Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 44 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 44. Die Wahrheit. Seite 9. Zur Nachahmung empfahlen! ,Jm allgemeinen winkt den Kantoren der kleineren Provinz- Gemeinden und der meisten Wiener Bethansvereine keine fröhliche Lnknnft, und mit banger Sorge muß die Mehrzahl dieser Funktionäre, die schon während ihrer Aktivität einen harten .Kampf um ihre Existenz führen, dem Augenblicke entgegensehen, da ihre Kräfte verbraucht und sie nicht mehr fähig sind, den Anforderungen des Dienstes zu genügen. Von Pension oder -Ruhegehalt ist zumeist keine Rede und der bedauernswerte Kantor oder Chasan wird einfach weggefchickc und der liebe Herrgott soll für sein weiteres Fortkommen sorgen. Um so größere Anerkennung verdient die rücksichtsvolle Fürsorge, die der Bethansverein „Adass Jisroel“ (Schiffi'chnl), trotzdem er nicht über reiche Mittel verfügt, seinem nach langjähriger Wirksamkeit ruhebedürftigen Oberkantor zuteil werden läßt. Der Vorstand des genannten Vereines hat nämlich an Oberkantor Wittmaun -folgendes Schreiben gerichtet: Herrn Ezechiel Wittmann . v 0 Wien. Mit ansrichtigem Bedauern hat der Vorstand Ihre Mitteilung zur Kenntnis genommen, daß Sie Ihren Gesundheitszustand nicht genug fest fühlen, um weiterhin Ihren Obliegenheiten Nachkommen zu können. Indem er Ihnen nun seinen Dank und seine Anerkennung ansspricht, muß er zu seinem Leidwesen Ihrem Wunsche. Sie ans Ihrer Stelle anstreten zu lassen, entsprechen. Sobald der zu bestellende Nachfolger sein Amt angetreten haben wird, werden Sie Ihres Dienstes enthoben werden. Von da ab hat Ihnen der Vorstand in Berück- -sichtigung Ihrer langjährigen Dienste und aller anderen Umstände einen Ruhegehalt von 2400 Kronen jährlich, in monatlichen, an der Kassa des Vereines zahlbaren Raten bestimmt. Möge es dem Allmächtigen gefallen. Sie zu stärken und Z\i kräftigen, daß Sie in Freude und Heiterkeit recht lange die Ruhe und Muße genießen. Wien, 6. November 1911. Der Vorstand. Kundmachung. Anmeldnilgen zur Aufnahmsprüfung in die „Kautoren-Bild u u g s a n si a l t des österr.-uugar. Kauroreu-Bereines sind au den Vizepräsidenten des' Vereines, Oberkantor I. Bauer, U. Novaragaffe 27. z» richten. Anfnahmsbedingungen: Vollendetes 18. Lebensjahr, bildungsfähige Mäilnerstimine, Nachweis der nötigen Kenittnisie im Hebräischen und der allgemeinen Bildung, soweit dieselbe durch Absolvierung einer unteren Mittelschule oder einer Bürgerschule erreicht wird. Der Bildungsnachweis. insofern er nicht durch das Zeugnis einer öffentlichen Lehranstalt erwiesen wird, kann durch eine Prüfung bei der Aufnahme in die Kantorenschule oder im Laufe des Studienganges erbracht werden. Dauer des Studienganges in der Kantorenschule: zwei Jahre, ll. Jahr Vorbildung, 1 Jahr Ausbildung. Bei genügenden Vorkenntniffen kann auch die Anfnahme in den Ansbildungsknrs. erfolgen. Schulgeld: Bei Absolvierung beider Jahrgänge 300 L jährlich, für den Ausbildnugskurs allein 400 K. Das Schulgeld ist vierteljährig im -Vorhinein zu entrichten. Eiaschreibegebühr 6 EL. Besonders talentierte oder gänzlich mittellose Anfuahmswerber können wom,Schulgelde zum Teile oder gänzlich befreit werden. Wien, im November.1911. Der Vorstand des österr.-nngar. Kantoren-Bereines: Der Kosjude. Humoristische Erzählung von Babette Fried. (Fortsetzung.) In der von Langeweile geplagten jungen Frau erwachte 4er Kobold, der sie von jeher war, und den sie in ihrer Würde als gnädige Frau nur mühsam znrückznhalten vermochte. Ohne sich lange zu besinnen, ergriff sie eine scharfe Scheere und schnitt dem Schläfer die eine Hälfte seines Schnurrbartes bis an. die Oberlippe ab. Dann entfernte sie sich so unbemerkt, wie ffie eingetreten war. Die unbequeme Lage, in welcher der Ungar seine Siesta Hielt, ließ ihn bald aufwachen. Noch mit dem Schlafe und Katzenjammer kämpfend, nahm er Hut und Stock, um sich durch einen Gang ins Freie zu erfrischen, und neue Kräfte zu der finden Abend geplanten Attacke auf die Börse des Hausherrn und seiner Gäste zu sammeln. Aber eigentümlich! Wen er antraf, der blickte ihn erst verwundert an, dann lachte er ihm ins Gesicht; wen er ansprach, konnte ihm vor Lachen gar nicht antworten. „Teufel!" murmelte der wackere Ungar; „muß wohl an mir noch zu merken sein, daß ich von dem verfl. Gepantsch. was man hier zu Land für Wein ansgibt, zu viel getrunken habe. Künftig trink nur echten Ungarwein. den kenn ich, und der kennt mich, mit dem komm' ich gut aus, sind halt Landslent! Das verd. Tschechenvolk! Gleich sehen sie 's einem an der Nase an, wenn man einen Spitz hat!" Da begegnete er auch dem Hausherrn. „Freund!" ries ihm dieser zu. „sind Sie toll geworden?" „Was?" stotterte der Ungar. Sich vor Lachen schüttelnd, hielt ihm Cernitzky seinen kleinen Taschenspiegel vor die Angen. O Schreck! Die eine Hälfte des pomadisierten und gewichsten Schnurrbartes war wie gewöhnlich hoch hinaufgedreht, daß die Spitze fast die Schläfen berührte, die andere war mit scharfer Scheere abgeschnitten. Wie der Mann anssah, läßt sich denken. „Baffama teremtete! Das hat der Jndenschlingel getan, der hier hernmschleicht!" Noch selben Tages erhielt der ahnungslose Berl mit dem Spazierstocke des edlen Herrn Katanyi einige hernntergehauen, daß er wochenlang daran denken mußte. - Die zwar leichtsinnige, aber im Grunde seelengute Frau, die eine solche Folge ihres Racheaktes nicht vorausgesehen hatte, suchte wohl dltrch 'mancherlei Geschenke, sowie etwas bares Geld Berl dafür zu entschädigen, daß er im wahren Sinne des Wortes zu ihrem P r ü g e l j n n g e u geworden mar, jedoch zu einer selbständigen Existenz, von der Berl träumte, reichte dies immer nicht aus. Erst-einer späteru, derbern Züchtigung, die er abermals ohne sein Verschulden erhielt, blieb es Vorbehalten, Berls Traum zu verwirklichen. Die eben erzählte Begebenheit mit Herrn Katanyi hatte aber noch ein ernstes Nachspiel. Katanyi verließ, nachdem er noch mit schwerem Herzen und zitternden Händen den restlichen Teil seines über alles geliebten Schnurrbartes geopfert hatte, das ungastliche Cernitzkysche Schloß, wo ihm solche Unbill widerfahren und wo seine Rolle auf solch lächerliche Weise zu Ende gespielt war. und ließ gleich nach seiner Ankunft in Prag seinem früheren Gastfreund durch zwei ehrenwerte Landsleute eigenen Kalibers seine Forderung auf Pistolen znkommen. Cernitzky kam dies Duell sehr ungelegen. Er war ein behäbiger Laudjunker geworden, konnte wohl in seinem Wäldchen einen Hasen nie.derpnffen, hatte auch einmal einen verdächtigen Hund erschossen, aber so Ang' in Aug' mit der totbringenden Waffe in der Hand dem wütenden Abenteurer gegenüberznstehen, das war doch etwas anderes'. In. srüheren Zeiten würde er. .um dem Zweikampfe zu entsprechen, die Satisfaktionsfähigkeit seines Gegners, an der er zu zweifeln Grund zn haben glaubte, etwas näher an den Leib gerückt sein. Aber jetzt, nach seiner Heirat, getraute er sich nicht, durch den Verdacht der Feigheit einen Schatten auf seine. Kavaliersehre zn werfen, um nicht noch tiefer in der Achtung seiner Standesgenossen zn sinken; so nahm er an und das Duell wurde auf die früheste Morgeltstnnde des nächsten Sonntags festgesetzt. — . Trotzdem seine Glieder von den Stockftreichen des edlen Herrn Katanyi wie gebrochen waren, schleppte sich der gewissenhafte Berl dennoch aufs Schloß, um der gnädigen Frau zu Diensten zn.sein, denn „ihr" gehören meine Pflichten, sagte er sich, gleich dem frommen Knecht Fridolin in dem Schillerschen Gedichte. (Fortsetzung folgt.)