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Die Wahrheit · 1912-05-10 · Heft 18 (10.5.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 18 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Hiebe Deinen Müssten Wie Dich ' An diesem Fundamentalsatz jeder Religion, vorzugsweise dch"'Hristtichei»',-oder'vielmehr,an den Abgäug dieses itm und - Ans jedweder Ethik wurden wir in den letzten Wochen ausdringlich erinnert:' "Tausende mit) aber Tauseiide Male ödete uns der ungezügeltste Haß ans öffentlichen Atischlagssäulen, mehr noch aus jenen der jeweiligen „Bezirkspresse" den Wählern zugestellten Hetzschriften an. Und die unzertrennlichen Begleiter der blinden Wut. Lüge und Beschränktheit, rangen mit um die Palme der Niedrigkeit. In augenverdreherischer Art ward die Form des ..Dankes" gewählt, .um einen Pfuhl von Verdächtigungen, Herabwürdigungen auf das Judentum auszuschütten, die bekannte Dreieinigkeit. Steiner. Prinz L i ch t e n ste in, Weißkirchuer, entdeckte überdies ganz plötzlich ihr echt deütsch-christlich-arisches Herz, womit sie wohl weniger den zahlreichen Slaven als den Deutschnationalen angenehm werden wollte, ein — selbstverständlich ungenannt sein wollender — Autor malte in all' den „Bezirkspressen" unter dem Titel „das politische Programm des Judentums" seinen harmlosen Lesern ein Schauergemälde von den Schrecken vor, die seiner harren, wenn das so furchtbar gefährliche Judentum zur Macht käme. In der Tat spart der von dem angeblich „englischen Rabbiner" „John Readcliff" (man beachte die Schreibweise!) entwickelte Kriegsplan gegen alle, die nicht jüdisch sind, nichts an modernen Schrecken. Die Herren der Börse, Inden, müssen die Staatsschulden vermehren helfen, womit „heute bereits alle Kaiser, Könige und Fürsten" zufolge der Aufrechterhaltung „ihrer wankenden Throne" durch „die Millionenheere, überlastet sind." Ats Faustpfand müssen sie, die Inden, die Hand legen auf die ..Eisenbahnen, Bergwerke, Waldungen. Hochöfen. Fabriken, ja selbst die Steuern der betreffenden Läilder. Auch die Zertrümmerung des Großgrundbesitzes, damit das Land in jüdische Hände übergehe, bilde einenwichtigen Programmpnnkt .... „Jeder Krieg nach außen, jeder Aufruhr, jede Erschütterung im Innern" bringe die Juden um einen Schritt näher „jenem erstrebten Tage" der Beherrschung durch das Geld. „Juden müssen das Getreide verteilen an Alle ..... Juden müssen Alleinherren der Presse werden, um alle bisherigen Ideen über Ehe, Tugend usw. Umstürzen zu können .... Mit jüdischem Golde seien die Kapazitäten der „Gojim" feil zu machen und in Schlaf zu lullen usw." Nicht um diesem lächerlichen Gesindel die Ehre der Widerlegung angedeihen zu lassen, sondern um zu zeigen, mit welchen Waffen der Lüge bei den eben abgesührten Wahlen gekämpft wurde, wollen wir berichtigend seftstellen. daß es niemals einen englischen Rabbiner dieses Namens gab, folglich konnte auch niemals diese angeblich im Jahre 1880 gehaltene Rede gesprochen worden sein. Wahr ist dagegen, daß unter dem Pseudonym Retcliff ein deutscher Antisemit, der einstige Redakteur Hermann Goedsche i. I. 1886 — nicht 1880 — einen Roman ..Gaeta-Warschan-Düppel" veröffentlichte, in dessen erstem Bande eine frei erfundene Schilderung etnes mittelalterlichen Konzils, überdies zur Erhöhung des Gruselns aus dem Prager Jndensriedhos (!) enthalten ist. Aus dieser haarstränbend-phantastischen Expektoration stoppelte nun vor etwa 21 Jahren die „Berliner Korrespondenz" willkürlich eine ..Rede" zusammen, die 1906 sich als wirksamste Propaganda für Pogrome in Rußland bewährt hat. Unergründlich bleibt nur, daß man bei Ueberuahme dieses literarischen Schandproduktes in die Bezirkspressen zum Zwecke der Wahlbeeinstussung nicht das Konversationslexikon zu Rate gezogen hat. Man hätte daraus — außer der richtigen Schreibweise des Namens — auch erfahren, welch Geistes Kind besagter Herr Goedsche war. Unerfindlich ferner, daß sich auch der Stadtleitung nahestehende Leute und andere nicht schämen, ihre Autorität sofort in die Wagschale zu werfen, wenn es gilt, eine ganze Bevölkerungsschichte. und zwar die tatkräftigste, geistig regsamste zu besudeln, ohne daran zu denken, daß es gerade deren Unternehmungsgeist zu dünken ist, daß- EisenbaWen, 'Fabriken. Bergwerke und alle anderen Industrien sowie Banken "gegründet wurden und derartig blühen, 'daß ans den hieraus gezogenen Stenern so manche christlichsoziale' „Kapazität" ' ein-- Einkommen beziehtzu - dem eigene' Willens- und Tatkraft nie sie hinaufgeblaseu hätte. Auch die Gründung der Kaiser Ferdinands-Nordbähn danken wir ja einem „Juden", eitlem der ft'uif Frankfurter, der, entgegen dem Willen der damaligen -Machthaber und der geistesträgen Bevölkerung, dieses gigantische, richtunggebende Werk vollbrachte.- Es ist sehr die Frage, ob und in welchem Ausmaße wir heute bereits Eisen-- bahnen hätten, ohne den jüdischen Unternehmungsgeist! -Auch bezüglich der Industrie, so namentlich in Böhmen, gilt das Gleiche. In der Neuen'Welt aber gedeihen die Verhältnisse besser. So erfuhren wir aus einem mit vielen statistischen Daten versehenen vorzüglichen Vortrage vom 2. d. M. über eine Studienreise in Amerika des Dr. I. S. Bloch, daß dort beispielsweise über 8000 Kleiderfabriken allein in jüdischen Händen seien .. . Da sachliche Momente nicht ausgebracht werden können, so charakterisieren die hohlen Phrasen der Christlichsozialen und der anderen Antisemiten ' den Antisemitismus immer mehr zu dem, als was er schon längst erkannt wNrde— zum „Geschäft", mit allerdings mittelalterlich-blutigem Hintergründe. Wien. Mai 1912. . Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Der Talmud in der „Sammlung Gölchen." Boskowitz, den 6. Mai 1912. Löbliche Redaktion! In der Nummer 17 Ihrer sehr geschätzten Wochenschrift ist ein größerer Aussatz unter dem Titel „Der Talmnd in der Sammlung Göschen" erschienen, in welchem mit Recht hervorgehoben wird, daß die Sammlung Göschen dafür Dank verdient, daß sie zwei ihrer schmucken Bändchen, „dem Talmud eingeränmt und ihm so wenigstens die Gleichberechtigung auf dem Gebiete der Wissenschaft znerkannt hat." Noch , größeren Dank verdient der große, weltbekannte Verlag vielleicht dafür, daß er die Arbeiten über den Talmud von einem jüdischen Gelehrten schreiben ließ. Man hat unseren Schriften über den Talmnd stets das größte Mißtrauen entgegengebracht. Man hat uns die zu solchen Arbeiten nötige Objektivität nicht Angetrant- und es bedurfte der jahrelangen selbstlosen Arbeit unserer Besten, um unserer Gelehrtenwelt das Vertrauen zu erringen. Wir müssen bei unseren Arbeiten bedacht sein, daß man bei jüdischen Autoren nur allzusehr anzunehmen geneigt ist, daß man durch Aus-und- Unterlegung die überlieferten Sprüche und Traditionen in ein schöneres Licht setzen will. Dieser Gesichlspnukt hat mich bei der Abfassung meiner Schriften geleitet und dieser veranlaßt mich auch, ans die in dem Anssatze erwähnten „Angriffspunkte" folgendes zu erwidern: Im Talmud kommen nicht — wie der Herr Rezensent meint — im ganzen nur 190 Gesetzeslehrer zu Worte. Wer auch nur einen größeren Traktat durchnimmt, wird über diese Bemerkung nicht wenig erstaunt sein. Da ist schon der selige Jellinek der Wahrheit näher gekommen, wenn er (Pred. II. Teil, Wien 1863, S. 147, vgl. auch Knrrein „Lichtstrahlen" n. s. w. S. 85) sagt: „2208 Männer, darunter 276 alte Lehrer und 1932 jüngere Sprecher reden, lehren (im Talmnd). Ich konnte also mit Recht von „Tausenden" sprechen. Ueber die Bezeichnungen Olialoth. (für mbriK) und Teharotli (für rii-inrs) hätte sich der Herr Rezensent bei Strack (Einleitung in den Talmud, 4. Ausl., S. 58), orientieren können. „Falsch", sagt Strack, der Verfasser der allbekannten hebräischen Grammatik, „ist die gewöhnliche Aussprache Tohoroth; Teharoth. ift auch durch das Gedicht des Abraham Jbn Ezra . . . bezeugt. Zu bedauern ist, daß der Herr Rezensent die neuere Literatur über den Talmud nicht zu Rate gezogen hat. Er hätte daun gewußt, was in Kidduschm 12a vorgeht. (Vgl. das Kapitel über Münzen und.Maße in Halevys Dor. 1iars.86stoni.llr I und besonders Jawitz im Jhrb. d. jü.d.

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