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Die Wahrheit · 1911-09-29 · Heft 38 (29.9.1911) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 38 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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HuartaL ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mlattes Keine Zlriterörechnng erleide. Abonnements-Bedingungen: Ganzjährig Kr. 14.— Kalöjährig Kr. 7.—, vierteljährig Kr. 3.5V. K. k. Poftsparkasfen-Konto 100.918. Probenummern gratis zur Verfügung. '. ■■■■ Ans der Woche. Es war ein beliebter Trick der Antisemiten, wenn das Volk über Teuerung murrte, alle Schuld auf die Juden zu schieben und insbesondere den jüdischen Zwischenhandel für das rapide Ansteigen der Lebensmittel verantwortlich zu machen. Und die Zeiten sind noch nicht so lange her, wo das alles ohne Prüfung gerne geglaubt wurde und zu Maßnahmen führte, die wohl in erster Reihe auf die Unterbindung jüdischer Existenzen abzielten, aber schließlich auch im allgemeinen Verkehrslebeu höchst verderbliche Folgen zeitigten. Seitdem aber die eigensüchtigen Ziele und Zwecke der Christlichsozialen in ihrer wahren Gestalt enthüllt wurden und die Glorie der Volksfreundlichkeit von ihnen gewichen ist, hat sich natürlicher Weife auch ein Umschwung der Volksmeinung vollzogen und der kleine Mann, sowie das Proletariat der Vorstadt, die früher blindlings der Parole aus dem Wiener Rathaus nachgingen, wissen jetzt ganz gut, wo seine eigentliche Schädlinge sitzen. Der Ausdruck dieser Erkenntnis manifestierte sich in der Richtung, welche die jüngsten Teuerungsexzesse in Wien nahmen und es ist gewiß bezeichnend, daß zuerst die Fensterscheiben des Wiener Rathauses der Zerstörungswut der exzedierenden Massen zum Opfer fielen. Unter diesen Verhältnissen ist es um so befremdlicher. daß von Seiten der Regierung das Märchen vom Zwischenhandel, der im Volksglauhew ganz mit Unrecht als spezifisch jüdisch gilt, wieder aufgewärmt. wird und mit großem Bedauern muß man sich fragen, ob nur eine allerdings an so hoher Stelle nicht entschuldbare Verkennung der wirtschaftlichen Tatsachen vorliegt, wenn der Ministerpräsident in der Obmännerkonsereuz, bie; zwecks Einberufung des Parlaments tagte, die Ursachen der enormen Teuerung neuerdings dem Zwischenhandel znzuschieben versuchte. Nur Wahrheit und Klarheit kann ans dem gegenwärtigen Chaos hinausführen, und das wird wohl nicht möglich sein, ohne bisher allmächtigen Kreisen ein wenig die Flügel zu stutzen. Beim Wurstel in den Praterbuden schlägt man wohl noch immer den Juden tot, aber die ernste Politik kann mit solchen abgebrauchten Requisiten heute nicht mehr wirtschaften. * Ueber die geplante Revision des bayrischen Judenedikts vom Jahre 1813, welches trotz seines hohen Alters noch immer die Grundlage der jüdischen Gemeindeverfassungen in Bayern bildet, wird den „Münchn. Neuest. Nachr." angeblich von einem wohlunterrichteten israelitischen Laien folgendes geschrieben: Die durch die norddeutsche Presse gehende offiziöse Mitteilung, daß die preußische Regierung eine Novelle zum Gesetz von 1847 über die preußischen Synagogengemeinden vorbereite, lenkt von. neuem bei uns in Bayern die Aufmerksamkeit auf die völlig veralteten und von der Verwaltungspraxis längst abrogierten Bestimmungen des bayrischen Judenedikts von 1813. Alle Kreise innerhalb und außerhalb des bayrischen Judentums, die sich mit der Handhabung und Interpretation dieser, nun fast 100 Jahre alten, für ganz andere Zeiten und Verhältnisse erlassenen Normen zu beschäftigen haben, find sich längst darüber einig, daß ein Fortwursteln auf Grund des alten Gesetzes und der inzwischen ergangenen widerspruchsvollen und verworrenen Ministerialentschließungen die Entwicklung der jüdischen Gemeinden und die Anbahnung friedlicher Verhältnisse zwischen den verschiedenen religiösen Richtungen empfindlich behindert. In übereinstimmenden Darlegungen hat die Presse aller politischen Parteien die Unzulänglichkeit der einschlägigen Rechtsverhältnisse beleuchtet. Auch der Landtag hat sich bei der Beratung des Etats für den israelitischen Kultus mehrfach mit der Materie befaßt und Abgeordnete aller Parteien haben in der Generaldebatte über die Kirchengemeindeordnung Anlaß genommen, das Ministerium auf die Unhaltbarkeit des jetzigen Zustandes, der für die religiös dissentierenden Mitglieder in den Großgemeinden vielfach eine Gewissensbedrängnis bedeute, hinznweisen. Der Minister gab in seiner Erklärung vom 20. Jänner 1910 die Revisionsbedürftigkeit des Gesetzes unumwunden zu, weil sich durch die Entwickluüg der jüdischen Glaubensgesellschaft zwei Richtungen herausgebildet haben, die in ihren religiösen Anschauungen und deren Betätigung tief-

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