Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 3. Die Wahrheit. Geile &>. Die Frdbepredigt Humoreske von Babette Fried,. Prag. Mit sanften, jedoch eindringlichen Worten suchte der Rabbinatskandidat das still vor sich hinweineude Mädchen zu trösten. „Gib nicht alle Hoffnung auf, Emma! vertraue auf Gott, auf. mich und auf unsere Liebe. . Blicke mich all, wie heiter ich der Zukunft entgegensehe. Es wird, es. muß ein Mittel geben. Ansere Vereinigung durchzusetzen." — Traurig schüttelte Omina ihr schÄrrs Lockenköpfchen. „Wenn mein Vater einmal „Nein" gesagt bat, dann gibt es jein Mittel, ihll zu einem „Ja" zn bewegen." „Heute noch nicht, aber wir können warten. Verdrießt Dich das, Emma?" Das Mädchen wurde feuerrot. ,.O, das Warten soll mich nicht verdrießen, aber daß es voraussichtlich ein vergebliches wird, das kann mich zlir Verzweiflung treiben." „Nicht vergeblich, liebes Kind! Ich habe einen Plan. Dein. Vater hat mir Deine Hand versagt, ans dem Grunde, weil , ich außer meinem Doktortilel nichts bin und nichts habe, also seiner Ansicht nach, keine Familie erhalten kann. Es war unüberlegt von mir. jetzt schon mn Deine Hand anznhalten. Wenn ich aber einmal als wohlbestallter Rabbiner einer größeren Gemeinde vor ihm erscheine, so entfällt sede Ausflucht, und er wird Ja und Amen zu unserer Verbindung sagen und unsere Hände segnend ineinander fügen. Und jetzt ade! auf Widersehen, mein Lieb! Gehe nach Hanse, als wäre nichts vorgefallen. Du wirst bald von mir hören." . Erleichterten Herzens nahm Emma voll ihrem heimlich Vsrlobten Abschied. Doktor phil. Karl Adler befand sich keineswegs m so hoffnnngsfrendiger Stimmung, als er sich dem geliebten Mädchen gegenüber den Anschein gab. Er hatte es seiner Emma Verschwiegen, in welchen beleidigenden Ausdrücken Hertzig seinen Heiratsantrag zlirückgeiviesen hatte und mit welchen gereizten Worten er ihm geantwortet. Da gab es keine Versöhnung, das wußte er. War doch die Existenzfrage nicht der eigentliche Grund dieser Abweisung gewesen, sondern die Abneignng. welche Hertzig. der Rabbiner der Gemeinde, in welcher Doktor Adler als Lehrer ivirkte. bei jeder Gelegenheit gegen ihn zur Schau trug, entsprang der Eifersucht, welche er gegen den talentierten, vielversprechenden jungen Mann fühlte. Üeberall. wo die beiden zusammentrafen, wurde Hertzig von den Geistesgaben Adlers aus dem Felde geschlagen. . Hertzig ertrug wirklich nicht die geistige Uebermacht Adlers, welche er kurzweg Uebergriff und Protzerei nannte. Und jetzt war Stahl auf Stein gefallen und die Funken, die durch diesen Schlag entstanden sind, haben das verzehrende Feuer des grimmigsten Hasses in den Herzen der Beiden entzündet. Traurig ging Dr. Adler nach Hanse und setzte sich an leinen Schreibtisch. In der'Arbeit wollte er Vergessenheit suchen für seine Sorgen nud Kraft zn weiterem Kampfe: galt es Loch, das Höchste, die Geliebte zn erringen. Wie, auf welche Weise? Davon hatte er nicht die mindeste Ahnung. t 4- * In der Gemeinde Matinee war ein neues Bethans erbaut und auch ein Konkurs zur Besetzung des Rabbinerpostens ausgeschrieben worden. Der bisherige Rabbiner wollte Alters halber in den wohlverdienten Ruhestand treten. Doktor Adler hatte sich in . aller Form um'diese Stelle beworben. Sie war wohl nicht derart, wie sie. dem phantasievollen Geiste' des einstigen Studenten vorgeschwebthaben mochte, aber um seine Lehrerstelle und die voraussichtlichen Reibereien mit seinem zukünftigen Schwiegervater loszuwerden, .hätte er eine noch minder gilt dotierte Stelle auch gerne angenommen. Am Schülerfeste „Lag-beomer" sollte die Einweihung der Synagoge stattfinden und au Dr. Adler war die Einladung ergangensich Tags zuvor dort einzusinden, -um dann als Probevöktrag die. Einweihüngsrede zn halten. Diese Rede nun studierte der' Kandidat jetzt ein. Er hatte all sein Können und Wissen anfgeboten, nm etwas Gediegenes zn schaffen und gestützt ans den paffend gewählten Text: „Wenn Gott, der Herr, das Hans nicht bauet, vergeblich ist der Bauenden Mühen." glaubte er ein Meisterstück der Stilistik und Rhetorik geschaffen zu haben. Angetan in funkelnagelneuem schwarzen Kaiserrocke, den glänzenden Zilinderhut in der Hand, stellte sich Dr. Adler zur festgesetzten Stunde dem Vorsteher der Knltnsgemeillde von Malinee als der erwartete Rabbiuatskandidat vor. Der Vorsteher empfing ihn mit verlegener Miene. „Herr Doktor," sagte er. ich habe Ihnen etwas sehr Verdrießliches zu melden. Kaum, daß wir an Sie die Einladung, unfern Tempel einznweihen, ergehen ließen, langte noch ein Gesuch an, und zwar von dem Rabbiner Ihrer Gemeinde. Wäre es nach mir gegangen, so hätte ich das Gesuch, als zu spät eingereicht, abschlägig beschieden. Aber unsere Gemeinde ist in zwei Parteien gespalten; die Majorität, zit der zu zählen ich die Ehre habe, wünscht Sie zn hören, der andere Teil verlangt, auch den alten Herrn hören zu wollen. In Folge dessen ist an diesen ebenfalls die Einladung ergangen, morgen eine Festrede zn halten. Er ist schon früher angekommen und hat sich ansgeveteu, als Erster sprechen zu dürfen, was mau ihm. als dem Aelteren von Ihnen beiden, zngestehen mußte. Wir haben es also derart eingerichtet, daß Herr Hertzig vor Beginn der Feier sprechen soll, nud Sie. als der Jüngere, vor Schluß derselben. Sind Sie mit dieser Anordnung zufrieden, Herr Doktor?" Dieser verbeugte sich als Zeichen der Zustimmung. Adler war durch das eben Vernommene sehr verstimmt worden. Daß er von dem Alten als Redner und daher als Bewerber nm den Rabbinerposten ans dem Felde geschlagen werde, fürchtete er nicht. Hertzig war an nnd für sich kein glänzender, und ihm. Adler gegenüber, mußte er gar den Kürzeren ziehen. Aber in diesem Falle mußte dann Adler endgültig auf Emma^s Hand verzichten, denn diese Niederlage würde ihm Hertzig niemals vergeben. Ganz verzweifelt - suchte Dr. Adler das für ihn in der einzigen jüdischen Restauration des Ortes bestellte Quartier aus, um daselbst seine Rede noch gut einzustndieren, daß sie wie der Tau von seinen Lippen trällfle. Den ganzen Abend hindurch dnrchmaß er mit gleichmäßigen Schritten das lange, schmale Zimmerchen, welches man ihm eingeräumt hatte und memorierte mit immer steigender Begeisterung die morgen zn haltende Festrede. Andern Tages war die Gemeinde in freudigster Bewegung. Bon der provisorischen Betstnbe ans setzte sich der Zng in Bewegung. Die beiden ersten Vorsteher, der alte Rabbiner der Gemeinde nud die zwei als Gäste anwesenden Rabbinen schritten würdevoll unter dem als Baldachin verwendeten Tranhimliiel dahin, jeder eine reichverzierte Thorarolle im Arme haltend. Vier schwarzgekleidete Jünglinge trugen die Stangen der Chnppa. Die weißgekleidete weibliche Schuljugend mit grünen Myrtheuzweigleiu auf den schwarzen Lockeuköpscheu giilg voraus nnd streute duftende Frühlingsblüteu ans den Weg. Dem Baldachin folgte eine Musikkapelle. Daran reihten sich die uniformierteu Vereine des Städtchens und ihnen folgten in fast unabsehbarem Zuge geputzte Herren und Damen. (Schluß folgt. Austritte uns dem Judentum. Merowski Alex., Student, geb. am 17. Oktober 1890 in Odessa (Rußland). Wien. 3T. Taborstraße 49. Zzig alnitzkp Moses, Polycechniker, geb. am 27. November 1888 in Werchnandick (Sibirien). Wien, II. Kl. Stadtgurgasse 4. Reimann Jda. Private, geb. am 7. Mai 1885 in Wien. II. Stesaniestraße 16. Steiner Stefanie, geb. am 8. Mai 1881 in Kolin (Böhmen). Wien, HI. Apostelgasse 17. F e l d m a n n Paula, geb. 3. September 1878 in Sobeslav. Wien, XVII. Hauptstraße 151. P o l l a k Maximilian, Buchdrucker, geb. am 25. November 1885 in Wien. XVI. Hasnerstraße 46.