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Die Wahrheit · 1912-04-19 · Heft 15 (19.4.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 15 (19.4.1912)
Date
1912-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15. Die Wahrheit Seite 9 FeniUeton Aabvi Abraham oder der bekehrte Albert. Bon M. Markstein. In einer kleinen galizischen Stadt lebte ein jüdisches Ehe- Paar, geachtet und geschätzt nicht nur uoit beet Glaubensgenossen, sondern auch von der christlichen Bevölkerung : denn Jakob N. war. ein höchst rechtschaffener, strebsamer, tätiger Mensch, der als Goldarbeiter und Juwelenhändler sich das volle Zutrauen seiner Kunden selbst in den entfernteste» Ortschaften erwarb und dadurch zu einem nicht geringen Vermögen kam. Er war wohltätig, wo er nur konnte, er half De» Armen, unterstützte Notleidende ohne Unterschied der Religion, und in der Ausübung seiner edlen Werke stand ihm seine ebenbürtige, wackere Iran, namens Mirjam, zur Seite, da sie ebenfalls ein edles, menschenfreundliches Herz besah. Zum Lohn für das humane 'Wirken dieser musterhaften Eheleute wurden ihnen die höchsten Ehrenstellen des Städtchens zuteil. Jakob war Vorsteher der -jüdischen Gemeinde. Vizebürgermeister der Stadt, Armenrat und Verwaltnngsmitglied mehrerer humanitärer Vereine, und Mirjam bekleidete das Amt einer Präsidentin des Franenvereines zur Altterstntznng armer Waisen, Witwen und hilfsbedürftiger Wöchnerinnen. Aber bei aller Wohlhabenheit und der geachteten sozialen Stellung fühlte sich Jakob und seine Gattin nicht sehr glücklich, da ihre Ehe, trotzdem sie bereits mehr als zehn Jahre verheiratet waren, bisher kinderlos geblieben war. In frommem Vertrauen ans den Leiter und Lenker der menschlichen Geschicke gaben sie aber ihre Hoffnung ans Erlangung eines Sprößlings nicht auf, und Gott erhörte ihr täglich frommes Gebet. Nach .mehr als zehnjähriger kinderloser Ehe schenkte Mirjam einem gesunden Töchterlein das Leben. Die Freude, welche in der Familie herrschte, war unbeschreiblich, aber auch die ganze Stadt nahm an derselben herzlichen Anteil. Gaben und Spenden für Arme flosfen reichlich, alle humanitären Anstalten wurden beschenkt, und am achten Tage, es war an einem Samstag, wurde ein Freudenmahl veranstaltet. Zahlreiche Gäste, darunter auch christliche Bürger mit Dem Ortspfarrer, Freunde und Bekannte, wurden bis spät in die Nacht hinein reichlich bewirtet und das Fest der Namensgebung der kleinen Snsanna wurde aufs herrlichste begangen. Am Mitternacht verließen die Gäste wohlgemut und meist angeheitert das Hans des überaus glücklichen uub freudestrahlenden Jakob, der sich auch bald darauf zur Ruhe begab. Kanin hatte er aber seine Lagerstätte ausgesucht, da erhob sich ein heftiger Windsturm, schwere Regentropfen schlugen plätschernd an die Fensterscheiben und ein schweres Unwetter störte die Ruhe der rauhen Herbstnacht. Doch mitten durch den Sturm der Elemente glaubte Jakob klägliche Töne zu vernehmen, die dem Winseln eines kleinen Kindes glichen. Er richtete sich im Bette auf, um zu lauschen, woher die Töne zu seinem Ohre -gelangen, und da Wind und Meter gerade etwas nachgelassen hatten, hörte er ganz deutlich das Weinen eines Säuglings, Der in seinem Hausflur sich zil befinden schien. Der erschrockene Jakob stand auf, zündete ein Licht an. nahm einen warmen Rock um und öffnete die Tür seines Schlafgemaches, die in ein Borhans führte, das gegen die Straße zu nicht geschlossen war. Hier erblickte er nun zu seiner größten Bestürzung in einen Korb gebettet ein mehrere Wochen altes Knäblein, das mit hellblauen Aenglein Erbarmen und Mitleid erregend zu ihm allfblickte. Jakob wollte anfangs seinen schlaftrmifeneti Augen nicht glauben und wähnte ein Traumgebilde zu schauen, aber die Wirklichkeit überzeugte ihn zil deutlich, daß kein Hirngespinst ihn täusche, sondern daß eine herzlose Rabenmutter, vielleicht ans. sein bekanntes gutes Herz spekulierend, ihr Kind in seinem Hanse ausgesetzt hatte und, es seinem Schicksale preisgebend, selbst in finstrer Nacht spurlos verschwunden war. Daß der Findling christlicher und nicht jüdischer Abstammung ivar, ersah man auf den ersten Blick, denn am Hälschen trug es ein kleines goldenes Kreuz. Jakob nahm mitleidsvoll das Kind in sein Hans, übergab -es für den Rest der Nacht der Obhut einer Amme, die sein eigeites Töchterchen stillte, und legte sich hierauf wieder zu Bette, ohne die Ruhe seiner Gattin zu stören. Schlaf konnte er nicht mehr finden und bis zum hereinbrechenden Morgen beschäftigten ihn fortwährend die Gedanken, welche Anstalten er nun betreffs des Kindes zu treffen habe. Als Heller Tag wurde, stand Jakob auf, kleidete sich an nud begab sich in das angrenzende Zimmer seiner Frau, der er die Begebenheit der Nacht erzählte nud auch den sonderbaren Fund hereinbringeu ließ. Als Mirjam den hübschen, schön ent» wickelten Knaben erblickte, erfaßte sie herzliches Mitleid mit dem armen Kiüde und ohne recht zu erwägen, bat sie ihren Mann innig, den Knaben an Kindesstelle zu behalten und von dem Geschehenen nichts verlauten zu lassen. Jakob war jedoch besonnener als seine Frau, er machte sie auf die unangenehmen, sogar unheilbringenden Folgen, die eine Verheimlichung des Vorfalles nach sich ziehen könnte, aufmerksam, versprach ihr jedoch, falls die Herkunft des Kuäbleins nicht eruiert werde, ihrem Wilnsche gemäß zu handeln, es zu erziehen, für sein geistiges nud leibliches Wohl zu sorgen, jedoch es von seinem angestammten Glauben nicht zil, entfremden. In früher Morgenstunde schon machte Jacob bei der Behörde die Anzeige über die in der verflossenen Nacht in seinem Hause erfolgte Kindesweglegung. Gleich wurden nach allen Richtungen der Stadt Polizeilelite und Amtsorgane ausgeschickt, um die gottlose, grausame Mutter zu eruieren. Verdächtige Individuen werden eiuvernomrueu, auch iu der Umgebung der Stadt aufs sorgfältigste nachgesncht, aber, alles vergebens. Nichts führte zur Entdeckung der Täterin, jede Spur von ihr war wie weggewischt. Die verschiedensten Gerüchte kursierten in der Stadt und man besprach überall dieses Ereignis. Manche behauptetet!, eine vornehme junge Dame gesehen zu haben, die ganz verschleiert bei der Abendmesse in der Kirche am Altäre knieend in iilbrünstigem Gebete versunken war; aber wer dieses rätselhafte Weib war, woher sie kam und wohin sie gegangen sei, darüber konnte niemand Ailsknnft geben. Es blieb ein Rätsel, das vielleicht in der späten Zukunft gelöst werden sollte. Nach Verlauf einiger Zeit, als alle Nachforschungen ergebnislos geblieben waren, wurde beraten, was man nun mit dem Findling anfangen solle, und da sich der allgemein geachtete Jakob bereit erklärte, das Kind in Schutz und Pflege zu behalten, so wurde mit Zustimmung des Ortspfarrers, der ein persönlicher Freund und Verehrer Jakobs war, seinem Wunsche auch gerne willfahren. Der Pfarrer war ein wahrer, treuer Anhänger und Diener seiner Religion, der das religiöse Gefühl anderer schätzte, deu auch seine religiöse Ueberzengnng von Andersgläubigen nicht trennt und entfremdet, und besonders Jakob schätzte er sehr hock, dem der Unterschied der Religion ganz fremd war und der Wohltaten auch für- Andersgläubige mit vollen Händen ansstreute. Der Pfarrer taufte den namenlosen Findling mit Albert, empfahl ihn der besonderen Obhut seines Freundes und trug sich zum Mitvormund des Kindes an, was Jakob auch gerike gewährte. Nun war der Wunsch Mirjams erfüllt, sie fühlte sich glücklich als Mutter eines holden Töchterleins und als Pflegemutter eines reizenden Knäbleins, das sie als einen vom Himmel geschenkten Sohn betrachtete. (Fortsetzung folgt.) Kesterr.-ung Kanloren-Merein. Die geehrten Mitglieder werden dringendst ersucht, die restlichen Beträge an den Kassier, ersten Kantor S. Jltrberger, H., Tempelgasse 3. einfeuden zu wollen. Zuschriften und Anmeldungen sind au den Präsidenten Oberkautor I. Bauer, ü/t, zu richten. Korrespondenz der Aedaktron. Bs in T. Soweit wir informiert si»d> sind in Wien in allen Tempeln und Bereinshäusern zwei Funktionäre für die kantoralen Fnnk» tionen angestellt. Der I. Kantor fungiert nur an Sabbath und Festtagen, während an Wochentagen der H. Borbeter die Funktionen ausübt. der auch mitAnsnahme der „Schiro und Megilo" an Samstagen das „Leienen" versieht.

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