Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 47 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Wahrheit. .Seite 9t Nr. 47. Km Schlemihl. . Hunioristlsche Erzählung von Babette Fried, Prag. . (Schluß.) \ : Kaum war der Alte fortgegangen, als ein Mann in die -Synagoge trat, angetan in einen langen Winterrock, um den Hals einen dicken Wollshawl geschlungen^ Als er sich etwas Amgeblickt und mit den Augen vergebens den Schamis gesucht hatte, wendete er sich an den in stiller Ehrfurcht dastehenden Knaben: „Wo ist der Tat^, Salmele?". „Er ist schachten gegangen." „Jetzt, nachmittag noch? das ist ärgerlich; so ein Schlemihl wie du,'kann mit den Lichtern was anstellen." Der Angekommene war der wohlbestallte Chasen der Killeh, der am bevorstehenden Versöhnnngstage nicht mehr und nichts weniger zu tun hatte, als Kol nidre und Mnssas vorzubeten, resp. zu singen, zu leienen, und wenn der alte Rabbiner schon zu abgespannt oder wie. gewöhnlich heiser war, auch das Reilagebet zu verrichten und dann zuletzt noch kräftig ins Ichofar zu stoßen, um der andächtigen, seit mehr als 24 Stunden fastenden Schar den Schluß des heiligen Tages zu verkünden. In Anbetracht dieser vielfältigen Pflichten hielt er es für angezeigt, den Schauplatz seines Wirkens einer eingehenden Musterung zu unterziehen. Namentlich mußte er nachschanen, <ob die Kerzen am Schnlchan auch richtig angesteckt sind, nicht zu ferne von ihm, damit er abends gut zum davinen sieht, auch wenn seine Augen von Tränen umflort wären, aber auch nicht .zu nahe, damit ihm nicht zu warm wird; denn wenn ihm unter dem über den Kopf hinavgezogenen Talis die Schweißtropfen auf der Stirne perlten, so würden die Lästerzungen behaupten, das Anfzählen seiner Sünden in der Widn habe ihm diese erpreßt. Behaupteten sie doch, daß er bei dem Verse: „Die Sünden, die wir begangen haben durch Essen und Trinken" besonders stark auf die Brnst klopfte, sowie mancher Balbos bet dem Satze, der von Zins und Wucher handelt. Und es war gut, -daß der Chasen gekommen war. Der Schlemihl, der Salmele, hatte die Lichter sehr schlecht angesteckt. Die Kerzen waren viel zu dick für die Leuchter, die dort aufgestellt waren. Da tat es not, dieselben unten etwas abzuschnitzeln. Mit seinem Taschenmesser durfte er diese Operation nicht vornehmen, er hätte es trefe gemacht, und womit hätte er sich dann den Rettig geschält und geschnitten, den er abends zu seinem Bier znaß — der reinigte die Stimme, bildete er sich ein. mehr noch als das rohe Ei, das er täglich auf den nüchternen Magen schlürfte. Sein Messer ließ er daher ruhig in der Tasche und wendete sich an Salmele mit der Frage, ob er von keinem Messer wisse, womit er die Kerzen znstutzen könnte. Es war keines, vorhanden, oder vielmehr hatte es der Vater bei sich vergessen. Doch das fürchtete sich Salmele dem Vorgesetzten zu sagen. .Und als solchen betrachtete er den Chasen. Denn in der jüdischen Rangliste wird bei den Gemeindeangestellten die Rangsordnung eingehalten, ivelche in der Abbreviatur „Rechasch" ansgedrückc ist. das ist Rebbe, Chasen und Schamis; sein Vater, der Schamis, stand auf der untersten Sprosse dieser Stufenleiter und er selbst als -wohlbestallter Schnlktopfer käme erst dann zu stehen, wenn 'Rechasch mit einem doppelten „Schie" geschrieben wäre. Da dies aber nicht der Fall ist, so mußte klein Salmele ganz in Rang und Würde seines Vaters aufgehen. Umso größer sein Respekt vor dem wirklich Vorgesetzten. Der arme Knabe kämpfte einen harten.Kampf- Ja, er wußte von' einem anderen Messer, aber die Tränen traten ihm in die Augen, wenn er daran dachte, sich, wenn? auch'nur kurze .Zeit, davon zu trennen. Endlich blieb der Respekt, den' er vor dem Chasen haben zu müssen glaubte, Sieger. Zögernd zog er -aus seiner Hosentasche ein Messerchen heraus, wie es auf Jahrmärkten und Messen für drei Kreuzer feilgeboten wird. „Hier äst meine Kndla," sprach er mit einem tiefen Seufzer. Diese Kndla war-natürlich sein Ein und Alles. Er hatte iie. einmal von einem Schnorrer dafür bekommen, daß er ihn ins Haus des Gemeindealmoseniers geleitet hatte, aber es hatte ihn dann viele Bitten, ja Tränen gekostet, vom dem Vater die -Erlaubnis, sie bei, tragen'zn dürfen M Älangen. Papa Schamis hatte gefürchtet, Salmele könnte bei seiner bekannten Ungeschicklichkeit sich oder anderen Schaden mit dieser Mordwaffe zufügen. O, unnötige Sorgfalt des allzu, zärtlichen Vaters. Mit der Schneide dieses Mordwerkzeuges hätte er keine Fliege beschädigen können. Und doch fühlte sich Salmele so glücklich im Besitze dieses so lange Zeit vergeblich ersehnten Instrumentes, daß-er es wie ein Kleinod hütete und die Wonne des Sabbates nur halb empfand, weil er bei Eintritt desselben mit den Werktagskleidern auch seinen Schatz abzuliefern genötigt war. Was hätte er in den vielen müßigen Stunden angefangen, während er die Ziege seines Vaters weidete, wenn er nicht mit dem Messer gespielt hätte! Jetzt gab er diesen Schatz freiwillig hin, bloß aus Subordination, um dem Vorgesetzten gefällig zu sein! Der Letztere hatte, während er einige Triller vor sich hinsummte, die Kerzen mit Hilfe von Salmeles Kndla hergerichtet und angesteckt. „So jetzt halten sie fest und werden mir nicht vorschwiudeln," sagte er selbstzufrieden; dann versuchte er noch einige helle Töne, um seine Stimme und die Akustik des Hauses zu prüfen, steckte in Gedanken die Kndla in seine Rocktasche und ging seiner Wege. Salmele war ganz starr und sprachlos vor Schreck geblieben. Als er sich endlich zu dem oerzweiflnngsvollen Rufe: „Reb Awrow, meine Kndla!" aufraffte, war dieser schon verschwunden. Es war Abend geworden. Kol nidre. In der hellerlenchteten Synagoge stand dicht gedrängt, Kopf an Kopf, die Schar der frommen Beter, angetan - in weißen Sterbegewändern, den Talis über den Kopf gezogen und lauschte andächtig den Tönen des Kol nidre, welche Reb Awrom mit glockenreiner Stimme erschallen ließ. Erst weich und schmelzend, die Herzen der Zuhörer mit Macht ergreifend und fesselnd erscholl dieser herrliche Gesang, dann immer stärker werdend, immer stärker, bis er wie die Posaune des Weltgerichtes erschallte lind sie zur Rene nnd Buße gemahnte. Und auch die späteren Gesänge und Gebete, die Reb Awrom sang und rezitierte, zeugten von seinem Kunstverständnis ' sowohl als seinem Verständnis für die heilige Sprache, in der er diese Worte vortrng, zeugten auch von der Ergriffenheit, die ihn selber beherrschte. Lauge noch, bevor es an das Sündenbekenntnis kam, standen dem Vorbeter die Schweißtropfen auf der Stirne. Die : Anzahl der Kerzenflammen, welche heute in dem verhältnismäßig i kleinen Raume erstrahlte, der tief über den Kopf gezogene Welltalis nnd die AnstrenLnug des Gesanges erpreßten sie ihm. Da auf einmal schlich sich unbemerkt von der über die : Machsorim gebengten Beterschar ein kleiner Junge zum Schnlchan; hin und znpste den Vorbeter an dem Kittel, indem er ihm zu- - flüsterte: „Reb Awromleben, meine Kndla!" Es war das Salmele, welcher es nicht über sich bringen konnte, sein Eigentum in fremden Händen zurückzulassen und jetzt, wo niemand auf ihn blickte, den geeigneten Moment zur : Entgegennahme desselben wähnte. Reb Awrom hörte ihn nicht. Das Zupfen wiederholte sich, stärker werdend, bis es. ans Zerren grenzte, die Bitteil um die Kndla wurden immer ängstlicher, immer lauter. Der Chasen befand sich wie auf der Folter. Er durfte sich während des Gebetes nicht nmwenden, um. den kecken Störer mit einem seiner berühmten strafenden Blicke ' zu vertreiben. Auch hätte es nichts genützt. Der große Talis hinderte ihn ja am Seitwärtsseheu; den Störer loszuwerden, ' schrie er ihm das eben zu singende „Snlachti" mit einer so ' wütenden Stimme zu, welche keine Spur voll dem Schmelze : der Betonung hatte, wie sonst das göttliche Wort der Vergebung verkündet wurde. . Aufmerksam gemacht durch diesen markerschütternden Schrei blickte alles auf, und der hinzugesprungeneFeiwel Schamis nahm : seinen Sprößling beim Kragen nnd schleppte ihn zur Tür hinaus. Erleichtert atmete der hartbedrängte Vorbeter auf unfr sang sein Snlachti im gewohnten Tonfalle weiter. Aber mit der andächtigen Stimmung im Bethalls war es für diesen Kol nidre-Abend vorbei, man lachte, kicherte — undbetete nicht. Und das hat mit feiner Kndla der kleine Schlemihl getan.