe könnte bis zur Kreierung einer von den maßgebenden Behörden, resp. von den Gemeinden zn gründenden öffentlichen Kantorenschnle eine gewisse Sicherung für die Anstellung gehörig vorgebildeter und für die Abwehrungeeigneter Elemente dienen. Diese Institution wäre auch ein wirksamer Schutz für die gegenwärtig im Amt befindlichen Kantoren, daß ihre Existenzen nicht durch unqualifizierte Eindringlinge, die sich ohne jede Berechtigung den Namen eines .„Scheliacb Zibbur“ arrogieren, bedroht werden. Nach Diskussion dieser Anregung, die noch den Gegenstand weiterer Beratungen bilden wird, wurden Mehrere Einläufe erledigt und hierauf die Sitzung geschlossen. Seite 11 Der verkaufte Sohn. Von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Diese Sorge wurde im Laufe des Tages noch gesteigert und durch Selbstvorwürfe erhöht, als es hieß, bei dem Vorsteher haben sich infolge großer Aufregung die Anfälle von Herzkrümpfen wieder eingestellt, welche immer eine Gefahr für dessen Leben bedeuteten. „Wie wenn ich Schuld daran wäre?", sagte sich der Rabbiner. Nie zuvor hatte er des Vorgefallenen so gedacht, und es so tief bedauert als an diesem Tage. „Ich habe jedenfalls gefehlt", sagte er sich in Gedanken; ich hätte seinen Ausfällen Gelassenheit entgegensetzen, hätte bedenken sollen, daß Goldsteiu ein vielbeschäftigter Geschäftsmann ist. der die.Sache vom praktischen Standpunkt betrachtet, und vielleicht, durch unangenehme Vorfälle in seinem Geschäfte gereizt, das gesagt hat. was er bei .ruhiger Ueberlegung gar nicht ausgesprochen hätte. Darum heißt es jetzt für mich: einlenken. Das konnte nur auf eine einzige Art geschehen, wenn nämlich der Rabbiner die Erkrankung des Vorstehers znm Anlässe nahm, diesen zu besuchen. Kranke zn besuchen, ist ja eines jener gottgefälligen Werke, deren Früchte man nicht nur schon hienieden genießet, die auch ein bleibendes Denkmal für alle Zeiten bilden. Einem verdienstvollen Werke war Rabbi Ahronson aber niemals aus dem Wege gegangen. So ließ er vom Entschluß zur Ausführung keine lange Zeit verstreichen. Vorerst erkundigte er sich bei dem behandelnden Arzte darnach, ob sein unerwarteter Besuch dem Patienten nicht schaden würde. Der alte Doktor aber, glaubte ihm versichern zn dürfen, daß dieser Besuch den allerbesten Einfluß auf deu Gemütszustand und daher das Allgemeinbefinden des Kranken haben werde. Dieser Doktor war noch aus der alten Schule, und nicht gleich den meisten modernen Aerzten ängstlich darauf bedacht, jeden Besuch von den Kranken ferne zn halten. Er kannte den talmndifcheu Grundsatz, daß jeder teilnehmende Besucher ein wenig von der Krankheit aus der Krankenstube milsort nehme, und daher den Patienten erleichtert zurücklaffe. Daher seine Bereitwilligkeit, dem Rabbiner den Krankenbesuch zn gestatten. Er hatte sich auch nicht geirrt. Ein heiteres, zufriedenes Lächeln umspielte die Züge des Kranken, als er den Gast eintreten sah. Freudig bewegt, streckte er ihm beide Hände entgegen und sagte mit bewegter Stimme: „Ich wußte es ja, Sie würden zu mir kommen und allen Groll vergessen, sobald Sie von meiner Erkrankung erfahren." „Groll hatte ich ja eigentlich nicht gegen Sie. Was ein richtiger Groll ist, der kann nicht so leicht aus dem Herzen schwinden, anch nicht aus dem meinen", gestand Ahronson. „Es war nur eine leichte Verstimmung, die ohnehin aus Anlaß der heiligen Zeit, die eben begoitnen, geschwunden wäre. Denn der Versöhnungstag reinigt nur von den Sünden, die man gegen Gott begangen, das Vergehen gegen die Mitmenschen muß von diesen selbst vergeben werden. So wäre ich auch zu Ihnen gekommen, wenn Sie gesund geblieben wären, um Ihnen Abbitte zu leisten, und Ihre Vergebung zu erbitten." „Sie mir Abbitte? Das ist gar zu bescheiden, Herr Rabbiner, da ich es doch bin, der Sie beleidigt hatte. Sehen Sie," fügte er mit mattem Lächeln hinzu: ..Gott selbst hat in dem zwischen uns entstandenen Streite entschieden. Er ließ mich, den schuldigen Teil büßen, indem er mich in diese schwere Krankheit fallen ließ." Der Rabbiner schüttelte abwehrend mit dem Kopfe. Nach einer Pause, in welcher er nachzudenken schien, auf welche Weise er seine Meinung am besten Vorbringen könnte, sprach er: „Sie befinden sich in einem großen Jrrtume, wenn Sie glauben, daß die göttliche Strafe dem Vergehen auf dem Fuße folge. In diesem Falle würde dem Uebeltäter weder Zeit und Gelegenheit zn weiteren Vergehungen, als auch zur Einkehr, Buße und Besserung bleiben. (Fortsetzung folgt.)

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