Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 42 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Wahrheit. Seite 9. Nr. 42. Synagogengesänge.*) Die im Heft III von Herrn Oberkautor Em. Kirschner -enthaltenen Sabvath- und Festgesänge reihen sich würdig den beiden ersten Heften, Freitag-Abend- und Sabbath-Gesänge, au und bilden einen großen Fortschritt in der Entwickelung des Synagogengesanges. Auch das dritte Hest beginnt mit Ma town. Der musikalische Aufbail dieser Komposition bekllndet den gewandten musikalischen Fachmallu. In den darauffolgenden 3 L’cko •dodi geigt Kirschner in melodischer und harmonischer Beziehung. viel Erfindungsgabe und geläuterten Geschmack. Bei den Worten Uri. uri setzt ein markantes Thema zu einer Fuge ein, die Kirschner kunstgerecht durchführt und wir ihn als Meister in der Beherrschung des kontrapnnktischen Stils kennen lernen. Ueberhanpt ist letztere Fähigkeit bei Kirschner ganz besonders ausgeprägt und der Inhalt seiner Musik bildet scharfsinnige, kühne Modulation, korrekter Orgelsatz, reiche Imitation und charakteristische Fugen, letztere nach Bach und Häudel'schem Vorbild. Der 92. Psalm Toro l’hodos beweist das eben Gesagte der Kirschner'scheu Muse. Diese Piece wie das darauffolgende .Zaddik kattomor mit der obligaten Orgelbegleitung ist durchweg höchst melodisch, lieblich und ansprechend und ruft weihevolle Sabbathstimmuttg hervor. Während wir bis jetzt Kirschner als Meister im Chorsatz und somit in der modernen Komposition -kennen lernten, erscheint er in seinen zwei Adonnoj inoloch als Meister in der Beherrschung des alten synagogalen Stils. Ueber diesen Adonnoj moloch-Stit hat Kirschner int liturgischen .Heft des deutschen Kantoreu-Verbaudes eine lehrreiche, wissenschaftliche Abhandlung veröffentlicht. Was Wunder, wenn Kirschner es verstanden hat, bei diesem Text die alten synagogalen Motive zu verwenden. Er hat denselben eine selbständige Orgelbegleitung unterlegt und vermöge seiner reichen Phantasie die Adonnoj rnoIook-Komposition mit besonderen musikalischest Reizen .ausgestaltet. Nun folgt des Feiertags Bor’chu. Hierbei und bei den folgenden Rezitativen verwendet Kirschner mit vielem Geschick alte traditionelle. Motive, denen wir besonders im Sulzer begegnen. Die beiden folgenden Mi chomocho für Chor und Kantorsolo sind musikalisch hervorragend und klingen graziös. Unerschöpflich istKirschnerin der Vertonung des W’schomni- Gebetes. In seinem ersten Heft hat er diesen Text sechs- und im dritten dreimal musikalisch dargestellt. Jedesmal verstand Kirschner dem biblischen Texte andere musikalische Feinheiten abzuringen. Auch im spezifisch-jüdischen Stil hat der W’sehomru* Text, bei Kirschner eine Bearbeitung erfahren, wo er sich auch als hervorragender Chasen zeigt. Seine Orgelbegleitnng im dritten Wsclioinru ist prächtig, originell und soll den alten M'sokarwsr-Gesang ersetzen. Große Sorgfalt verwendet Kirschner bei der Harmonisierung der traditionellen Melodien im Hoel b’saazumaus, Hallel bei Hau di und Onno für die sämtlichen Festtage und beim Duchnen. Allen diesen Melo- , dien verleiht Kirschner durch eine reiche Harmonie einen ganz besonderen Reiz. Die Begleitung in der Chanukka-Melodie tritt besonders durch Figurationen hervor, welche - an Bachffche Figuren erinnern. Die Gesänge beim Ein- und Ausheben zeichnen -sich durch Frische in der melodischen Erfindung ans. Aus der Fülle echt musikalischer Phantasie und tief-religiöser Empfindtlng sind die drei Adonoj adonoj für den Borbeter und Chor entstanden und bieten dem ersteren reiche stimmliche Entfaltung. Aus dem nun folgenden 16. Psalm „gur Totenfeier" ersieht man, mit welcher Liebe und Hingebung Kirschner für die Synagoge komponiert. Er kleidet hier die Psalmworte in Töne, die eine weihevolle Stimmung auf die in Pietät versammelten .Hörer ausüben. Als genialer Komponist zeigt sich Kirschner in der Bearbeitung des Tal-Gebetes, indem er alte syuagogale Motive mit reicher Harmonie verbindet. Die beiden Mu8saI-H'du8oko8 für Kantor mit Orgelbegleitung, sind sehr melodiös, rufen Feiertagsstimmung hervor *) Synagogengesänge für Kantor und Chor mit Orgelbegleitnng; -komponiert, bearbeitet und herausgegeben von Emanuel Kirschner,. I. Kantor an der Synagoge in München.. Heft HI: Sabbath- und Festgesänge. AnhangJugendgottesdienst. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kaufmann. und bekunden die küttftlerische Individualität Kirschner's. Wie Kirschner sich auch in die Sangesweise eines alten Baal T’filla versenken kann, sehen mir aus seinem "W’seeraw rfonecho assirosenu. Hier spricht zu uns in Tötien ein strettg konservativer Jude tu modernem musikalischen Gewände. Ueberhaupt atmen die Kirschuer'schen Gesänge viel jüdischen Geist, weil sie aus einem warmen streng gläubigen Herzen geflossen sind. Mit drei Purimpiecen für Chor und Orgel Iscii j'hudi, Laj’hudim und Ki mord’chaj, die vermöge ihres hohen musikalischen Wertes als wahre Kabinettstücke in der Synagogengesangsliteratür angesehen werden können, schließt Kirschner das dritte Heft seiner Festgesänge. Nun folgt der Anhang, enthaltend Schabbos-Mincha: Gesänge für den Jngendgottesdienft. Ein zweistimmiges Ma towo für Sopran und Alt leitet denselben wirkungsvoll ein. Die kantoralen Rezitative und die Responsen für die Schüler hat Kirschner im allen traditionelleil Stil mit vielem Geschmack in Musik gesetzt. Das W’sos hattoro singen die Schüler mit der Melodie des Schabbos-Leinens. Der Gedanke Kirschners, die Jugend in den musikalisch-traditionellen Geist eiuzuweihen. ist als glücklich zu bezeichnen. So sind die Gesänge im dritten Heft des hochbegabten, intelligenten Oberkantors der Münchener Gemeinde, Herrn Emannel Kirschner, ganz dazu geeignet, auf die Hebung und Veredelung des Synagogengesanges segensreich eiuznwirken. Königl. Musikdirektor A. Friedmann, Berlin. Die IZrautwatzl. Humoreske von Babette Fried. (Schluß.) „Die Beantwortung dieser Frage schlägt eigentlich nicht in mein Fach,, und bin atlch dazu nicht kompetent. Aber weil du mit dieser Frage das göttliche Gebot: „Du sollst Deine Mutter ehren" erfüllest, so will ich versuchen. Dich zu befriedigen. Also höre: „Soll Angesichts der Tatsache sich Deinem frommen Vater nicht der Wunsch aufdräugen, seinem Schöpfer aus vollstem Herzen dafür zu danken, daß er ihm dadurch, daß er ihm zu Manne geschaffen, befähigt hat, sein Wissen, seine Zeit und Kraft dem Unterrichte der Jugend, somit dem Wohle der ganzen Menschheit zu weihen? Der Mann legt Tefillin, ist verpflichtet, die Gebete pünktlich zu verrichten, die Frau braucht das nicht zu tun, Pflichten, welche für sie höher sind, auf ihre Kinder und ihr Hauswesen zu achten, gehen vor. Der Mann kann also mehr Mizwans erfüllen. Thora lernen. D afür dankt er, für den größeren Pflichtenkreis. Das Mädchen wagte eine Entgegnung; ein Wort gab das andere, und so verstrtch wohl eine gute Stunde; da sprach der Rabbi: „Eigentlich sagt jeder Mann diese Brochoh im Hinblick auf feine Frau. Wenn er ihr segensreiches Walteu beobachtet, wie sie für ihn sorgt, ihm alles fern hält, was ihn in seinem Berttfe stört, seinen Schlaf hütet, damit er gesund und kräftig bleibe, wenn er, das alles überlegend, in ihre braunen Reyaugen welche so treu blicken. — Perl erhob ihr tiefblaues Auge und sah ihn scharf an — nun fuhr er fort, es können auch blaue Augen sein — sie errötete — wenn er ihr also in die herrlichen Augen blickt, denkt er, wäre ich eine Frau, hätte ich sie nicht heiraten können und hätte das größte, irdische Glück entbehrt; ans diesem Gesühle heraus sagt er: „Gelobt feist Du. Allgütiger, daß du mich nicht zur Frau erschaffen hast." Und die Frau denkt: Wäre ich ein Manu, könnt' ich ihn nicht beglücken, so aber hat mein Leben Inhalt, ich bin seine Frau, und sie spricht: „Gelobt sei Gott, der mich nach seinem Willen erschaffen hat." „Herrlich! herrlich l" sagte Perl und an der Hand der alten Schwester des Rabbi entfernte sie sich. Wehmütig blickte ihnen der Rabbi nach. Wenn das mir zugedachte Mädchen so klug und so bescheiden wäre, wie dieses hier, so wäre ich mit meinem Lose zufrieden, dachte er. Wer beschreibt die freudige Ueberraschung des Rabbi, als ihm nachmittags der Vorsteher die Anzeige machte, daß die Wahl der Gemeinde auf des Melameds Tochter Perl gefallen sei? Und als der Rabbi sich freudig einverstanden erklärte, durchbrauste der Jubelruf die Gassen der Judenstadt von Waslowice: „Wir haben eine Rebbezin!"