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Die Wahrheit · 1911-09-15 · Heft 36 (15.9.1911) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 36 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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9tr. 36. Oesterr.-ungar. Kantoreu-Zeitnng Seile 9. Das Leichenbegängnis des Ober irantors Dein Gnttman». . Welch großer Sympathien sich Oberkantor Gnttmann, der, wie wir bereits im vorigen Nummer berichteten, so frühzeitig feine glänzende Laufbahn abgeschlossen hat, in der Wiener Kultusgemeinde erfreute, bewies die aufrichtige Teiluahme in den weitesten Kreisen der Gemeinde, als die Todesnachricht bekannt wurde, und die geradezu imposante Beteiligung am Leichenbegängnisse, das Freitag, den 8. o.M. am Zeutralfriedhofe stattfand. Unter den nach vielen Hunderten zählenden Tranergästen bemerkten wir die in Wien anwesenden Mitglieder des Kultus- Vorstandes unter Führung des ersten Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn, ferner Oberrabbiner Dr. Güdemann, Rabbiner Dr. Feuchtwang, den gesamten Bethausvorstaud, mehrere Vorstandsmitglieder der Chewra Kadischa, sämtliche Kantoren Wiens unter Führung des Präsidenten des österr.-nng. Kautorenvereines lais. Rat'Oberkantor Singer, Abordnungen vieler jüdischer Vereine und zahlreiche Verehrer des Verstorbenen, die gekommen waren, dem unvergeßlichen Künstler den letzten. Tribut ihrer Verehrung zu .leisten. Auf der Estrade in der Zeremonienhalle hatten die trauernde Witwe und die tiefgebeugten Schwestern, die in dem Verblichenen den einzigen Ernährer verlieren, sowie die übrigen Mitglieder der Familie Platz genommen. Der Nachfolger und langjährige Freund Gnttmanns, Oberkantor Morgenstern, trug assistiert vom Gesammtchor des Leopoldstädter Tempels tiefbewegt das „Haznr tomim" in ergreifender Weise vor. Hieraus hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann dem Verstorbenen einen warmempfnndenen Nachruf, in welchem er ein treffendes Bild des Verblichenen entwarf und im Aufträge des Vorstandes der Wiener Knltnsgemeinde dem Heimgegangenen Chasan für die vielen Stunden der Erbauung nnd des Kunstgenußes Anerkennung und Dank zum Ausdruck brachte. Hierauf wurde der Sarg gehoben und unter den Tranergesängen zum Ehrengrabe getragen. Hier sprach namens des öfterr.-ung. Kantorenvereines dessen Präsident kais. Rat Oberkantor Josef Singer die folgenden Abschiedsworte: „Mit Beben und wahrhafter Trauer im Herzen treten wir, der Vorstand des österr.-nng. Kantorenvereines, vor dieses offene Grab, um einem geliebten, allgemein verehrten Bernfsgenoffen den letzten Scheidegruß zu entbieten. Es ist bei solch traurigen Veranlassungen Gepflogenheit, die Persönlichkeit des teueren Verblichenen noch einmal vor unserem geistigen Auge erscheinen zu lassen und all die Eigenschaften und Tugenden, die er im Leben sein Eigen nannte, aufzurollen — oftmals eine schwere, kaum zu erfüllende Pflichtbetätigung. Hier, an deinem Grabe, teuerer Freund Oberkantor Bsla Gnttmann, wird uns diese traurige Pflichterfüllung sehr leicht. — Deine Persönlichkeit lebt ja noch zu lebendig in uns Allen; deine mächtige Stimme klingt ja noch in unser Ohr; dein Können, Wissen nnd Betätigen ist ja so allbekannt, daß jeder, der dich kannte und zu hören Gelegenheit fand, es zugestehen muß, daß du als Mensch wie als Künstler ein ganzer Mann gewesen, der seiner Berufserfüllung in des Wortes vollstem Umfange nachkam. Daß es dir nicht verstattet war, deines Lebens Ausbau bis zum Schlußsteine LN vollenden, das war wohl für dich, doch auch für uns, deine Bernfsgenoffen, am fühlbarsten, jedoch für diese große Gemeinde ein schwerer Schicksalsschlag, der lange noch nachempfunden werden dürfte. Wir Alle werden' dir ein treues Angedenken bewahren und sind überzeugt, daß, da.doch dein Leichenbegängnis an einem Freitag stattsindet — jetzt, da du in eine andere Welt eingehst, dir jene beiden Worte, die du ja zu tausenden Malen der lauschenden Gemeinde mit tiefer Andacht vorgetragen, ans höheren Regionen entgegentöneü werden, die beiden Worte rwv ’K’D „Komm mein Geliebter!" — Auch wir rufen dir. Frennd Bsla Gnttmann, die beiden Worte als Scheidegruß nach: kehre ein znr Ruhe und mögest du endlich die Ruhe finden, die dir durch ein hartes. Geschick im Leben verwehrt war. Ruhe sanft!" Namens des n. Bezirkes und der persönlichen Freunde des Verstorbenen hielt Prof. Nascher einen ergreifenden Nachruf. Namens der vereinigten Chöre der Wiener Kultusgemeinde widmete Chormeister Prof. Sulz er dem ausgezeichneten Interpreten des „Schir Zion" und meisterhaften Synagogensänger tiefbewegte Abschiedsworte. Namens des Vereines der Synagogeusänger gab Herr Salb Lemberger der Trauer um den Heimgegangenen Meister Ansdruck. Nach dem Absingen des „Schimisst" schloß die erhebende Trauerfeier mit einem tiefergreifenden Vortrag des DI raols rackamim durch Oberkantor Don Fuchs. Schire bes Jausef. Nagykanizsaer gottesdienstliche Gesänge für das ganze Jahr für Kantor, Solo, Soli, Chor mit und ohne Orgelbegleitnng. Komponiert vom Musikprofessor Leo K a r t s ch m a r o f f, Oberkantor der israelitischen Knltusgemeinde Nagykanisza. Besprochen durch kaiserl» Rat Josef Singer in Wien. Besprochen? — Nicht doch! Vorliegende Arbeit bedarf keiner Besprechung, keines Geleitsbriefes, keiner Anerkennung und wie all die künstlerischen Schönheitspflästerchen sonst noch heißen mögen. Der Name Leon Kartschmaroff bedeutet seit vielen Jahrzehnten den Inbegriff aller hervorragenden Qualitäten eines Kantors, demzufolge müssen auch alle unter diesem Namen veröffentlichten Kundgebungen als die Kundgebungen seiner vieljährigen, reichen Erfahrung und Betätigung — er fungierte schon in seinem 17. Jahre unter großem Beifall als Kantor — mit einem Worte als sein Programm erachtet werden." „Allein," hören wir rufen, „auch Programme sind anfechtbar," — „doch nur dann," antworten wir, „wenn diese Anfechtungen von bedenklichen Argumenten unterstützt werden. Um die Nichtexistenz dieser letzteren festzlfftellen, muß der Inhalt des vorliegenden Werkes immerhin gewissermaßen einer Würdigung unterzogen lverden nnd dieser angenehmen Pflichlbetütignng widmen wir uns herzlich st gerne. - Leon Kartschmaroff beabsichtigte mit der Veröffentlichung, der vorliegenden Synagogengesünge nichts weniger als eine komponistische Großtat zu vollführeu und gerade deshalb ist ihm das im gewissen Sinne so herrlich gelungen; was Kartschmaroff in seinem Werke uns vorsiugt, das hat er der jüdischen Volksseele seiner Urheimat, seines späteren Lebensweges, vielleicht auch des seinerzeitigen Wiener Aufenthaltes abgelausckt — all das ist nicht unter dem Richtscheite komponistischer Paragraphe zngemessen, sondern durch seine eigene Individualität ans dem jüdischen Volkstume absorbiert, in künstlerisch-idealer und moderner Gestalt wieder dem jüdischen Volkstume znrückerstattet worden. Gleich der erste Lecko dodi für Kantor, gemischten Chor und Orgelbegleitnng in I'-Dnr liefert, den besten Beweis für diese unsere Behauptung. In der Künstkerseele des anerkannten Sängers Kartschmaroff leben sicherlich ganz andere, sogenannte gewaltige Gesangsmotive; — doch erperhorresziert dieselben nnd wühlt ein Gesangsmotivcheu ans der einstigen Jndenschnle, welches uns — wir gestehen es offen — gerade so mächtig anheimelt, als tönten uns längst verhallte Klänge unserer einstigen Jugendsynagoge entgegen. Allerdings erscheinen die Harmonien vollauf gesättigt und für unsere moderne Zeit konstruiert, so daß dieselben auch in der größten Synagoge der Gegenwart bei entsprechender Aufführung ihre volle Wirkung üben werden. lussko dodi war die Liebliugsftätte komponistischer Versuche unserer altvordern Chasonim; an dieser Stelle vermeinten sie, dem Publikum Novitäten bieten zu dürfen oder gar zu müssen. — Wir besitzen ja von altersher einen Sefira-Lecko dodi, einen drei Wochen-I^seko dodi re. und der Schreiber dieser Zeilen weiß sich ans seiner frühesten Jugend zu erinnern, daß auch sein geliebter Vater ,tk mit großer Vorliebe sich an der gesanglichen Vermauuigfaltigung dieses Gebets-Stoffes beteiligte nnd vor Wonne strahlte, wenn er uns, seinen b'Tvibö, ans seiner Geige ein neues Melodie-Fragmentchen zu einem Lecko dodi Vorspielen konnte. Wir vermeinen, daß das Auftreten eurer neuen Lecko dodi-Melodie die Freitag-Abendftimmirng nicht tangiert, vielmehr noch belebt, wenn nur bas sonstige Freitag-Abend-Chasonus streng aufrecht erhaltetr bleibt. (Schluß folgt).

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