Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-12-22 · Heft 49 (22.12.1911) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 49 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063621--07628-3074729
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

, Nr. 49 Die Wahrheit Telte 11. mber Verwendung derselben zu gebend Sie'tat dies mit einem solchen Feuer uiib einer solchen ,Innigkeit, daß die Herren ihr staunend zuhörten und ihre Berwuuderung über das Sinnige - der jüdischen Gebräuche nicht ^zurückhielten. Sofie erzählte von den Heldentaten der Makkabäer uud dem damit verbundenen Thanukawnnder, von der Heiligkeit des Sabbats und dem wehmütigen Abschiede, der von diesem hohen Tage genommen wird, von der Bedeutung der Gebetriemeü und des Gebetinantels. Die Herren bekannten freimütig, daß sie bisher von Vorurteilen gegen das Judentum und dessen Gebräuche befangen gewesen waren, die sinnige Auslegung aber, die ihre liebenswürdige Wirtin an jedes dieser Gebete knüpfte, habe sie eines besseren belehrt und sie werden nicht nur ganz andere Ansichten darüber haben, sondern auch bestrebt sein, diese bei ihren .Standes- und Glaubensgenossen, welche von einem gleichen Vorurteile besangen sind, zu verbreiten. Während dieses Gesprächs hatte David schmollend und grollend abseits gestanden und nahm sich vor, nach Entfernung der Gäste seiner Frau für diesen ihm gespielten bösen Streich einen fürchterlichen Auftritt,zu machen. Das, was er nie vorher getan, das sollte heute Abend geschehen — seine Frau an ihre Armut und ihre in seinen Augen niedere Abstammung erinnern und sie in die ihr gebührenden Schranken zurückversetzen. Während. Sofie mit einer rührenden Innigkeit den aufhorchenden Herren von Waldau auf deren Befragen immer mehr von unserer Religion und deren Geboten erzählte, war in dem Herzen des sich versöhnt glaubenden Berger glühender Rachedurst entstanden. Er stand noch immer an das Fenster gelehnt da und drückte seine vor innerer Erregung glühende Stirn an die kalten Glasscheiben desselben. Draußen raste ein Sturm, der mit Macht au den Läden rüttelte. Aber David tat dieses Unwetter so wohl, das so harmonisch mit dem Sturm, der in seinem Innern tobte, klang. O, wenn er sie nur auch so tief verletzen könnte, wenn er sie auch so schwer treffen könnte, so tötlich, wie sie ihn beleidigt hatte, so wie ihn niederschmetterte, daß sie nie und nimmer wagen konnte, den Blick frei zu erheben! Halt er hatte es! Ein Gedanke war es, der jetzt von seiner ganzen Seele Besitz, ergriffen, der ihn erfaßte, milder ganzen Kraft einer furchtbaren Leidenschaft. Wie er sie haßte, diese Sirene, welche soeben.mir ihren süßen Reden die beiden Kavaliere so betörte, wie sie auch ihn einst betört hatte. Wer. hätte ahnen, sollen, daß dieses Weib mit ihren demulsvollen Gebärden fähig sei, es auf eine raffinierte Weise zu vergelten, wenn der Mann dem Zuge der Zeit folgend, auch einmal ans seinem Willen bestand. Raffiniert wie dein Vergehen soll auch meine Rache sein, du Verführerin mit deinen Beilchenaugen. Du sollst gedemütigt zu meinen Füßen liegen und ich stoße dich hinweg ohne Erbarmen, so wie du heute erbarmungslos gegen unich gehandelt — ich' nehme die Taufe an, dir znm Trotz und dir zur Qual. Das ist das Furchtbarste, das ich dir zufügen kann. Dieser düstere Gedankeugaug, der in seinen Folgen so verhängnisvoll zu werden drohte, wurde,von Softe unterchrocheu. Sie trat 51t ihm hin. ihm einen in Seidenpapier gepackten großen Karton reichend und sagte: „Du zürnst mir vielleicht, David, weil du glaubst, von mir vergessen zu sein, weil ich das für dich bestimmte Geschenk noch nicht überreicht habe, da die Menorah und die Bszymimbüchse ja für das Haus und nicht eigens für dich bestimmt sind, nimm daher dieses Geschenk von mir an. das ich eigens für dich anfertigen ließ, damit es dein Zimmer verschöne." Unwillig zuckte David bei dieser Berührung zusammen. Dann wandte er sich und sagte mit beißendem.Spotte: „Ich bin nicht begierig, dein Geschenk anzusehen." Was wird dies Paket wohl enthalten? Etwa eine neue Mesusah? „Wie du raten kannst lieber Mann! Eine Mesusah wohl nicht,.aber etwas ähnliches; etwas Heiliges, an das man sich ebenfalls mit dankerfülltem Herzen erinnern soll .und auf dessen -Hochachtung ebenfalls ein langes glückliches Verweilen auf dem /Erdboden verheißen wurde; etwas woran man denken soll früh. wenn man sich vom- Lager erhebt und abends wenn man zur Ruhe geht, wenn man zu Hanse verweilt, oder sein Haus verläßt und wovon man seinen Kindern erzählen soll." Fast mechanisch löste David das Geschenk aus seiner Papierumhülluug und siehe: die wohlgelungeneu Oelgemälde seiner. Eltern lagen da vor ihm. so zum Sprechen ähnlich, als ständen die in Gott ruhenden Teuren vor ihm. Der alte Vater mit den Silberlockeu, die unter dem kleinen Sammetkäppchen hervorguollen und diese klugen ehrlichen Augen l Wie schien ihm dieses würdige Greisenantlitz znzurusen: „Lebe wie ich gelebt, als guter Jude, als frommer Familienvater — dann stirbst du ruhig mit gutem Gewissen umgeben von deiner Familie und ein andächtiger Kadisch wird deinem Andenken geweiht." Und seine blinde Mutter mit der veralteten Haube aus ihrem Haupte, welche ihr ergrauendes Haar keusch verdeckte. Die Wimpern lagen wie schützend über den erloschenen Augensternen. Ein mildes Lächeln umspielte ihre Züge, als hätte sie gewrtßt, daß der Anblick ihres Bildes der treuen ehemaligen Pflegerin den Galten und dem geliebten Enkel den Vater, sich aber den Kadisch am Iahrzeitstage erhalten soll. „Woher hast du diese Bilder, Sofie? Meines Wissens ließen sich meine Eltern niemals malen?" „Aber doch photographieren. Ich habe diese alten Photographien nach Prag gesendet und danach Oelgemälde ansertigen lassen, um dir zum Chanukahseste eine Freude zu machen. Mir ahnte nicht, daß es dir so gleichgiltig sein werde." „Nein, du gutes Weib, du hast mir damit eine unendliche Freude bereitet, tausend Dank für deine Liebe." Wie weggeweht waren alle düsteren Gedanken, die noch vor wenigen Augenblicken seinen Kopf durchfuhren. Der Anblick des Bildes seiner Eltern hatte sie alle verscheucht. Er trat zu seinen Gästen, so als wäre nichts vorgefallen und als hätte er. sich vorhin nicht geschämt, sie auch uur anznblicken. „Meine Frau," sagte er, gleichsam entschuldigend, „hat euch den Weihnachtsabend ans etwas sonderbare, unerwartete Weise gestaltet. Cs wird euch dies nicht wundern, wenn ich euch zeige, wessen Schülerin sie ist und in wessen Geiste sie unfern Haushalt leitet. Nach diesen Worten wies er den Herren die Bilder, indem er mit Stolz beifügte: Meine Eltern. Als die Herren von Waldau das mit einer Kappe bedeckte Haupt des alten Löwy' gesehen, soivie das mit einer Haube bedeckte von seiner Frau, begriffen sie alles und priesen die liebenswürdige Hausfrau, welche den Traditionen der Familie treu geblieben und sich nicht durch Hinüberschielen nach den Gebräuchen und Sitten einer anderen Glaubensgenossenschafl lächerlich gemacht hatte. Auf deren Antrag wurde der Weihnachtsbamn in die Stube gebracht, woselbst man den Dienstboten bescherte und unter dessen Zweigen wurden die reichlichen Gaben für diese, wozu die Herren von Waldau auch ihr Scherflein beitrugen, aufgestellt. Dann vereinte ' ein sorgfältig zubereitetes Nachtmahl die Familie Löwy mit ihren Gästen, welche sich die delikaten Schwarzfische und sonstigen jüdischen Nationalgerichte wohl schmecken ließen und auch dem koscheren Wein, den der Hausherr selber voni Keller brachte, wacker zusprachen. So har ein Biederweib durch Klugheit und Sanftmut den Frieden eines. Hauses gerettet und selbes dem Judentum treu uud rein erhalten. Austritte ans dem Jndentnm. Mandl Paul, Hörer der Wr. Universität, geb. 26. Februar 1892 in Wien, TOI. Alserstrage 41. 23 0Hit er Ignatz, geb. 27. Februar 1885 in Wien, HI. Hauptstr. 32. S p i tz.e r Emma, Privat, geb. 4. Februar 1885 in Graz, I. Stadiong. 5. H 0 f f m ä n n Hans, Student, geb. 7. Juli 1896 in Purkersdors, Wien, I. Bauernmarkt 9. Jo kl Marianne, Studentin, geb. 10. Februar 1885 in Kremsier, Wie», XVIII. Hofstallstraße 13. Naschitz Armin, Prokurist, geb. 1. Mai 1380 in Pecs, Wien, H. Patzratgasse 6. Oehler Gustav Friedrich, Privat-Beamter. geb. 31.Juli 1878 in Wien, H. Schüttelstraße 77a. B vi e Siegfried, Artist, geb, 12. Jänner 1881 in Wien, H. Sterneckpl. 20

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.