Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, II/, Nvvaragasse 27 Televhon:. Redaktion 5509/IV. Anaöhängige Heitfchrift für Mische Nerngspeei»: Ganztöhrig.K 14.— Halbläbri,,.K 1 — Administration 493g.II. fl. k. üsterr. Poftsparkasia- Scheck-Koino Nr. 100.918. Interessen. Für Jtiiltiisbfumte: iMniiftjiibviii.K Hl - Inserate: -:' Die viermal geivaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitng. Für Auslmid: Abonnementsimb Jnsertions- «u»»z>ay»i,t.8 allart betröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Ü ilhiort oder 10 Frc». Jlv. 3. Wie», 19. Jänner HH2. Inhalt: Graf Colloredo und — Bürgermeister Gaynor von New-Iork. — Airs der Woche. — Bon den Inden in Tunis. — Wie die Psalmen beim Neligionsunterrichte behandelt werden sollen. — Neue Judenverfolgungen in Rußland. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die Probepredigt. — Austritte aus dem Judentume. Kn unsere geehrten Köonnenlen! Wir bitten ury rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, damit in der Zusendung des Blattes keine Verzögerung eintrete. Die geehrten Abonnenten werden ersucht, bei Einsendung des Abonnementsbetrages den zngesandten Posterlagschein zu benutzen. Die Administration. Graf Colloredo und — Knrgermeister Gaynor von Urmyorlr. In der heutigen Zeit, wo die Judenverfolgungen von gewisser Seite her als eine Art höherer Sport betrieben werden uub sich gewissenlose Parteiführer in Menge finden, welche die bösen Leidenschaften des gemeinen Pöbels anfstacheln, ohne die Folgen zu bedenken, welche daraus für sie selbst hervorgeheu können, hat man es längst verschmäht, die Judenverfolgung um Christi willen einzuleiten. Es sind vielmehr ausschließlich materielle Interessen, welche der Aufreizung gegen die Inden zu Grunde liegen und schon deswegen erscheint das Beginnen dieser christlichen Apostel, welche mit so beredtem Munde die jüdische Moral anzngreifen wissen, unmoralisch und verwerflich. Ein solcher Apostel ist der „schwarzblaue" Graf Colloredo, der in der 11. Sitzung des niederösterreichischen Landtages ganz „objektiv" (!) aufmerksam macht, ,>daß man schon im Mittelalter den Juden den Grundbesitz verboten hat, und zwar in der richtigen Erkenntnis, daß der Jude der Allgemeinheit mit der Spekulation in Grund und Boden schade." Diese Behauptung des Grafen Colloredo, die bereits zum Ueberdrnß widerlegt worden, ist, gelinde gesagt, eine Geschichtsverdrehung. Es dürfte selbst in den Kreisen der Halbgebildeten bekannt sein, daß die Juden im Mittelalter in einer Richtung ihre Lebensgewohnheiten haben ändern müssen. Bon dem tätigen,, arbeitsamen und mit Erfolg gekrönten Landmann, dem es vergönnt war, den eigenen Grund tmd Boden zu bebauen, sind sie in eine Kaste der Kaufleute verwandelt worden. Fast gewinnt es den Anschein, als ob sie die Liebe für den Ackerbau verloren haben, der einst in Palästina in so hoher Blüte stand.. In den Zeiten, der Gefangenschaft in Babylon und Persien warendie Juden noch zum größten Teil Landbebauer. Selbst in den späteren römischen Zeiten bis; in das b. Jahrhundert hinein darf man die Juden als ein ackerbautreibendes Volk betrachten. Der Talmnd hat unzählige Anspielungen ans den Feld- und Gartenbau und nimmt viele Vergleiche von Oel und Wein, Weizen, Früchten und Blumen. Seine vielen Regeln und Vorschriften sind mehr dem Leben ans dem Lande als dem Lande angepaßt. Als die großen Schulen von Babylon und Pumbaditha blühten und der lebhafte Geist der Israeliten sich in einer reichen Literatur von Kommentatoren Lust machte, gab sich überall noch eine warme Liebe für die Gefilde des Orients, die sie bebauten, zu erkennen. Erst als die allgemeine Verfolgung über sie hereinbrach und sie von Babylon nach Persien getrieben wurden, als ihre merkwürdige Wanderung von Stadt zu Stadt begann, die mehr als ein Jahrtausend so schwer auf den Juden lastete, da änderten sich ihre Gewohnheiten, erst da wurden sie ein Volk von Handelsleuten. Auf ihrer unsteten und rastlosen Wanderschaft waren sie gezwungen gewesen, sich solche Güter zu verschaffen, die sie leicht mit sich nehmen und in Sicherheit bringen konnten. Außerdem ward ihnen jede Gelegenheit, sich dem Landban zn widmen, sehr erschwert, teils weil sie in vielen Ländern liegende Gründe überhaupt nicht erwerben durften, teils weil ihnen die Konzilien verboten hatten, christliche Dienstboten zu halten, teils weil der Aufenthalt einzelner jüdischer Gutsbesitzer mitten unter dem neidvollen, germanischen Bauernvolke mit großen Unannehmlichkeiten verbunden sein mochte. Und so blieb dem jüdischen Volke im Mittelalter nichts anderes übrig, als sich ans den Handel zu verlegen und bei Hoch und Niedrig, bei Klerikern und Laien in Geldnöten Rat und Hilfe zu schaffen. Keine jüdische Spekulation in Grund und Boden, die der Allgemeinheit zu Nachteil gereichte, war also die Triebfeder, daß mau den Inden im Mittelalter Grund und Boden entzog, vielmehr war es einzig und allein der elende Haß eines Krämers, der sich seines überlegenen Gegners in bequemer Weise entleÄgen wollte. Im Gegensätze nun zu unserem famosen Grafen Colloredo scheint Bürgermeister Gaynor von Nevyork sich gründlicher und jedenfalls „objektiver" mit dem Studium der jüdischen Geschichte befaßt zu haben. Am 3. Tage des Chnnnkkasestes hielt nämlich, wie bereits in diesem Blatte berichtet wurde, der Mayor von Newyork in der ersten rumänischen Synagoge anläßlich der 10. Jahresfeier ihrer Gründung eine. Rede, in der er seine lauschenden, jüdischen Zuhörer wörtlich folgendermaßen apostrofierte: „Ich gebe Euch zu bedenken, daß .Eure Vorfahren alle sich mit der Landwirtschaft abgegeben haben. Sie hielten Heerden, pflügten, säten und ernteten. Ihr mußtet dieser Beschäftigung untreu werden, weil man Euch den Landbesitz