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Die Wahrheit · 1911-09-01 · Heft 34 (1.9.1911) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 34 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 11. Nr. 34. Der Keifer. Von Oberkantor M. A. L a n d a u, Wiener-Neustadt. .(Fortsetzung.) Die Neugierde ist durchaus keine spezifische Eigenschaft -des Kleinstädters. Sie ist sicherlich eine jener menschlichen Schwächen, die alle, Groß- und Kleinstädter, in gleicher Weise beherrschen. Und wenn die Großstädter in der Haft und in der Geschäftigkeit des Großstadtlebens manchem Ereignis gleichgültig gegenüberstehen, so ist damit noch nicht bewiesen, daß ihnen die Neugierde wirklich fehlt. Nur stoische Naturen und zene siebenmal Gescheiten, die nur für sich aber für die Mitwelt kein Interesse haben, aber auch jene, denen die Prüfungen und der Ernst des Lebens die Nengierde für immer geranbt haben, kümmern sich nicht um eine neue Erscheinung, um ein ungewohntes Geschehnis. Die Brodyer Jugend stand dazumal nicht in der Reihe der Stoiker, auch "nicht in der Gruppe der Siebenmalgescheiten und auch der Ernst und die Erfahrung des Lebens hatten ihr .keine Sorgenfalte in die. Stirne gegraben. Und wenn das Scheren eines Pudels am .Donaukannl eine kleine Verkehrsstockung in Wien verursacht, wer wollte es da den Brodyern verargen, daß die Ankunft eines Pariser Fremden für sie nicht gleichgültig war? — — In der Kripitzergasse war es nicht möglich zu gehen. Fenster und Türen waren von Frauen und Mädchen förmlich belagert. Diejenigen, die da keinen Platz mehr gefunden, sahen : durch die Spalten einer Planke, denn die Gasse wußte es ganz' -genau, daß der exotische Gast jetzt eiutreffeg mußte. Die un-: ausbleiblichen Gassenjungen trieben sich inzwischen im schmalen; Gässchen herum und singen einander ab) wenn aber jemand; /das.Unglück hatte, zwischen die Schar spielender Jungen zu . geraten,- so wurde er mit lautem Lachen und„A-Be" Rufen*) umzingelt. Das ungewöhnliche. Bild indiesem sonst ruhigen ^Stadtteil lockte auch völlig Unbeteiligte an und bald war die: -Gasse, von Neugierigen voll. Endlich trat eine erwartungsvolle. Stille ein. Ein. Vorposten meldete.die Ankunft des Fremden: -And die Köpfe der- Wartenden fingen an, enger und enger aneinander zu geraten und die, welche durch die Plankenspalten geschaut hatten, machten Anstalten, auf-die Planke zu klettern.. Jetzt begannen die Buben voransznlaufen und alle riefen wie '-aus einem Munde: „Er kommt!" - Ein sehr elegant gekleideter junger Mann mit einemmodernen Zylinderhut auf dem Kopfe und einem blauen Zwicker wurde sichtbar. Beim Anblick dieses Gedränges wnrde sein schönes, von einem sorgfältig" gestutzten blonden Spitzbärtchen umrahmtes Gesicht etwas verlegen und geradewegs ging er auf bas Hänschen zu, in dem Blume bei ihrer Tante wohnte.. Mit unsgesnchtester Höflichkeit erwiderte er die-Grüße einiger Bekannten, während ihm die anderen mit einem langgezogenen „Aaah!" nachblickten. Als der junge Mann auch dieses Spießrutenlaufen hinter sich hatte und im Häuschen verschwunden war, drängten sich" besonders Neugierige an die Fenster der Wohnung heran, ^andere ivieder suchten zu erfahren, wer der „noble Kavalier" war und wie da einer zu erzählen begann, wnrde er von den Zuhörern fast erdxttckt und,bald ging es von Mund znMnnd: „der.fremde Pariser ist der Belfer Jossale!" Die Wege des Menschen sind nnerforschlich und so manches Menschenschicksal läßt die mächtige Führung eines unsichtbaren, -großtsi Weltenlenkers erkennen. Selbst ’ ein Kaiser kann nicht auf völlig ebenem Wege wandeln und auch die Königin, aller Blühten kann üür auf einem Stengel voller Dornen entspringen. So.Äirfte-auch -Jossale: trotz der fielen Hindernisse und Mühseligkeiten, trotz der vielen Plagen pnd Entbehrungen noch immer uichtchoffen, am langersehnten Ziele sit sein, denn beim Betreten des Wohnzimmers wurde et zu seinem lebhaften Stannen nicht s; SpottHf, der' wahrscheiiuich vhn den elsässischen Inden nach ^chalisien (Polens^gebracht wnrd.ö;-eigentlich k bäs (ttieber!). Der Spott "ivird , noch dähukch versfärkt, «f§bütn ’ SSecfpöfteliit, ' ähnlich wie beim Wienerischen Riif „Etsch! Etsch!" die Zeigefinger uliter der Nase gerieben werden. wie er erwartet hätte mit Freude, sondern mit lautem Schluchzen empfangen- Wie gelähmt stand er diesem unerwarteten Gefühlsausbruch gegenüber. Wie konnte er anders kombinieren, als daß e r s e l b st die Ursache dieser ungewöhnlichen Begrüßung sei? Der Mensch ist ja eben eines der unglücklichsten Geschöpfe, das die höchsten A u s z e i ch u ir n g e n, die ihm von der Natur, verliehen wurden, die Sprache und das Denken, nur zu oft zu seinem eigenen Nachteil verwendet. Und so meinte auch Jossale, daß sein Erscheinen wahrscheinlich den alten, bereits vernarbten Schmerz wieder aufgefrischt habe und den beiden Frauen erst jetzt die ganze Größe ihres Unglückes vor Augen trete. Denn früher wollte man ihn nicht einmal als untergeordneten Gesellschafter dulden und nun sollte man gar in ihm den Wohltäter und Beschützer erblicken? ..So dachte Jossale. Wie beschämt aber wurde er, als ihn Blume in schlichten Worten für diesen unangenehmen Empfang vielmals um Entschuldigung bat und herzlich für die. Versorgung ihres Bruders und für die Geschenke dankte. „Wir wußten immer," sagte die Tante, „daß Sie ein edler Mensch sind und daß Sie meiner Schwester' längst verziehen haben. Die harten Worte, die Ihnen wohl sehr wehe taten, durften Sie bei einer älteren Frau, die dem Zeitgeiste keine Rechnung tragen wollte, nicht so ganz wörtlich nehmen. Denn als Sie fort waren, hat selbst meine selige Schwester nicht daran gezweifelt, daß Sie ein recht tüchtiger Mensch sein werden— und die Opfer, die Sie für uns brachten, werden wir Ihnen nie vergessen." Jossale, dem dieses Lob ganz unerwartet kam, wehrte ab. Das blaffe, etwas eingefallene Gesicht Blumes machte ihn sehr besorgt und er wußte nicht, wie er helfen könnte. Und als er hörte, daß Blume sogar längere Zeit das Bett hüten mußte und nun auf dem Wege der Rekonvaleszenz sei, da fragte er, ob denn nichteine Erholung in guter Waldlnft zuträglich wäre. Die Tante und Blume sahen einander verlegen an und Jossale glaubte diese Blicke verstanden zu haben. Er verabschiedete sich bald nnd bat die Tante um eine kleine Unterredung. Er sprach lange nnd eindringlich mit ihr und die Folge dieser Unterredung war, daß Blmne bereits einige Tage darauf im nahe gelegenen Grenzwalde Pasieka eine kleine Wohnung bezog, wo sie sich in der ausgezeichneten, würzigen Waldlust ganz zusehends erholte. Und da hinaus waren mm seine liebsten Spaziergänge. Airs der stillen Straße, an der alten rnthenischen Kirche vorbei, ging Jossale fast täglich in den nahen Wald und diese Wege wurden für ihn immer mehr zum Bedürfnis. Auf dem Hinwege konnte er ganz ungestört seine Luftschlösser in den höchsten Höhen erbauen und auf dem Rückwege überdachte er die Gespräche mit Blume nochmals und war immer mehr entzückt von ihrer lieben, schlichten Art zu plaudern. (Fortsetzung folgt.) Austritte ans dem Judentum. P o l l a k Johanna, Dienstmädchen, geb. 6. Oktober 1879. Wien, "VH. . . Kaiserftraße 40. _ Minkus Joses, Prwatbeamter, geb. 2. Jänner 1865. Wien, XX. Wallensteinstraße 5. Palmas Stefan, geb. 19. März 188ö ht Budapest. HL Kleistgasse 12. Austerlitz Ginda, geb. Löwenstein, Dezember 1878, Lieban (Rußland). III. . Seidlgasse 29. E i h s l e r Josef. Buchhandlungsgehilfe, geb. 24. Dezember 1882 in Brünn, IV. Starhemberggasse 41. Libow Isaak, Provisor, geb. 19. April 1880 in Nemirow (Rußland), H: Kl. Stadtgutgasse 4. ' Oester reicher Carl, Magazineur, geb. 29. Mai 1886 in Wie», EL Floßgasse 1. Libow Jakob, Advokat, geb. 16. November 1878 in Nemirow (Rußland), EL Kl. Stadtgutgasse 4. L o e b e l Friedrich, Realschüler, geb. 21. März 1896 in Bielitz. XIII. . Zehetnergasse 4. W e st f r i e d Friedrich Maria, Kaufmann, geb. 24. September 1880 in Brünn, IV. Wiedener Hauptstraße 12. Heller Rudolf, Musiker, geb. 18. August 1886 in Wien, XIV. Kauerhofgasse 10.

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