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Die Wahrheit · 1912-05-24 · Heft 20 (24.5.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 20 (24.5.1912)
Date
1912-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion »iid Sldniinistration: Wien, II,, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Anaöhängige Hertschrifi für Mische ©eiuasH>vet*: (ihuijliitmvi.K U-.— Halbjährig.K 7.— Administration 4988/11, fl. k. üsterr. Postjparkasia- Scheck-floino Nr. 100.918. Inlere^eu. Für SfiiltiiSbeiimte: Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Aeile 25 Heller. Erscheint jeden Are ring. Für Anslmid: Abonnements« nnd Jnsertionö- .8 Mark betröge nnd in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel dottes ist Wahrheit!“ i> Sllutm oder Ui Are«. Ur. 20 Wie», 24. Mai Inhalt: Lehren aus den letzten Wiener Gemeinderatswahlen. — Ein großer Verlust des österreichischen Judentums. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Israelitische Allianz zu Wien. — Die ewigen Wahrheiten der Thora. — Faust und Moses. — Verschiedene Nachrichten. — Oesterr.-uugar. Kantoreu-Vereiu. — Feuilleton: Der verkaufte Sohn. Kehren ans den letzten Wiener Gemeinderatswahlen. Die Christlichsozialen waren vor den letzten Wiener Gemeinderatswahlen ans ein viel empfindlicheres Debakle gefaßt, als sie erlitten haben. Ihre Freude über den für sie glimpflichen Ausgang dieser Wahlen war so gewaltig, daß sie ganz ernstlich den Verlust von 8 Gemeinderatsmandaten als Sieg erklärten. Untersuchen wir nun, warum ihre Verluste nicht größer waren. Der erste Grund für diese bei der moralisch gewaltigen Einbuße, den diese Partei schon früher bei der Wählerschaft Wiens erlitten hatte, liegt unstreitig in der Tatsache, daß die christlichsozialen Gemeindegewaltigen die Anlegung der Wählerlisten, das Reklamationsverfahren und die Wahlen selbst autonom bis zum Exzeß durchführen durften. Der Ausgang der ersten Wahl zeigte aber, daß auch diese das Rechtsbewußtsein der christlichsozialen Wühler tief beleidigende Wahlpraktik eine größere Niederlage der Christlichsozialen nicht hätte verhüten können, wenn ihnen nicht noch zwei für sie glückliche Tatsachen zu Hilfe gekommen wären. Diese bestehen 1. in der Zerfahrenheit und politischen Rückständigkeit des größten Teiles der nicht christlichsozialen Wähler. 2. in der Unaufrichtigkeit, ja Perfid i e der D e u t s ch r a d i k a l e n, welche die Wiener Stichwahlen zugunsten der Christlichsozialen beeinflußten. Es ist vor allein Tatsache, daß nur zwei Parteien im letzten Wiener Wahlkampfe, minimale Ausnahmen abgerechnet, e i n h e i t l i ch e K a n d i d a t e n l ist e n ausstellten. Es sind dies die C h r i st l i ch s o z i a l e n und Sozialdemokraten. Die anderen bürgerlichen Parteien aber zerfielen: in Deutschdemokraten, in Wirtschaftsparteien sozial-politischer und deutschradikaler Farbe, in Deutschnationale und Deutschsoziale. Und damit die Konfusion innerhalb dieser bürgerlichen Gegner der Christlichsozialen noch größer werde, nannten sich alle diese Gruppen Deutschfreiheitliche. Nun hatte man früher schon (anläßlich der Juniwahlen und der Tätigkeit des Reichsrates und der Landtage im letzten Jahre) deutlich genug die Erfahrung gemacht, daß alle jene bürgerlichen Parteien, welche mit den Christlichsozialen den Antisemitismus gemein haben, auch keine ehrlichen Freiheitlichen oder Antiklerikalen vvrstellen. Diese Tatsache läßt sich auch leicht begreifen. Der Antisemitismus als solcher trifft nämlich erfahrungsgemäß immer gerade die unschuldige n, armen, arbeitswilligen und arbeitsfähigen jüdischen Staatsbürger. Will man tatsächlich die Schädlinge der Gesellschaft treffen, dann dürfen auch die arisch-christlichen nicht geschont werden, denn es ist jedem intelligenten und erfahrenen Menschen klar, daß menschliche Tugenden und Laster interkonfessionell und international sind. In einem aufrichtigen Kampfe gegen die Korruption und gegen die Uebermacht des Großbesitzes sind allezeit alle Konfessionen und Nationen gleichmäßig beteiligt, weil die Volksschichten der Vergewaltigten und Ausgebeuteten immer und überall die Clique der Gewalthaber und Ausbeuter weitaus an Zahl übertreffen. Die antisemitischen Lehren stellen sich daher als bewußt bestialische Phrasen heraus. Selbst wenn es wahr wäre, daß jüdische Bürger selbstsüchtiger und in den Mitteln wahlloser seien als christliche Arier, dann müßten eben gute und zweckentsprechende allgemein geltende Gesetze geschaffen werden, welche Mißbrauch verhindern. Es ist aber nicht wahr, ja, die Christlichsozialen in Wien und Niederösterreich haben sogar den Beweis erbracht, daß es anch eine jaden re ine Korruption gebe. Aus dieser Betrachtung erhellt aber auch, daß die angeblich antiklerikalen und freiheitlichen Deutschnationalen u n a n frichtig sind, sobald sie den Raffenantisemitismus ins Parteiprogramm anfnehmen. Der Wiener ist aber trotz seines Leichtsinnes viel intelligenter, dem Religionsfanatismns abgeneigter und gutmütiger, als man allgemein annimmt. Der Beweis für diese Behauptung liegt in der Tatsache, daß es den fortgesetzten, giftigen Verhetzungen der Christlichsozialen in Wien und Niederösterreich noch nirgends gelang, die Volkswnt gegen die jüdische Bevölkerung in Form von Judenverfolgungen ansznlöseu. Auch die Tatsache beweist diese Behauptung, daß die raffenantisemitischen Deutschnationalen anläßlich der letzten Gemeinderatswahlen trotz ihrer agitatorisch hochstehenden Arbeit und trotz der aufgewendeteu großen materiellen Opfer in ganz Wien nur etwas mehr als 6000 Wahlstimmen aufbringen konnten, während alle anderen antiklerikalen Wahlstimmen nicht weniger als 180.000 betrugen. Die nichtantisemitischen Deutschfreiheitlichen erzielten über 20.000 Wahlstimmen. Wien war und ist kein Boden für hypernationale Demagogie. Die Deutschnationalen haben aber auch nichts unterlassen, um der Oeffentlichkeit ihre nahe Verwandtschaft mit der christlichsozialen Partei vorzudemonstrieren. Der dentschnationale Verband im Abgeordnetenhause stellt genau so wie der christlichsoziale Reichsverbaud ein unnatürliches Ko m pro m i ß zwischen

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