Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-12-15 · Heft 48 (15.12.1911) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 48 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063620--07614-3074714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 begann, sich nach Ersatz, das heißt Gesellschaft umgesehen, und er ließ sich gern von seinen Gutsnachbarn zu ihnen einladen. Es waren dies zwei ältliche, alleiulebende Junggesellen, in deren gastfreiem Hause er gerne die Abende verbrachte, und oft spät nachts nachhause kam. Sofien war dies nicht lieb. Abgesehen davon, daß sie die Abende einsam zubringen mußte, nachdem die Kinder rechtzeitig zu Bette gebracht werden mußten, hatte sie gegen diesen Verkehr noch andere Bedenken. Sie fürchtete in erster Reihe, daß die von ihr mühsam aufrecht erhaltene Religiosität ihres Gatten durch den Verkehr mit Nichtjuden leiden, ja gänzlich.über den Haufen geworfen werden könne. Namentlich schien es hier in diesem Falle unerläßlich zu sein, daß sich David des Genusses verbotener Speisen enthalten könne, dann befürchtete sie anch, daß er im Hanse der Gutsherren dem Kartenspiele huldigte. Nicht als ob sie gefürchtet hätte, daß David im Kartenspiele größere Summen verlieren könnte, nein das war es nicht. Der Charakter der Herren von Waldau stand über jeden diesbezüglichen Verdacht erhaben da; aber sie kränkte sich sehr darüber, daß dies im Trauerjahre nach dem Tode einer solch zärtlichen, edlen Mutter geschehen könne. Indessen hatte ihre gewohnte Nachgiebigkeit es ihr verwehrt, sich so energisch zu zeigen, als es notwendig gewesen wäre, und dann hätte sie auch dem lebenslustigen Manne im Trauerjahre keinen Ersatz für das ihm entzogene Vergnügen bieten können und so konnte sie nichts anderes tun, als schweigen. So war der Herbst mit seinen trüben Tagen und langen Abenden vergangen, und es war Winter geworden, ein früher, harter Winter. Das Chanukafest war in diesem Jahre mit den christlichen Weihnachten zusammeugefallen. So streng religiös Frau Berger anch dachte und lebte, so ließ es sich der Dienstboten wegen doch nicht umgehen, dem Weihnachtsfeste einige Aufmerksamkeit zu schenken. Da mußte für diese die landesüblichen Speisen und Leckerbissen vorbereitet werden, und jedes von ihnen erhielt ein mehr oder minder kostbares Weihnachtsgeschenk. In der Pächtersfamilie aber wurde das Chanukafest immer nach althergebrachter Weise gefeiert. Der Hausherr zündete die Lämpchen an der ererbten wie Gold glänzenden Menorah an, indem er in singendem Tone die vorgeschriebenen Segenssprüche vortrug, und dann begann er das Moaus Zur zu singen, in -das die Hausfrau mit ihrer wundervollen Altstimme einfiel. Und auch die beiden Knaben zündeten ihre Wachskerzchen an, lind jubelten über deren hellen Schein. So wurde es im Bergerschen Haus gehalten bis auf hieses Jahr. Eben war Sofie mit den Vorbereitungen dazu beschäftigt, als David ins Zimmer trat und sie freundlichst begrüßte. Dann begann er ihr anseinanderznsetzen, wie notwendig es für sie wäre, auch einmal Fremde ins Haus zu laden. Besonders sei es für ihn eine Art Ehreupsticht, die Gastfreundschaft, die er bei den Herrn von Waldau so oft genossen, auch einmal auf eine feine Art zu erwidern. Dazu sei der morgige Weihnachtsabend die passendste Veranlassung. Die beiden Herren hatten sich zu ihm bitter beklagt, daß sie den Weihnachtsabend immer so einsam verbringen müssen, da sie außer seiner Gesellschaft keinen anderen Verkehr gepstegt hatten, und da habe er nicht anders tun können, als sie für diesen Abend in sein Haus zu laden. „Du hast doch nichts dagegen, mein Kind?" so schloß er seine lange Unterredung. Traurig antwortete Sofie: „Deine Frage an mich kommt etwas spät. Nachdem du eigenmächtig gehandelt hast, frägst du erst an, ob es mir recht ist. Jetzt muß ich doch deine Einladung gelten lassen, ich mag wollen oder nicht. Aber aufrichtig gesagt, liell ist es mir für diesen Abend eigentlich nicht. Wäre es zu einer anderen Zeit, so würde ich mich durch den Besuch solch feiner Herren sehr geehrt und erfreut fühlen; ich würde alles aufbieteu, um ihnen Gastfreundschaft, in vollstem Maße zu beweisen, au nichts sollte gespart werden. Aber das schöne Chanukafest lasse ich mir und den Kindern nicht gerne durch die Anwesenheit Andersgläubiger stören; mir wäre selbst der Anblick der leuchtenden Menorah Nr. 48. vergällt, wenn ich fürchten müßte, daß vielleicht ein höhnischer' Blick darauf fiele." Wo denkst du hin, Sofie? Eine Menorah! Das wär^ zum Totlachen, solchen Kavalieren eine Menorah zu zeigen. Ein Weihnachtsbaum muß es sein, ein richtiger Christbaum, wie er an diesem Abende in jedem intelligenten Hause. prangt. Und morgen früh wird er hier sein. Dafür habe ich schon gesorgt.. Sofie war erbleicht. „Um Gott David, du wirst mir dies ja nicht tun. Das wäre eine Schmach für mich, ohne Gleichen. Schon der Kinder wegen darf dies nicht geschehen." „Gerade der Kinder wegen. Sie sollen nicht in den alt-- hergebrachten Vorurteilen verkümmern wie du und deinesgleichen. Aber fürchte dich nicht Sofie, du wirst garnichts damit: zu tun haben; die Frau des Försters, bei dem ich den Baum bestellt habe, war so liebenswürdig, den Aufputz derselben gleichzeitig mit dem für ihre Kinder bestimmten zu besorgen. Du siehst, ich denke an alles." „Ja, du denkst an alles," sagte Sofie mit einem tiefen Seufzer. ■ „nur an die Tradition deines Hauses hast du vergesfen, an die Verletzung meiner innersten Gefühle hast du nicht gedacht." „Sei'kein Närrchen, Kind, und füge dich dem Herkommen. Wir Landwirte leben mit und von der Bevölkerung des Landes, und dürfen unsnicht so eigensinnig ihren Gebräuchen midersetzen. Noch eines Sofie! Die Försterin wird wohl den mit: Kerzen nnd allerlei wertlosen Firlefanz verputzten Weihnachtsbanm herübersenden, aber die wertvollen Geschenke müssen wir' selber zufügen. Ich bin eben im Begriffe in die Stadt zu fahren. Was soll ich dazu mitbringen?" „Allenfalls etwas für deine Gäste. Für die Hausleute bin. ich mit Geschenken versehen." Zögernd bemerkte Berger: „Verstehe mich recht, Sofie,, es ist nur der Gäste wegen, es würde nicht hübsch äusfallen, wenn du das nicht beachtetest; hast du auch etwas für mich vorbereitet, nur eine Kleinigkeit? Um die vollen Lippen Sofiens zuckte ein fast unmerkliches Lächeln. „Unbesorgt David, .auch du erhältst ein wertvolles Geschenk, es ist schon vprbereitet." „Das ist sehr lieb von dir Kind, aber bitte, was soll ich dir bescheren? Sprich deinen Wunsch aus, er soll freudig erfühlt werden." „Bemühe dich nicht, mein Lieber, auch für mich findet: sich etwas unter dem Weihnachtsbaum, etwas, was ich schon, lange ersehnte, und ich tue dir den Gefallen, es den Gästen gegenüber als eine Aufmerksamkeit deinerseits für mich zu bezeichnen. Bist du nun zufrieden, David?" „O, vollkommen! Du bist ein prächtiges Weibchen, Sofie *' ich wußte es ja, daß du zu klug bist, um lange bei deinem. Widerstande zu verharren." Mit einem herzlichen Kusse verabschiedete sich Berger von seiner Frau. War ihm doch eine Bergeslast vom Herzen ge-- fallen. Er hatte ernsten Widerstand von seiner Frau gefürchtet, dem er aber mit aller Strenge zu begegnen sich vorgenommein Nun war alles glatt abgelaufen. Zwar verhehlte es sich David nicht, daß er seine fromme Frau in ihrem tiefsten Innern verletzt zurückließ, aber er hoffte, daß sie sich darein ergeben werde. Es ist doch recht bequem, eine Frau zu besitzen, deren Armut sie zum immerwährenden Nachgeben und sich den Wünschen des Mannes fügen, veranlaßt. Ich muß es gelegentlich meinen Freunden, den Herren von Waldau anempfehlen, welche sich: in Punkto Wahl der Lebensgefährtin so wählerisch und unentschlossen zeigen. (Schluß folgt.) Aviso. Zuschriften an den- „Oesterr.-nngar. Kantorenverein" sind zu richten an den Vizepräsidenten Oberkantor I. B a u e r,. Wien, II., Novaragaffe 27. Die Wahrheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.