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Die Wahrheit · 1912-05-24 · Heft 20 (24.5.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 20 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Heile 4. Die Wahrheit. Nr, 20. den größten Gegensätzen dar zwischen agrarischen und städtischen Produzenten und Konsumenten, Konservativen und Reformisten, Besitzenden und Angestellten. Die natürliche Folge dieser Tatsache ist, daß jeder in irgend eine Körperschaft Gewählte bereits in gewissem Sinne aktiv nsunfähig wird, sobald er dieser Vereinigung bettritt. Der Wiener Führer der Deutschnationalen, Herr Doktor Waber, ist eine sprechende Bestätigung hiefür. Er nlnßre sich schon im Staatsbeamienansschnsse des Abgeordnetenhauses derart winden, daß er mit den Beamleninteressen zn seinem Schaden in bedenklichen Widerspruch geriet. Im Augenblicke, als der in Währing in die Stichwahl gedrängte Wahlwerber seiner Partei, Herr Fachlehrer Redl, den Wahlkampf ansfechren sollte, fielen ihm bekanntlich die Oberpäpste der Deutschradikaten, die Herren Wolf und Wrchtl, mit ihrer famosen Wahlparole zngnnsten der Christlichsozialen in den Rücken. Das Fazit dieser unglaublichen Wahlaktion sprang freilich in Wien in die Angen. Die Dentschnationalen konnten nicht ein einziges Gemeinderatsmandat erwerben, hatten aber die anderen antiklerikalen Gegner ohne eigenen Vorteil geschwächt. Lehnte sich doch sogar Dr. Waber letzthin in seinem Wochenblatte gegen diese schädliche Beeinflussung der Wiener Wähler auf. Die jüdischen Wähler Wiens mögen aber aus den letzten Wahlereignissen die richtigen Konsequenzen ziehen! Wahlwerber, welche dem „Dentschnationalen Verbände" oder rassenantisemitischen Vereinen angehören, dürfen ebenso wenig wie Christlichsoziale unterstützt, sondern müssen offen mit aller Energie bekämpft werden! Die jüdischen Wähler müssen sich sammeln, wenn auch die Judenfeinde vor Aerger bersten! Sie müssell in jeder freisinnigen Vereinigung argwöhnisch darüber wachen, daß keinerlei Wahlkompromisse mit notorischen Judenfeinden zustande kommen. Sie müssen in solchen Vereinigungen ihre Intelligenz, ihre Arbeitskraft und ihre Mittel zum Zwecke stiller, aber intensiver Wahlvorbereitungen in den Dienst stellen! Im Momente einer Wahl müssen solche Vereinigungen einen eigenen verläßlichen Wahlkataster besitzen, um alle in der Wählerliste vergessenen Wähler ihrer Vereinigung rechtzeitig reklamieren zn können! Das Heer der Wähler, die letzthin gar nicht zur Wahlurne kamen, beträgt über 20% der wahlberechtigten Bürger. Diese Wähler sind sicherlich weder christlichsozial, weder sozialdemokratisch, noch deutschnational, weil genannte Vereinigungen keine Mittel scheuten, um sehend in den Wahlkampf ziehen zu können. Es waren durchgällgig deutschfreiheitliche Wähler, die aber teils aus Pessimismus. teils wegen Ungeschick und unzureichender Mittel nicht aufgeklärt und politisch interessiert worden waren. Ans diesem Wählerreservoir läßt sich für den Freisinn und den kulturellen Fortschritt noch ausgiebig schöpfen. Damit dies aber geschehe, muß eine sofortige, zielbewußte und rührige Bereinstätigkeit einsetzen. Diese Vereine müssen durch regelmäßige, politische Aufklärungsarbeit in Form von politischen wie wirtschaftlichen und kulturellen Referaten in Versammlungen mit daran schließen der freier Diskus s i o n wie ununterbrochene und unverdrossene Werbearbeit ihrem Ziele näher zu kommen suchen. Alle wirtschaftlich günstiger situierten Mitglieder müssen auch m ehr O p f e r w i l l i g k e i t für die gute Sache mitbringen, da der dadurch mögliche, endliche Niederbrnch der christlichsozialen Gewaltherrschaft in Wien gewiß große Opfer rechtfertigt. Geschieht dies, dann wird auch der Tag in Wien in Sicht treten, an dem die von den bildungs- und freiheitsfeindlichen Parteien in den Vertretungskörpern Ausgeschlossenen endlich so zahlreich werden, daß die Ausschließer mit den Ausgeschlossenen die Rollen wechseln müssen. Darum nieder mit dem gemeinschädlichen politischen Pessimismus! Nicht wieder einschlafen! Auf zum sofortigen, frischen, fröhlichen Kampf! Nützet mutig und hoffnungsvoll eure keineswegs ungünstige politische Situation, wackere Freiheitskämpfer, dann werdet ihr in Wien auch zu einem vollen Siege gelangen! R. L. Gin großer Uerlnst des österreichischen Indentnms. (Von einem mährischen Juden.) Große Persönlichkeiten verleihen ihrer Umgebuttg ein ganz bestimmtes Gepräge, das milbestimmend ist bei der Beurteilung ihrer Bedeutung und Wirksamkeit, weil es gleichsam den unmittelbaren Einfluß, den geistigen Niederschlag ihrer Tätigkeit bildet und deshalb gewissermaßen als ein wesentlicher Teil ihres Selbst mit zu ihrer Person gehört. Ein schöpferischer Trieb, erfüllt von weiten Ausblicken in eine glorreiche Zukunft, durchflossen von dem lebenswarmen Elixir energischer, zielbewußer Arbeit', muß notgedrungen der Umgebung jenes Maß von Achtung und Wertschätzung abringen, das sich dann bis zn tätiger Mithilfe uild festem Vertrauen in das Gelingen des Werkes emporentwickelt. Und wenn gar diese Arbeit tief bineingreift in das Leben jedes Einzelnen, wenn es ein Kampf ist nicht bloß für die Gegenwart, für ein freundlicheres Los unserer Jugend, auf daß ihnen erspart bleibe, was uns durch schwere Verirrungen auserlegt war, nicht bloß für die Zilkuiift, wenn es gilt, auch die Vergangenheit zn retten, die uns durch Fälschungen aller Art, durch schmähliche Assimiliernngssncht entfremdet werden sollte und die uns beinahe durch unverzeihliche Sorglosigkeit genommen wurde, wenn wir einen Kampf kämpfen, nicht für heute und morgen, sondern auch für die Unversehrtheit unserer überkommenen Pflichten von gestern — da muß sich das persönliche Interesse znrückdrängen lassen von der Größe des für die Allgemeinheit angestrebten Zieles, da muß das lebendige Beispiel eines Großen den Jungbrunnen bilden, ans dem die Mitstreiter stets neue Kraft, neuen Kampfesmut schöpfen.. . Durch das Scheiden des Führers aus seinem bisherigen Wirkungskreise, durch die räumliche Entfernnng desjenigen, der durch seine aufopfernde Tätigkeit gleichsam die Verkörperung des von ihm augestrebten Ideales gebildet hat, entsteht eine ungeheure nicht bald zn ersetzende Lücke. Durch die Berufung -des Ung.-Broder Rabbiners Doktor Jllng als Oberrabbiner Hach London ist in den Reihen der jüdischen Größen Oesterreichs eine klaffende Lücke gerissen worden.. Als unsere Glaubensgenossen dem immer weiter um sich greifenden Abfalle der jüdischen Jugend wehrlos gegenüberstanden, als von Verkennern des Judentums dessen Widerspruch mit der modernen Wissenschaft als unwiderlegliches Faktum hingestellt und damit dem Judentume ein Todesstoß versetzt werden sollte, da wies Dr. Jung auf das einzige Rettnngsmittel hin — auf die jüdische Schule. Mit unglaublichen Opfern, mit einer ungewöhnlichen Energie wußte Dr. Jung für diese Idee Interesse zu erwecken und sie ins Praktische nmznsetzen. Das Lächeln der Skeptiker, der Hohn der Zyniker, der Fanatismus der Chassidim, der würdelose Kampf der Neider konnte diesen Mann nicht beugen. Ans dem Boden heraus entstanden ihm Förderer und Freunde. Und je größer die Schaffenslust, je stürmischer der von edler Liebe zum Judentume getragene Wille des Kämpfers nach Betätigung drängte, je größer naturgemäß die Schwierigkeiten wurden, die sich seinen Gründnngsversnchen in Krakau, in Lemberg, in Storoczinetz, Wien und anderen Orten entgegenstellten, desto größer wurde die Zahl der Mitkämpfer. Dr. Jung hatte keinen Mäcenas gefunden, der ihm mit großmütiger G'este die finanziellen Mittel für feine Schulen zur Verfügung stellte, er mußte sie in langsamer, zäher Arbeit durch Gründung von Schulvereinen, Lokalkomitees, aufbringen, in 'einer Person die geistigen und materiellen Bedürfnisse der Schulen zn befriedigen suchen. Auf diesem Gebiete hat Dr. Jung Unvergängliches geleistet, ja, man kann ruhig behaupten, alle ähnlichen Versuche weit übertroffen. Seine Persönlichkeit allein, seine ausgeprägte, unbeugsame Energie und Charakterfestigkeit bildet ein leuchtendes Beispiel für uns und unsere Jugend. Dr. Jung hat niemals mit seiner Ueberzeugung hinterm Zaum gehalten. Ohne Umschreibung, mit dem eigentlichen Namen nannte er das, was er mit der ihm eigenen Beredsamkeit bekämpfen zu müssen glaubte, Seine Agitationsvorträge in Wien, Prag, Lemberg, Krakau, Troppau u. f. w. waren direkt Kabinettstücke hervorragender Beredsamkeit.

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