Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063630--07721-3074829- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion mib Administration: Wien, II/, Novaragafss 27 Televhon: Redaktion 5509/1V. Admiiiisiralion 4938/il. fl. k. üsterr. Postsvarkasta- Scvect-floiuo Nr. 100.918. Inserate: Die viermai gesvaltene Ronparcille-Zeiie 25 Heller. Abonnementsn»d Jnsertions-j betrage sind in Wien zahlbar und klagbar.! - - - ■ ■- - - I ige Aeitfchnft für Mische JttterejfetL Erschein 1 jeden Areitag. Motto: „Das Siegel Wottes ist Wahrheit!“ | Verntzsprek»: { ^anziciveig.K 14.— j .'öalbiiibvirt.K 7.— i (Viii: Shiltii'Sbi’iiintf: j (MiiiMiiiüritt.K 10 fyiU' '.Mii^taub: >ö>»»z>at>» lg.8 Mark!; ti :>luDfl oder Mi Arc». Ü Uv. 7. Wie«. 16 Februar I i>I *> Inhalt: Jithro. — Reform des Religiousuuterrichles. — Die Koscherfleisch-Bersorgung in Wien. — Generalversammlung des Tempelbauvereinec' des VIII. Bezirkes der Stadt Wien. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Nur romantlsch. — Publikationen des österr.-nng Kantoren-Vereines. Jithro. Die ewigen Wahrheiten unserer heiligen Schrift bestätigen sich tagtäglich anfs neue und trotz des hohen Alters haben die Erzählungen und Belehrungen der Bibel an Aktualität nichts eingebüßt. Diese Tatsache kam uns so recht zum Bewußtsein bei der ausgezeichneten Predigt, die Herr Oberrabbiuer Dr. Güdemamt beim Abendgottesdienst am vorigen Freitag im Stadttempel gehalten hat. ' Ausgehend vom laufenden Wochenabschnitt „Jithro", der die Schilderung von der Offenbarung a m Sinai und die Verkündigung der „Zehn Gebote" enthält, wies der Redner auf die Wichtigkeit dieses Thorakapitels hin.; Die Zehn Gebote bilden für alle Zeiten die ewige u n w a n d e l b a r e Grundlage aller Sittlichkeit und Kultur, auf der sich das Leben des Einzelnen wie das der Gesamtheit in Volk und Staat anfbaut' und weiter entwickelt. Die Zehn Gebote sind gleichsam die Muttermilch, welche Israel allen Völkern gereicht hat, um sie groß zu ziehen und zu Trägern der Humanität und Zivilisation werden zn lassen. Es ist doch merkwürdig, daß gerade dieser wichtige, so bedeutungsvolle Thoraabschnitt nach dem Namen „Jithro" benannt ist! Jithro oder Jethro, wie der Schwiegervater Moses genannt wird, war kein Jsraelite, sondern ein Nicht-Israelit und hatte wohl die Nachricht von dem Strafgerichte an dem Volke der ihm stammverwandten und benachbarten Egypter nur schmerzlich erfahren, wie dies eine rabbinische Auslegung so treffend znm Worte „va-jichad Jithro“ andeutet, daß er nämlich bei der Nachricht „Stiche" nn Herzen gefühlt habe — „chidudin cliidudin“ — weil Egypten seinem Herzen näher lag als Israel. Und doch hatte er es offen bekannt und rief aus: „Jetzt weiß ich es, daß der Ewige der höchste Gott ist; die Sache, mit der sie g e f r e v e l t haben, kam ü b e r s i e." Dies aus dem Munde Jethros stammende Wort ist eine Offenbarung für die Unterdrücker eines Volles. Wer in der Geschichte zu lesen versteht, siudet es bestätigt, daß Tyrannei und Grausamkeit immer aus die Urheber zurückfallen. Wie viel Feindseligkeiten und Verfolgungen haben die Juden schon im Laufe der Geschichte erlitten und erleiden sie noch heute! Unablässig schreien die uns umgebenden Feinde: ' die Juden seien Betrüger, Scheusale, Volksansbeuter und eine allgemeine Gefahr für den Staat. Die Sache, mit der sie aber ''freveln, kommt über sie; sie selber sind, wie es täglich klar wird, >daZowassie verleumderische auf die Inden überwälzen wollen. Wie sollen wir Inden uns nun gegen Tücke, Lüge und Ruchlosigkeiten unserer Feinde verhalten? Im täglichen Morgengebet ist die Antwort gegeben. In den Früh-Segenssprüchen sind es die letzten vier, die ein wahres Rezept gegen alle offenen und versteckten Angriffe sind. Wir preisen Gott im ersten dieser vier Sprüche, daß Er Israel m i t Stärke u mgnrte — das kleine, numerisch so schwache Volk der Juden findet seine Stärke in Gott und in seiner Lehre. Der zweite Spruch preiset Gott, der Israel mit Ru hm krönet — das treue Festhalten am ererbten Glauben der Väter sei der Ruhm, die Ehre jedes einzelnen Juden. Der dritte Segensspruch preiset Gott, der dem Müden Kraft verleihet — das wandermüde Volk der Juden hat im Laufe der Geschichte immer wieder neue belebende Kraft znm Vorwärtsschreiten durch Selbstvertrauen und die Hoffnung auf Gottes Hilfe gefunden. Und auch die letzte der Beuediktionen soll für uns die Mahnung enthalten, nicht zu schlummern, nicht zn verschlafen, wenn wir wieder zur Urne gerufen werden, sondern wach und gerüstet zu sein, um sür Recht und Gerechtigkeit einzustehen. -88— Reform des Keligionsimterrichles. Wie wir bereits in voriger Nummer gemeldet, hat der Wiener Kultusvorstand in seiner letzten Plenarsitzung die Einsührung eines neuen Lehrplanes sür den Religionsunterricht an den oberen Klassen der Mittelschulen beschlossen, der sich nicht nur, wie es bei den wiederholten diesbezüglichen Experimenten der letzten Jahrzehnte der Fall war, auf der Begrenzung des Lehrstoffes beschränkte, sondern auch mit einer grundlegenden Aenderung in der Methodik des Unterrichtes verbunden ist und den Endzweck verfolgt, das Interesse der Jugend für den Retigiousnnterricht und dadurch ihre Liede und Begeisterung für das Judentum anzuregen und wach zu erhalten. Wenn die Erwartungen, die an diese Reform geknüpft werden, sich auch nur zum Teile erfüllen, dann dürfen, wie der Vizepräsident Dr. Gustav K o h u im Laufe der Debatte bemerkte, die vom Knltnsvorsteher Dr. Maximilian Steiner gegebenen Anregungen wirklich als eine Tat bezeichnet werden, die dem Initiator selbst zn unschätzbarem Verdienst und der jüdischen Jugend zu Heil und Segen gereichen wird. Mil Rücksicht auf die hohe Bedeutung dieser Frage geben wir nachfolgend das in der Vorstandssitznng vom Abteilungsleiter F u ch s g e l b erstattete Referat wieder: Während des Schuljahres 1909/10 hat sich der Kultnsvorstand mit der Beratung eines neuen Lehrplanes für den