Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 43 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 Die Wahrheit. Seite A. Feuilleton. Der Kofjude. Humoristische Stählung von Ballette Fried. Es war kein prunkender Fürstenhof, an welchem Bert, der älteste Sohn des Dorfgehers, oder Hausierers Samson, seine -Tätigkeit entfaltete, und es waren auch keine Juweleueinkänfe oder große Geldgeschäfte, welche er vermittelte. Hofjude wurde er bloß von seinen neidischen Glaubensgenossen genannt, welche es dem ungeschickten Burschen nicht gönnten, daß er in dem Meierhofe, dem Wohnsitze des Baron Cernitzky und seiner Gemahlin, frei ein- und ausging, Botenwege verrichtete und diverse Besorgungen machte, wobei für ihn immer mehr oder weniger etwas abfiel. Dies letztere wurde ihm nicht gegönnt, denn alle wußten, daß es mit seiner kommerziellen Ausbildung und Fähigkeit nicht weit her ist und daß er nur einem glücklichen Zufälle das einträgliche Amt eines Hofinden auf Schloß Schwarzhof verdanke. Berl hatte nach seinem Austritt aus der Schule seinen Vater auf dessen Wanderungen durch die nahegelegenen Dörfer begleitet, ohne jedoch von dessen Geschäftskenntnis etwas zu profitieren, und eine Tracht Prügel von der Hand seines Erzeugers war der Lohn, wenn er eine -Ungeschicklichkeit beging. Die Jugend des armen. Jndenkuabeu war keine glückliche zu neunen. Doch endlich schien auch Berl die Sonne des Glückes aufznleuchten. Er wurde an den Hof gezogen, an ben Meierchof des Baron Cernitzky. . Das kam so. Der Grundherr von Cerna Chata, Baron Cernitzky, lebte -fast das ganze Jahr auf seinem Gute. Nur im Winter, wenn -alle Feldarbeit ruhte, das Getreide ausgedroschen, mitunter wohl verkauft war, verbrachte er einige Wochen in der Landeshauptstadt'oder auf Reisen. ' Eines Tages befand sich das ganze Dorf, mithin auch die daselbst etablierte kleine Jndengemeinde, in freudiger, erwartungsvoller Aufregung. Der gnädige Herr führte seine Gemahlin heim, die er im 'Auslande auf einer seiner Reisen kennen gelernt hatte. , Nicht nur die Honoratioren des Dorfes, als: der Pfarrer, Schullehrer, Ortsvorsteher, Verwalter, Bräuer, Förster, Müller, Schmiedemeister, Gastwirte u. a. m., sondern auch die jüdischen Familienoberhäupter waren in ihrem Festgewande erschienen, um dem gnädigen Herrn und der Price ihre Aufwartung zu machen. Price, das ist die Abkürzung von Prinzessin. So wurde in der vormärzlichen Zeit, wo der Grundherr über Wohl und 'Wehe seiner bäuerlichen und jüdischen Untertanen zu entscheiden hatte, seine jeweilige Gemahlin, selbst eine bürgerliche, genannt. ' ■ .Diese Prinzessin hatte sich der Baron wohl nicht von kEnröpens Thronen geholt,, noch war ihre Wiege in irgend einem Fürstenhause gestanden; dies, hinderte jedoch nicht, daß sie jung, und bildhübsch war und recht freundlich und herablassend. Der ältliche Baron, ein gründlicher Kenner der Frauenwelt, aus deren Mitte er seine Gemahlin erwählt hatte,, war .auf seine junge, schöne Frau höllisch eifersüchtig. '; . Nach kurzer Zeit begann, sich Frau Adele, welche der tschechischen Sprache vollständig unkundig war, in dem böhmischen Neste zu langweilen. Die benachbarten Adels- und Beamtenfamilien hätten jeden Verkehr mit dem Cernitzkyschen Hanse abgebrochen, seit — die Knnstreiterin Herrin desselben geworden. war. Die einheimische Gesellschaft au. den Hof zu .ziehen, hatte auch nichts gefmchtet, denn diese verstand ebensowenig deutsch, als die Baronin tschechisch. Unter diesen Verhältnissen .blieb dem Baron nichts anderes übrig, als von Zeit' .zu Zeit einige des Deutschen kundige Judenmädchen aufs Schloß zM laden/ itm1 der gnädigen Frau Gesellschaft zu leisten, und ihr die Zeit zu vertreiben. Natürlich wurden : nur solche dieser Ehre gewürdigt, welche einige Bildung und bessere Umgangsformen besaßen. Von diesen Mädchen hörte die Baronin öfter in spottender Weise über Berl sprechen; ihr gutes Herz zog sich beim Anhören der Schilderungen krampfhaft zusammen, die diese brünetten Lilien von Saron, wie der Baron sie benannte, über die Armut und Verkommenheit Berts entwarfen. Sie beschloß, für diesen unglücklichen, jungen Mann Vorsehung zu spielen. Erinnerungen an ihre eigene, im Elend verlebte Jugend mochten bei diesem edelmütigen Entschlüsse mitgewirkt haben. Ueberdies brauchte ihr müßiger Geist einen Gegenstand, mit dem sie sich beschäftigen konnte. Frau Adele erbat sich von ihrem Gemahl die Bewilligung, den bald 18jährigen Burschen zu ihren Diensten heranzubilden, eventuell zu ihrem Dolmetsch zu verwenden, da sie sich mit dem Dienstpersonal nicht recht verständigen könne. Da der Baron ans Berl nicht eifersüchtig zu sein brauchte, so stand der Erfüllung ihres Wunsches nichts im Wege. So kam Berl auf den Schwarzhos, wo er bald auch von dem Baron zu diversen Dienstverrichtnngen verwendet wurde. Sein Vater war mit Berls neuem Amte ganz einverstanden, denn mui mußte er sich nicht mehr um Stiefel oder Kleider für den großen Jungen sorgen, da er genug abgelegte Kleider vom gnädigen Herrn Baron bekam, und wenn ihm diese auch viel zu weit waren, so gab er sich der angenehmen Hoffnung hin, daß sein Sohn denn doch einmal hineinwachsen und die Gewandung ausfüllen werde. Bevor jedoch Bert aufs Schloß ging, mußte er in die Hand des Vaters den feierlichen Schwur leisten, daselbst keine verbotenen Speisen zit essen, so verführerisch sie ihm auch in die Nase duften sollten. Berls innigster Wunsch, durch diesen Hofdienst die Mittel zu einem selbständigen Erwerb zu verdienen, harrte noch immer der Erfüllung. Nachdem der Baron allen Verkehr mit den alten Freunden abgebrochen hatte, brachte er sich hie und da, besonders zur Jagdzeit, einige Herren ans Prag heim, mit denen er dann im Schlosse wüste Trinkmib Spielgelage hielt, denen die Baronin, auf Wunsch ihres Herrn und Gebieters, fern blieb. Dieser Wunsch, einer eifersüchtigen Regung und einem Reste von Schamgefühl entstammend, kam der trotz ihrer Abstammung doch anständig denkenden jungen Dame sehr gelegen, so daß sie in diesem Punkte mit ihrem Gatten voll und ganz übereinstimmte. Nach einer solchen, im Schlosse abgehaltenen nächtlichen Orgie trat einmal Frau Adele in eines der Zimmer, um ein dort liegendes Buch zu holen. Auf den mit rotem Plüsche bezogenem Sofa saß einer der Herren, welche sich im Schlosse als Gäste befanden, den Kopf auf die Tischplatte gelegt und schlief. Grade gegen diesen Herrn, einen gebürtigen Ungar, hatte die Baronin eine unüberwindliche Abneigung, da sie ihn verdächtigte. ihren Gemahl zum Hazardspiele zu verleiten, und ihm allabendlich größere Summen im Kartenspiele abznnehmen. Herr Katargi war der glückliche Besitzer eines ungewöhnlich langen schönen Schnurrbarts, der seinen ganzen Stolz bildete, und dem er jede nur immer mögliche Pflege angedeihen ließ. (Fortsetzung folgt.) Austritte uns dem Judentum. Spitz Berthold, Privatbeamte, geb. 15. Juni 1889 in Wien, II. Bereinsgaffe 9. Fried Dr. Jul., Privat, geb. 22. Februar 1888 in Wien, VH. Mariahilferstraße 106. Hoffmann Dr. Moriz, geb. 1. Oktober 1864 in Wien, I. Bauernmarkt 9. Hoffmaun Josefiue, geb. 2. Februar 1872 in Wien. I. Bauernmarkt 9. Kohn Frida, Private, geb. 18. Jäuner 1887 in Wien, IX. Porzellangaffe 22. S a s w i n s k i Anna, Schrift! etzersgattin. geb. 3. Februar 1877 in Kremsier, XVTEL, Dempschergasse 9. Hoffmann Wilma, Sprachlehrerin, geb. 22. März 1887 in Wien, IV., Schleifmühlgasie 2. Hirsch Karl, geb. 28. Dezember 1881 in Wien, HI., Reisnerstraße 61. Berger Richard, Kaufmann, geb. 23. April 1879 in Wien, VI.. Web» - gasse 10. _ Wollner Franz, Ingenieur, geb. 23. Juli 1887 in Wien, VHl., Tulpengasse 5.