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Die Wahrheit · 1912-01-26 · Heft 4 (26.1.1912) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 11. Nr 4 Der Bürgermeister übernahm denselben und öffnete, nach einer Ansprache an die Festteilnehmer, die Pforten der Synagoge. Ein hnndertstimmiges Ah! der Bewunderung wurde gehört. Als die Festteilnehmer Platz genommen, bestieg der alte, eben pensionierte Rabbiner das Podium, um , das Neir tomid anznzünden, was seine letzte Amtshandlung sein sollte. Kein Auge blieb bei den wenigen Worten, womit er Abschied nahm, trocken. Sodann hielt der Vorsteher eine Ansprache, worin er die hochverehrliche Versammlung willkommen hieß. Jetzt sollte der eigentliche Einweihnngsakt beginnen, von der Festpredigt des Rabbiners Herzig eingeleitet. Während dieser die Stufen zur Kanzel emporstieg nnd jeder Blick ans die Gestalt des Redners gerichtet war, stand Dr. Adler mit bleichem Gesichte auf seinem ihm angewiesenen Ptatze. Ein Lächeln umspielte seine Lippen: es war das Lächeln der Ueberlegeuheit, da er an die Predigten dachte, welche Hertzig in seiner Gemeinde manchmal vom Stapel ließ und mit seiner tiefsinnigen, geistvollen Predigt verglich, die er für heute hier zum Vortrag bringen wollte. Aber was war dies? Träumte oder wachte er? Das Lächeln auf seinen Zügen war mit einemmale verschwunden und hatte dem Ausdrucke von Verlegenheit und Staunen Platz gemacht. Ans dem Munde seines Widersachers — als solchen betrachtete er den Redner, tönte ihm seine eigene Predigt — Satz für Satz — entgegen. Kein Passus der festgefügten, glänzenden Rede fehlte; nnd so wie er es von dieser erwartet hatte, so wirkte sie gerade überwältigend auf die zahlreiche Zuhörerschaft. Die eine Partei warf der anderen höhnische Blicke zu, gleichsam, als wollten sie sagen: „Schaut doch, was der von uns Vorgeschlugene zu leisten vermag!" Die Gegner schienen wieder Willen bekehrt zu sein und nickten znstimmend den geistvollen Auseinandersetzungen des Predigers zu. „Habeam papam!" schien auf Aller Lippen zu schweben. In der allgemeinen Begeisterung achtete mau des jungen Kandidaten nicht, der in stiller Verzweiflung an seiner Unterlippe nagte. Die wohlberechtigte Frage: Woher hat Hertzig meine Predigt hergenommen, wurde von der in diesem Augenblicke viel richtigeren verdrängt? Was nun? Wie kann ich mich aus dieser Verlegenheit heransziehen? Was werde ich sprechen, wenn die Reihe an mich kommt? Kann ich denn Reden ans der Erde stampfen? Wächst mir eine Rede auf der flachen Hand? Der Prediger hatte, zu Ende gesprochen und die Gemeinde gesegnet. Sein Amen verschmolz mit dem hundertfachen Jejascher koach, welches ihm zugernfen wurde, und stolz, wie ein Sieger das Schlachtfeld, verließ er die Kanzel, noch im Herabsteigen einen triumphierenden Blick auf seinen Rivalen werfend. Dieser Blick hatte einen Gedanken in dem jungen Kandidaten hervorgernfen, wie der drohenden Blamage mit Ehren zu entgehen sei. Kaum konnte er das Ende des Gottesdienstes erwarten, dessen Schluß seine Rede bilden sollte. Hocherhobenen Hauptes bestieg er die Kanzel. „Meine andächtigen Zuhörer!" begann er, „mein hochverehrter Herr Vorredner hat soeben eine Predigt gehalten, die so gediegen ist, daß sich die von mir vorbereitete keineswegs damit messen kann. Da ich aber vielfach den Wunsch äußern hörte, diese Rede noch einmal zu hören, so glaube ich, einem allgemeinen Verlangen zu willfahren, wenn ich die vor Kurzem gehörte Rede aus dem Gedächtnisse wiederhole." , Und Dr. Adler begann Hertzig's Predigt zu rekapitulieren. Es war dieselbe- Satz für Satz, und doch nicht dieselbe, denn Dr. Adler trug die Predigt mit einer solche feinen . .Nuanzirüng und Betonung vor, daß die geistvollen Worte erst durch die Vortragsweise des jungen Redners znr vollen Geltung kamen. Die zahlreichen Zuhörer wußten nicht, was sie an Adler mehr bewundern sollten, ob das Verständnis und die Innigkeit seines Vortrages.- welcher einen glänzenden Kontrast bildete zu dem monotonen Tone, in welchem der erste Redner ein und dieselben Worte vorgetragen hatte oder die aicks Wunderbare streifende Gedächtnisgabe, welche es ihm ermöglichte, eine lange Predigt nach einmaligem Hören fast wörtlich wiederzngeben, und zwar besser und verständnisvoller, als es der eigentliche Verfasser getan. Die Siegespalme, welche sich dem ersten Redner zugeneigt hatte, geriet in's Schwanken. Nach dem Gottesdienste vereinigte ein Festmahl alle hervorragenden Teilnehmer der Festlichkeit. Die beiden Redner wurden mit Lobsprüchen überschüttet. Der ältere von ihnen über die geistvolle Predigt, der jüngere über die staunenerregende Wiedergabe derselben. Der Vorsteher näherte sich nunmehr Dr. Adler und führte ihn in eine Fensternische, wo er Folgendes zu ihm sprach: „Herr Doktor! Ihr merkwürdiges Gedächtnis hat nufer Aller Bewunderung erregt; doch znr Besetzung des Rabbinerpostens genügt dieses nicht. Wir brauchen einen Rabbiner, der seine Predigten selber ausarbeitet, und keine fremden hält, aber keinen Gedächtuiskünstler, wie er etwa in einem Theater am Platze ist. Sie hatten in der Einleitung gesagt, daß Sie eine andere Predigt vorbereitet hätten; fühlen Sie sich kräftig genug, dieselbe morgen nach dem Gottesdienste zu halten, so glaube ich bei Ihrer eminenten Vortragsweise des Erfolges sicher zu sein." Für Adler genügte vollkommen der Zeitraum von einigen Stunden, um eine neue Rede ansznarbeiten und einznstudieren. Darum willigte er in diesen Vorschlag ein. Daß er diesen Leuten besser gefallen werde, als Hertzig, daran zweifelte er keinen Augenblick. Jetzt lag ihm doch daran, seinem zukünftigen Schwiegervater einen gehörigen Denkzettel zu geben, ohne ihn öffentlich zu beschimpfen, da in diesem Falle Emma ihm für immer verloren wäre. (Schlug folgt. Steuerfreie, vierprozentige öftere. Staatsanleihe in Kronen im Nominalbetrag von 200 Millionen Kronen. Der k. k. Fiuanzminister hat den Betrag von K 200,000.000 neue, steuerfreie. 4% öftere. Kronenrenre mit Verzinsungstermineu 1. Juni und 1. Dezember an das unter Führung der Postsparkasse besteheude Konsortium begeben, welchem das Haus Rothschild und fast sämtliche Banken Oesterreichs angehören. Die Subskription findet Montag, den 29. Jänner bei allen, dem Konsortium angehörigen Instituten, sowie auch bei den Postämtern statt. Der Subskriptionskurs beträgt 90'25%. Für gesperrte Stücke wird eine Vergütung von 0'10% für sechsmonatliche und von 0'20°/<> für zwölfmonatliche Sperre gewährt. Bei der Subskription ist eine Kaution von 5% zu erlegen und hat die Einzahlung des für die zugeteilten Obligationen entfallenden Betrages in zwei Raten, am 20. Februar und 12. März 1912, zu erfolgen. Die näheren Bestimmungen sind ans den kuudgemachten Prospekten und Subskriptions-Einladungen zu entnehmen. * * * Steuerfreie, vierprozentige Staatsschatzscheine vom Jahre 1912, fällig am 1 MärzlOiS im Nominalbetrag von 130 Millionen Kronen. Der k. k. Finanzminister hat den Betrag von L 130,000.000 neue, steuerfreie, 4°/0 österr. Schatzscheine, fällig am 1. März 1915, mit Berziusungstermiueil am 1. März nnd 1. September, an das unter Führung der Postsparkasse bestehende Konsortinm begeben, welchem das Haus Rothschild uud fast sämtliche Banken Oesterreichs angehören. Die Subskription findet durch Umrausch der 4%igeu Staatsschatzscheine in der Zeit vom 23. bis 29. Jänner 1912 oder gegen Barzahlung, uud zwar Montag, den 29. Jänner 1912, bei allen dem Konsortium angehörigen Instituten, sowie auch bei den Postämtern statt. Der Subskriptionskurs beträgt 98.50%. Bei der Subskription gegen Barzahlung ist eine Kaution von 10% zu erlegen und har die Einzahlung des für die zugereilten Staatsschatzscheine entfallenden Betrages vom 1. März bis längstens 1. Avril d. I. zu erfolgen. Die näheren Bestimniungen sind aus den kundgemachten Prospekten und Subskriptions-Einladungen zu entnehmen.

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