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Die Wahrheit · 1911-12-29 · Heft 50 (29.12.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 50 (29.12.1911)
Date
1911-12-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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misierten Teile des Judentums einigende, einheitliche hebräische Gebetsprache. An diese wollen mich gewisse Freunde des Judentums (Gott schütze uns vor diesen Freunden!) die Axt legen! Was wäre die Konsequenz eines solchen herostratischen Beginnens? Einfach die, daß der private israel. Religionsunterricht in kürzester Zeit in die Hände nichtjüdischer-Lehrer und Erzieherinnen fiele. Caveant consules! v In der Hand tüchtig geschulter Lehrer wird das Hebräische stets ein das Gemüt und den Geist mächtig erwärmender Lehrstoff bleiben. Man schaffe dem Geist der Jetztzeit entsprechende Lehrtexte, versehe sie mit den notwendigen, pädagogisch wohlerwogenen Erläuterungen und spare ja nicht mit entsprechenden illustrativen Beigaben. Möge man Preise schaffen, damit auch sernerhin einzelne prachtvolle Gebetstücke durch hervorragende Komponisten die entsprechende Vertonung erhalten. Unter den Psalmen wäre es insbesondere der 104. Psalm, der behufs Vertonung einzelner Teile desselben der würdigen Künstlerleistuug eutgegenharrt. Wir wünschen also für die Zukunft vermehrte Pfiege des religiösen Sinnes im Elteruhause. woselbst die Religion gewissermaßen zunächst ihre religiöse Pflegestätte finden soll. Hieran Enüpft sich die weitere Ansgestaltnng in der Schule. Erst beide Formen der religiösen Betätigung werden dem Judentum und seiner heiligen Lehre zu neuem Leben, zu erneuter Kraft verhelfen. I. A. Der hebräische Keligionsnttterricht. Seit vielen Jahren herrscht hüben wie drüben bezüglich des hebräischen Religionsunterrichtes eine förmliche Begriffsverwirrung. Sehr viele — nämlich die Gesinnungsgenossen des Anonymus in der „Monatsschrift der Israelitischen Union" — glauben, daß die Kenntnis der hebräischen Sprache nur um des in der Synagoge zu verrichtenden Gebetes willen so notwendig sei. Diese unrichtige Ansicht zeugt nur. von der .vollständigen Unkenntnis der Religiouslehre; denn jeder, der sich nur: einigermaßen mit dem jüdischen Schrifttum vertrant gemacht hat, weiß, daß nach der Lehre des Judentums derjenige, der der hebräischen Sprache nicht mächtig ist, sein- Gebet in jener Sprache zu verrichten hat. die er vollkommen beherrscht. So z. B. heißt es im Talm. (Sota 32) pötf.'p f-.rvb bzz ptata «121 nbsm, also selbst das wichtigste Schema - Gebet und Schemoaa vor« ist demjenigen, der das Hebräische nicht versteht, gestattet, in einer ihm geläufigen Sprache zu verrichten. Auch im Sch. Arueh O. Ohajirn 101, 4, heißt es ausdrücklich: nxvü P22 bbsnrb bi2\ „Es ist gestattet, das Gebet in jeder beliebigen Sprache zu verrichten". Allein die Kenntnis der hebräischen Sprache ist deshalb so dringend notwendig, weil ohne dieselbe eine gründliche Kenntnis unseres hebräischen Religionsbnches, * der Thora, nicht denkbar ist, und ein Judentum ohne Thorakenutnis hätte keine Existenzberechtigung, müßte vielmehr gar bald spurlos aus der Geschichte schwinden. Schon in der Patriarchenzeit war man von der Ueberzengnng durchdrungen, daß der Stamm der Hebräer nur durch Pflege der Narionalsprache und Traditionen sich ewig werde erhallten können. ,' . Als Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gab, „-Am Josef achichem", „Ich bin euer Brnder Josef, den ihr nach Mizrajim verkauft habt!" hatte diese Enthüllung einen solch niederschmetternden Eindruck auf sie gemacht, daß sie vor Schrecken und Angst kein einziges Wort ihm zu antworten vermochten. Er beruhigte sie aber bald und sagte: „Seid nicht betrübt und besorgt, ich - bür noch immer der treue Sohn unseres Vaters, habe trotz der hohen Stellung, die ich hier einnehme, weder meinen Stamm, noch meine nationale Sprache und Tradition verleugnet. Wohl muß ich als Landesfürst in der Landessprache meines Amtes walten, dessen ungeachtet habe ich es nicht unterlassen, unsere heilige Sprache zu pflegen.'Ihr sehet ja, 22'brr -man 'v-2. daß ich jetzt, ohne Dolmetsch, mit euch unsere Sprachepnipn jipba rede." Und als der Patriarch Jakob sich entschHß, dem Wunsche Josefs geinäß, Kanaan zu verlassen und. nach Egypten mit der ganzen Familie anszuwandern, da sandte er vor allem den spackeren Jehuda voraus, zu Josef, damit, er. ihm lehoros lefonow eine Stätte anweise, nivbti rph ib jpW?, die der Pflege der hebräischen Sprache mw Tradition gewidmet sei, auweise, nnun ruui opüV,. damit pns derselben Männer. hervö,rgehen sollen, die, selbst im fremde» Lande, diese Kenntnisse wie in der Heimat vorbereilen könnten. Ebenso hatte Möses in feiiien letzten Reden Israel zngernfen: Ilschernarbem Meassissem. Beherziget wohl diese Lehren, Vorschriften und Satzungen, sorget stets für die Verbreitung ihrer Kenntnis, selbst wenn ihr mit anderen Völkern in Verbindung treten werdet, hi hi cliochmatchem uwinatchem leene hoamim, denn nur durch diese erhabenen Lehren werdet ihr den Völkern der Erde zu imponieren und deren Achtung abzugewinnen imstande sein, nicht aber, wenn ihr. sie ihnen zu Liebe verleugnen werdet) denn wenn die Völker Kenntnis von der erhabenen Sprache wie von den unvergleichlich schönen. Menschen erfreuenden und Menschen beglückenden Lehren beigöttlichen Thora erlangen werden, werden sie in ihrer Bewunderung nicht umhin können anszurnfen: rak am chöchom. Wahrlich, dieses Volk Israel verdient nicht gekränkt, verfolgt, beleidigt und znrückgesetzt, sondern verehrt, verherrlicht und gewürdigt zu werden." Ja, die Kenntnis der Thora bildet das Lebenselemen; Israels, daher unsere Ahnen Jahrtausende lang, für die Erhaltung dieses kostbaren Schatzes mit ihrem Herzblnte gekämpsr und diejenigen Gegner, die sie von ihrem Glauben abtrünnig machen und zur Verleugnung der Thora zwingen wollten, als ihre gefährlichsten Feinde betrachtet haben. „Einst",, so wird im Talmud (Berach. 61) erzählt,' „hatte die syrische Regierung dem ihr untertänigen Israel das Studium der Thora bei Todesstrafe verboten. Da kam Papns b. Jehuda und fand beit Akiba, wie er, umgeben von einer großen Zuhörermasse. Vorträge Hielt, ohne sich um die Regierung . und deren Verordnungen zu kümmern. Akiba!, fragte jener erstaunt, fürchtest du denn gar nicht diese strenge Regierung? — Höre, Papns, eutgegnete sanft Akika, ich will dir ein Gleichnis, erzählen, das hier am Platze sein mag: Ein Fuchs schlich einst langsamen Ganges am Ufer eines Flusses und bemerkte, wie Ine Fische, zu Massen zusammengedrängt, ängstlich hier- und Dorthin Schutz suchend, schwammen. Da sprach der Fuchs zu ihnen: Warum fliehet ihr denn so angstvoll, und vor wem? Vor den Netzen, fliehen wir, die die Menschen für uns überall ausbreiten. Hört, sprach der Fuchs, wenn ihr nicht abgeneigt seid, will ich eiich einen annehmbaren Antrag stellen. Kommt nämlich zu mir aufs trockene Land heraus und da wollen wir friedlich und srenndliäi nebeneinander wohnen, wie meine Väter friedlich neben eure» Vätern wohnten. Ei. sagten die Fische,- mit Unrecht wirst dIraks das schlaueste der Tiere gepriesen, du bist vielmehr das törichteste derselben. Sieh doch nur an! Hier im Waffen dem Elemente unseres Lebens, haben wir Grund zur Besorgnis, wie erst draußen auf dem trockenen Laude, wo uns die Urbedingung znm Leben fehlt. Dieselbe Bewandtnis, sagte R. Akiba, hat es auch mit uns. Siehe, jetzt, wo wir in dem Hegen und Pflege» unserer heiligen Thora begriffen sind, von der es heißt: „denn sie ist dein Leben und die Verlängerung deiner Tage",'sind wir Gefahren ausgesetzt, wie wäre unser Leben erst bedroht, wenn wir aus ihr hinausgingen und sie gänzlich vernachlässigen würden?" Un üb der modernen Zeit, da es keiner Regierung der Welt in den Sinn kommt, den Inden das Stndinm der Thora zu verbieten, gibt es Bekenner des Judentums. die den Mm haben zu behaupten, daß das Erlernen der Thora im Urtexte znm „Abfall" Veranlassung gebe, Inden, die mit Geringschätzung von der „toten" Sprache n. s. w. sprechen, ohne zu bedenken, daß selbst hervorragende vorurteilsfreie christliche Gelehrte nicht umhin konnten, ihrer Bewunderung der hebräischen Sprache wie' überhaupt desganzen jüdischen Schrifttums Ausdruck zu verleihen. Ich will hier blos nur einige diesbezügliche. Aeußernngen christlicher Gelehrter erwähnen : So z. B. verherrlicht Reuchlin die hebr. Sprache indem er schreibt: „Die Sprache der'Hebräer ist einfach, unverdorben, heilig, kurz und fest, in welcher Gott mit den Menschen.

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