Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063635--07780-3074893- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
,I!rdakiir>ii und Sldministraiion: Wien. II,, ^cvvaiagasse 27 Seltpbon: ^lebaftiou 5509/1V. Mbtniitifrrarioit 4938,11. JhU'evatc: Die viermal geivalteiie NonvareiUe-Zeile 25 Heller. SlboiirieuieulS- und Jiijerlions^ derrage nild in Wien zahloar und klagbar. K. k. üsterr. Vostsvarkaisa- Scveck-Koiuo Nr. 100.918. «abhängige Aeitschrift für Mische Sniere^eu. Erscheint jeden Kreilng. Illoito: „Das Lis^vt OoLLv« ist. Wahrheit.!“ WiHMiiitMitf .K 14.- ttutbjiibviii .K 7.— pfin: ShiltnSbeuiiite: I «ttitmiiibviti .... li II» Z'U Ausland: <SWnnhltni(i .8 M.rrk 8 ülilt'el oder IH ftrc». 12 »e». 22. Inhalt: Die kommenden Wiener Gemeinderatswahlen und die jüdischen Wähler. — Aus der Woche. — Die Bedeutung der Juden für die menschliche Kultur. — Die Zurücksetzung der Juden an den Universitäten. — Der Streit über das Judentum. — Verschiedene Nachrichten. — Eiugesendel. — Literatur. Die Kommenden Wiener Gemeinderatsmahle» und die fndischenWiihter. Die Christlichsozialen sind angesichts der für sie unheilschwangeren Neuwahlen im zweiten und vierten Wahlkörper für den Wiener Gemeinderat wieder bei der alten Taktik angelangt, für alles Unheil die Juden und das vor 15 Jahren abgetretene „jndenliberale" Regime verantwortlich zu machen. Wer in freisinnigen Versammlungen die Sünden aufdeckt, die die Christlichsozialen in den letzten 15 Jahren änfgehäuft haben, wird in den christlichsozialen Blättern beschimpft und verunglimpft und auch das Spreng e u von freiheitlichen Versammlungen wird wieder praktiziert. Vor dieser Taktik, welche auch anläßlich der Juni-Wahlen o h n e Er f o l g blieb, brauchen sich die freiheitlichen Bürger auch gegenwärtig nicht zu fürch^n, denn die Beweise der christlichsozialeu Korruption und GewEherrschaft in der Wiener Gemeindeverwaltung haben sich derart aufgetürmt, daß es nichts mehr nützt, wenn die Christlichsozialen jetzt „Haltet den Dieb!" schreien. Sie haben die Lehrer durch die Geßmannerei r e ch t l o s g e m a ch t, sie haben durch ihre hinterhältigen und lendenlahmen Maßnahmen die Konsumenten den Lebensmittelverteuerern a n s g e l i e f e r t, sie haben h^rch Drosselung der Bauspeknlatiou eine noch nie dagewesene Wohnungsnot und W o h n u n g s t e u e r u n g herbeigeführt, sie haben den Wasserheller eingeführt und garnichts getan, um durch Verbauung von Gemeindegrüuden der unverhältnismäßigen Verteuerung von Kleinwohnungen und Werkstätten entgegen zu wirken. Auch der kleine Manu, dem diese Partei so vieles versprochen, ist nicht nur nicht gerettet, sondern kämpft verzweiflnngsvoll gegen gegen den immer mehr drohenden Untergang. Die Unzufriedenheit mit der christlichsozialen Gemeindewirtschaft ist eine allgemeine und der Abfall ungezählter Wählermassen wird ebenso wenigiwie bei den Reichsratswahlen durch die beliebten Praktiken bei Anlegung der Wählerlisten aufznhalten sein. , An Versuchen, die Wahlchancen durch die Wählerlisten zu verbessern, wildes gewiß nicht gefehlt haben, und so dürften diesmal namentlich viele in den Wählerlisten vergessene jüdische Wähler in die Lage gekommen sein, ihr Wahlrecht zn reklamieren. Damit solche Reklamanten nicht durch Fristv e r s ä umu n g ihr Gemeindewahlrecht verlieren, diene ihnen zur Kenntnis, daß es nötig erscheint, abweisliche Entscheidungen des Magistrates sofort den freiheitlichen Reklamationsbureaus vorzulegen, welche beurteilen können, ob ein Rekurs gesetzlich begründet sei oder nicht. Ein solcher Rekurs ist nur binnen drei Tagen au den Stadlrat möglich und gegen eine Abweisung des Stadlrates steht dann noch der Weg an den Verwallnugsgerichtshof offen. Im Interesse der deurschfreiheitlicheu Wahlausschüsse liegt es, auch erfolgreiche Wahlreklamationen den Wahlbureans bekannt zu geben. Die jüdischen Gemeinderatswähler müssen gegenwärtig ihren Wahlkampf aber nicht ausschließlich gegen christlichsoziale Wahlwerber allein richten, sondern gegen die d e u l s ch n a t i o n a l e u, d e u t s ch s o z i a l e n und jene deurschwirtschaftlichen Wahlwerber, welche den I u d e it boykott in ihr Programm ausgenommen haben. Gedenkt doch der Wiener Führer der Dentschnationaleu, Herr Dr. Leopold Waber, im Wiener Gemeinderare auch einen „judenreinen" Verband ins Leben zu rufen. Zu diesem Zwecke verschmäht es dieser wahrheitsliebende Herr Kandidat nicht, gemeinsam mit den Antisemiten Lettner, Nagler und Gussenbauer Wählerversammlnngen abzuhalteu, obgleich er einige Tage vorher die Losung ausgegeben hatte: „Ein Kompromiß mit den Christlichsozialen ist ausgeschlossen." Ich habe früher schon in der „Wahrheit" ähnliche Eiertänze bekarrnt gegeben, die Herr Dr. Waber den jüdischen Wählern Währings gegenüber anläßlich der Juni-Wahlen ausgeführt hat. In diesem Bezirke dürfte Herr Dr. Waber überhaupt eine Ueberraschung erleben. Die vielen Beamten und Lehrer Währings werden gelegentlich der Ausübung ihres Wahlrechtes im zweiten Wahlkörper wohl der Haltung des Reichsratsabgeordneten Dr. Waber und anderer Mitglieder des „Deutschnatioualen Verbandes im österr. Abgevrdnetenbause" betreffs des reaktionären Antrages Dinghofer im Staatsangestelltenausschusse eingedenk sein. Die Sozialdemokraten haben bis zum heutigen Tage im zweiten Wahlkörper noch keine Kandidaten aufgestellt und wenn die jüdischen Wähler Währings stramm ihre Bürgerpflicht erfüllen, dann kommen die Dentschfreiheitlicheu mit den. Christlichsozialen in die Stichwahl. Herr Dr. Waber und sein Anhang müssen sich daun vor aller Welt entlarven. Selbst der „deutschnationale" Antisemit Dr. Pollauf findet das geschilderte nndemsche, weil unwahre politische Benehmen Dr. Wabers derart tadelnswert, daß er ebenfalls selbständig in Währing kandidiert. R. L. Ans der Woche. Die vorige Woche verbreiteten Meldungen über einen bevorstehenden Ausgleich der Differenzen zwischen der Zentrale der Allianz in Paris und der deutschen Konferenz-Gemeinschaft werden durch die neuesten Nachrichten widerlegt.