Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ur. 9. Die Wahrheit Seite 9. .Kultusgemeinde mit dem Anliegen heran, daß diese für den Religionsunterricht an diesen Schnlen eineLehrkraft besorgen müsse, welche den Unterricht in der Unterrichtssprache—der czechischen leisten könne. Von dem Rabbiner und Religionslehrer der Gemeinde, Doktor S ch ö u. einem geborenen Ungar, war die .Kenntnis der zweiten Landessprache nicht zu verlangen und so blieb der Gemeinde nichts anderes übrig, als zn .dem bisherigen Rabbiner noch einen andere» ansznnehmen, der in czechischer Sprache predigen und lehren konnte. So weit wäre alles Recht gewesen. Doch bald nach dem -Ginzuge des böhmischen Rabbiners (behemi s ch e n, nannten ihn die bösen Jungen) stellte es sich heraus, daß derselbe nicht die moralische Qualifikation besaß, wie man sie von einem Seelsorger zu erwarten berechtigt war. Denn, war das Familienleben des alten Rabbiners, Doktor Schön, ein musterhaftes zn nennen, so gab die Behandlung der schönern und bessern .Hälfte des neuen böhmischen Rabbiners, Dr. Landheim, zu allgemeinem Aergernis Anlaß. Das Geschrei, das um dessentwillen in der Gemeinde entstanden war, drang auch bis vor die Ohren -des damaligen weltlichen Gemeindeoberhauptes — recte Rosclihakohols. Dieser berief eine anßerorden.tliche Borstandssitzung ein, nm zn beschließen, wie dem Unfuge zn steuern, denn es war ja nicht ausgeschlossen, daß manche Gemeindemitglieder sich das 'Beispiel, das einer ihrer Seelsorger gab, zn Herzen nehmen, und ebenso unzart, ja brutal mit ihren Gattinnen verfahren würden, wie es dieser mit der seinen tat. In seltener Uebereinstimmnng wurde im Rate der Beschluß gefaßt, daß bevor sich der Vorstand, als solcher, in den Zwist der Ehegatten mischte, jemand zuvor versuchen sollte, dem Dr. 'Landheim das Unschöne seines Gebahrens vor Augen zu führen. Vielleicht würde dadurch eine Besserung erzielt. Der Gedanke war gut. Aber als es dazu kam, jemanden für diese heikle Mission bei den leicht erregbaren Böhmen ausfindig zu machen, wollte niemand sich dazu verstehen, etwas löschen zn wollen, was ihn nicht persönlich brannte. Zn einem Mutius Cnrtins, der sich seiner Vaterstadt zn Liebe anfopferte, hatte niemand von den Herren das Zeug. Während in der Privatwohuung des Vorstehers diese denkwürdige Sitzung abgehalten wurde, saß im Vorzimmer der arme Flickschneider Jtzig, der einem Schlafrocke des würdigen Gemeindeoberhauptes neue Aermel eingesetzt hatte. Selbstverständlich wurde er jetzt nicht vorgelassen, da der Hausherr im Rate saß. Da es bei der Sitzung ziemlich laut herging, so war es dem draußen harrenden Schneiderlein möglich, sich über Zweck und Resultat dieser Sitzung seine Gedanken zn machen. Drinnen -tonnten die Herren noch immer zn keinem Ziele kommen. Aber, was der Verstand der Verständigen nicht sieht. Erkennet in Einfalt ein kindlich Gemüt. Die Herren waren gegangen und der harrende Schneider zur Abgabe des reparierten Schlafrockes eingelassen. Während des Antichambriereus im Vorzimmer war diesem ein köstlicher -Gedanke gekommen. Ohne vorherige lange Vorbereitung brachte er seinen Antrag vor. „Ich habe gehört. .Herr Vorsteher, Sie brauchen einen Menschen, welcher dem b e h e m i s ch e n Rabbiner (vermutlich gehörte sowohl er, als der Vorsteher der deutschen Partei an, sonst hätte er diesen ehrenrührigen Ausdruck nicht angewendet) sein liebloses Verfahren mit seiner Frau Vorhalten, und ihm das Häßliche vor Augen führen sollte. Das könnte ich besorgen, wenn niemand anders es will." „Sie, Reb Jtzig." entgegnete der Vorsteher lachend. „Sie wirft er ohne ohne alle Umstände zur Tür hinaus." „Das wird er bleiben lassen. Die Maskenfreiheir soll mein Schutz sein. In acht Tagen ist Purim. Da gehe ich wie alljährlich maskiert herum von Haus zu Haus, ich muß mich ja auf den nahen Peßach vorbereiten. Da bring ich auch bei ihm imeinen Spruch au. Purim ist alles frei." „Ich kann Ihnen nicht verwehren, als Maske zn sprechen, was Sie wollen, nur darf es-nicht in meinem Namen geschehen. Wenn Sie aber den Mut finden, ihm zu sagen, wie unschön seine Handlttngsweise ist, so sollen Sie für alle meine Kinder auf Peßach die neuen Kleider zu machen bekommen, wonach Sie schon so lange streben. Das sei Ihr Lohn für Ihren Eifer." „Gut, ich werde Sie gelegentlich beim Worte nehmen, Herr Vorsteher." Purim war ins Land gekommen. Der Zauber, der vormals in dem Worte „Purim" lag. ist jetzt schon einigermaßen verflüchtigt. In Zlichorvitz wurde das Pnrimfest noch immer gefeiert, trotzdem die Gemeinde in zwei Parteien, der älteren deutschen und jüngeren czechischen, gespalten war. Die Anhänger jeder Partei scharten sich bei jeder Gelegenheit um ihren Rabbi, eine Art Leibgarde bildend. So waren die Deutschen beim Dr. Schön, die böhmischen Familien jedoch bei Dr. Landheim zn einer solennen Pnrimfeier versammelt. Der Tisch in dessen Salon bog sich förmlich unter der Last der ausgestellten Leckerbissen und Getränke. Masken kamen und gingen und boten Anlaß zn heiterer Unterhaltung. Die schönste Maske war unbestritten ein reizender Bal Darschen, schon seines bizarren Kostüms wegen. Der ging gerade aus den Hausherrn zn und erbat sich von ihm die Erlaubnis, ihm ein Wvrtl Tora sagen zn dürfen. Dieses wurde ihm gewährt. Vorerst hal/ ich an den Raw eine herbe Kasche zn stellen, begann er; warum ist Haman anfgehangen worden, während doch Korach eingesunken ist? Der Rabbiner gestand lachend, daß er den Grund nicht wisse. „Die Antwort ist," fuhr Jtzig Schneider, denn das war die Maske, fort, „es ist nicht genug, daß immer wieder frische Korachs aus der Erde wachsen, sollen noch neue Hamans heranswachsen?" Jeisch amrim (andere aber sagen): Haman hat zu Hanse seiner Frau erzählt, daß er eben zu einem Festmahl, das der König gab, geladen sei. und als er dann nach königlichem Befehle den hoch zn Rvß sitzenden Mardechai durch die Gassen Schnschanhabiros führte, glaubte die eben aus dem Fenster blickende Frau Seresch. Hamans Gattin, nicht anders, als sei der, welcher das Pferd am Zügel führte, der ihr verhaßte Jude Mordechai, der ihrem Gemähte die hohe Ehre bewies, und schüttete ein Gefäß mit Wasser auf den zn Fuße Wandelnden aus. Nun war Haman ganz naß geworden und mußte znm Trocknen aufgehäugr werden. Schallendes Gelächter aller Anwesenden lohnte den Schneider für seinen etwas banalen Witz. Ermutigt durch den ihm gespendeten Beifall fuhr Reb Jtzig fort: Bei allen seinem sonstigen hatte Haman doch eine gute Eigenschaft: die Liebe zn seiner Familie. So kam es. daß unter seinen 10 Söhnen sich nur ein einziger Dalfon befand, und daß seine Frau seine Agitation teilte. Leider Gottes kommt das bei uns Juden nicht immer vor. Bei uns zn Hanse haben wir jetzt zwei Rabbiner. Der eine lebt sehr schlecht mit seiner Frau. Schön ist das nicht! Spracht und verschwand. Nachdem der andere Rabbiner Schön hieß, wer also war der Uebeltüter? — Die bittere Pille hatte gewirkt. Von nun an änderte sich das Benehmen Doktor Landheims gegen seine Frau auf eine erfreuliche Weise. Nächsten Pessach erschienen die vorsteherischen Kinder in neuen Gewändern, welche ans der Werkstälte Meister Jtzigs hervorgingen. K. k. priv. allgem. österr. Boden-Credit-Anstalt. D i e s i e b e nn n d v i e r z i g sr e o r d e n t l i ch e G e n e r a l v e r i a m m l n n g der k. k. priv. allgem. österr. Boden-Credit-Annalr sinder am 20. März 1912, um 4 Uhr nachmittags, in Wien, I., Teinfalrstraße 8, statt. Berhandlungsgegenstäude: a) Bericht des Gouverneurs, b) Bericht der Zensoren, c) Beschlußfassung über die Gesellichafrsrechnungen und die Verwendung des Gewinnes, d) Beschlußfassung über die Erhöhung des Aktienkapitals von 45 Millionen auf 54 Millionen Kronen durch Ausgabe von 30.000 Aktien a K 300 Nominale und über die Modalitäten dieser Emission, s) Beschlußfassung über Statutenänderungen, t) Wahl von Berwaltuugsräten. g) Wahl eines Zensors. Ju dieser Generalversammlung sind jene Herren Aktionäre stimmberechtigt, welche mindestens 14 Tage vor Zusammentrete» derselben, daher bis längstens 6. März l. I., fünfzig Aktien nebst Coupons bei der Kasse der Gesellschaft in Wien (Teinfaltstraße 8) oder in Paris (Avenue de l'Opera 19) deponieren.