Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 39 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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, Die Wahrheit Nr. 39 Seite £1 Are Urautwahl. Humoreske von Babette Fried. - (Fortsetzung.) - Es war dies der Rosch-hakohol4) Herr Markus Fischt. 'Das Thermometer soll noch erfunden werden, welcher die .verschiedenen Wärmegrade und Unterschiede beim Willkommen .und Abschiede genau angibt. So setzte sich der über den herzlichen Empfang, der ihm wurde, hocherfreute Roschhakohot aus den ihm angebotenen Platz nieder, zog seine silberne Schnupftabaksdose aus der Westentasche hervor und bot sie schmunzelnd dem Rabbi an. Dieser nahm eine Prise, schnupfte .und nieste einigemal hintereinander. Herr Fischt rief freudig aus: „Unberufen, siebenmal hat der Rabbi geniest, das ist. ein Zeichen von Gesundheit und -männlicher Kraft." Oder von verhaltenem Schnupfen, entgegnete der Rabbi. Nein, nein, Ehrwürden, Sie sind nnberufen ein prächtiger Mann in den besten Jahren, in guter Stellung; dies letztere sagte der Roschhakohot mit besonderer Betonung, und warf sich dabei stolz in die Brust, als Präses der Gemeinde, welcher dem Rabbiner diese gute Stellung verschafft hat. Es ist schade, daß Sie gar keine Anstalt treffen, sich wieder zu vermählen. Der Rabbi wurde bei diesen Worten etwas verlegen. Oder sollte ich mich irren? fuhr der Vorsteher fort, ist Ls ans eine Ueberraschnng abgesehen; dies sollte mich und die .ganze Gemeinde sehr freuen und ich gratuliere schon heute von ganzem Herzen. Nicht doch, Herr Vorsteher! Ich mache wirklich keine Anstalt dazu, denn nichts liegt mir ferner, , als der Gedanke meiner Wiedervermählung. Verzeihen, Ehrwürden, daß ich, der Laie, mir gestatte. Sie .den hervorragenden Schriftgelehrten auf das Unstatthafte eines solchen dauernden Witwerstandes aufmerksam zu machen. Bedenken Sie, daß unsere Weisen es dem Manne, besonders dem geistigen Führer einer Gesamtheit zur Pflicht machen, im Ehestände zu leben, daß das Zölibat in Ihrem Stande ein Ding .der Unmöglichkeit ist. Es gibt so manche rituelle Entscheidungen zu treffen, wo zu einem unbeweibten Rabbi das Vertrauen fehlt. Eigentümlich, unterbrach der Rabbi den Sprecher, daß es Heute schon das drittemal ist, daß mir, doch immer aus einem anderen Grunde, das Heiratsprojekt nahe gelegt wurde. Erft regte es meine Schwester an, welche gerne zu ihrer Familie zurück Möchte, welche sie in edler Selbstlosigkeit verlassen hat, um meine Wirtschaft zu führen. Dann wieder behauptet der Doktor, meine Wiederverheiratung wäre nolwendig. Sie, mein Freund, setzen mir am härtesten zu, indem sie die Religion gegen mich ins Treffen führen. Also der Dritte bin ich? Um so besser! „Eine dreifache Schnur reißt. nicht!" Rabbi, fuhr der Vorsteher nach einer Pause fort, während welcher der Rabbiner verlegen mit seiner feinen weißen Hand seinen lang herabwalleuden schon mit weißen Fäden durchzogenen Bart strich, mein Rabbi, Sie vereinigen auf Ihrem würdigen Haupte drei Kronen, die der Thora 2) der Eehunna3) und be§ Schein Tow4), Sie werden sich dieser glänzenden dreifachen Krone würdig erweisen und sich entschließen, wieder ein Weib zu nehmen, zu Ihrem ferneren Glücke und .Znm Wohle der Gemeinde. Nicht wahr!? Nach kurzem Bedenken frng der Rabbi mit der ihm eigenen Würde: Hängt wirklich das Wohl meiner über alles geliebten Gemeinde von meiner Wiederverehelichung ab. Das materielle nur insoferne als es von dem günstigen und moralischen bedingt ist, aber im Großen und Ganzen ist Ihre Verheiratung unerläßlich, wenn unser Ansehen in der Welt nicht darunter leiden'soll, daß wir einen unverheirateten Rabbiner besitzen. Wenn dem so ist, also: was ich meiner Schwester und -meinem Aerzte verweigerte, Ihnen sage ich es zu: Ich werde heiraten! Vorsteher. 2) Gotteslehre.?) Priesterschaft. 4).Würde. Bravo, Viktoria! rief Fischl ans. . ' Viktoria zu rufen ist es noch zu früh, meinte der neugebackene. Heiratskaudidat.- Erst mich eine Braut zur Stelle sein. Um diese ist keine Sorge. O doch. Wie Sie vorhin bemerkten, bin ich ein Cohen und möchte nur eine würdige Frau aus meinem Volke znm Weibe nehmen, eine Frau.nämlich, welche als rechte Töchter meines Volkes diejenigen Eigenschaften in. sich vereinigt, welche die Töchter Israels schmücken sollen: Frömmigkeit, Keuschheit und Bescheidenheit. Ein solches Wesen selber aufzusncheu, ist mir persönlich jedoch unmöglich. Ich bin kein junger Fant mehr, der auf die Brautschau gehen mag. Als ich das erstemal ein Weib nehmen wollte, überließ ich die Wahl meiner Zukünftigen meinen teuer» Eltern, welche mir in der Person meiner in Gott ruhenden Hannah ein Wesen znführte, welche nach König Salomos Worten das Herz des Mannes erfreute. Tränen fielen bei diesen Worten aus den geistvollen Augen des Rabbi herab und verloren sich in dessen krausen Vollbarte. Rabbi, antwortete tiefbewegt der Vorsteher, Ihnen steht es wahrhaft nicht zu, mit Frauenzimmern zu liebäugeln, wie es die heutigen Heiratskandidaten leider Gottes aller Sitte znm Trotze tun. Aber vertrauen Sie sich uns an. die ganze Gemeinde wird bestrebt sein, Ihnen eine würdige Lebensgefährtin zu finden. Sie sollen mit uns zufrieden sein. Wollen Sie? ..Ich will!" Mit einem kräftigen Händedrucke verabschiedete sich der Roschhakohot von seinem Rabbiner. 2. Die Sitzung. Gravitätischen Schrittes, sich seines Amtes und seiner Würde bewußt, schritt Jsak Schames^) die Gassen der Judenstadt von Waslowice ab und fast irr jedes Haus eintreteud, lud er die daselbst wohnenden Balbathim auf nächsten ßosch Chodescli6) nach dem Minchagebete zu einer außerordentlichen vertraulichen Sitzung in die Privatwohnung des Rosch-hakohols ein. Dieser letztere Umstand, daß die Sitzung statt wie gewöhnlich im Gemeindebause, daselbst abgehalten wurde, machte alles neugierig und alle bestürmten Reb Jtzigleben, wie er heute schmeichelnd genannt wurde, mit Fragen über Ursache und Zweck dieses Ereignisses. Aber Jsak Schames hatte alle Ursache, der ihm überall zngesicherten Verschwiegenheit nicht recht zu trauen und antwortete auf alle Fragen mit einem bedauernden Achselzucken. Zn Mincha des nächsten Rosch Chodesch war die Synagoge gepfropft voll und der Chasan wurde mit Zurufen zu rascherem Vorbeten angefenert. (Fortsetzung folgt.) 5) Gemeindediener. 6) Neumond. Der Sukkoth-Feiertage halber erscheint die nächste Nummer am 20. Oktober Austritte aus dem Judentum. A u f r i ch t Max Leopold, Fabrikseleve, geb. 13. März 1893 in Wien. XIII. Anhofstraße 45. A u f r i ch r Friedrich Wilhelm, geb. 27. April 1895 in Wien, XIII. Anhofstraße 45. G a r a i Leopold, früher Grünfeld, Hotelier, geb. 18. März 1861 in Wien, IX. Franz Josefsbahnstraße 5. H o ch n e r Leo, Student, geb. 12. November 1890 in Jglau (Mähren) IX. Schubertgasse 4. N a ch o d Hans Heinrich, Opernsänger, geb. 2. Juli 1883 in Wien. IX. Porzellangasie 45. Nachod Walter Josef, geb. 21. April 1685 in Wie». IX. Porzellangaffe 45. Schwarz Margit, geb. 21. Oktober 1888 in Budapest. HI. Engelsberggasse 5. Weiß Pani, Bankbeamter, geb. 21. Juni 1890 in Wien. II. Czernin» gaste 4. Iaff Paul Bernhard, Privatbeamter, geb. 1. April 1890 in Wien. VH. Stiftgasse 5—7. . Fried Paula, Handels - Gymnasiastin, geb. II. Juni 1894 in Fnlnek (Mähren). II. Am Tabor 22. König Rudolf, Kaufmann, geb. 18. April 1865 in Wien. XIII. Kugelwiesergaffe 12.