Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 33 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 33. Die Wahrheit Seite II. Der Keifer Von Oberkantor M. A. L a nd a u, Wiener-Neustadt. (Fortsetzung.) „Nachdem.fast bas ganze Vermögen während der laugen Krankheit aufgezehrt wurde," fuhr der Junge fort, „starb der arme Vater unter unsagbaren Schmerzen und ließ die ganze Familie im größten Elend zurück. Die Mutter hat zwar noch eine Zeitlang den Fleischverkauf fortgeführt, aber der Schmerz über den Verlust des Vermögens und die ungewohnten Entbehrungen warfen auch sie bald auf's Krankenlager, von dem sie nicht mehr anfstehen sollte." „Und Blume?" fragte Jossale, der tieferschüttert zngebört hatte. „Blume ist bei einer Schwester der Mutter und sieht sehr schlecht aus; die zwei jüngsten Brüder werden ans der Kasse der Fleischhanergenossenfchaft erhalten und ich habe mich unter großen Schwierigkeiten und vielen Strapazen bis hieher durchgeschlagen, wo einige Freunde unseres Hauses ihr Glück gefunden haben." Jossale schwebten die goldenen Tage, die er im reichen Hause Chaim Schmuls verlebt hatte, vor Augen, er dachte an die kostbaren Stuben, er dachte an den großen Aufwand, erdachte an die wöchentlichen „Knnstabende" und nun erst gelang es ihm, das Schreckliche dieses unermeßlichen Unglückes in seiner ganzen Größe zu erfassen. Es kostete ihn eine große Ueberwindnng, die Tränen znrückznhalten und vergessen waren alle Kränkungen über dieses Wallen einer höheren Macht. Denn nun erst begann ein leise schlummerndes Gefühl, das gewaltsam durch mehr als vier Jahre zurückgehalten wurde, mit wachsender Gewalt hervorzubrechen und ein Hoffen mib Bangen durchzuckte ihn. wie ein elektrischer Schlag. Er lud den jungen Mann ein, mit ihm ein Glas Bier zu trinken, aber der'arme Junge bat ihn, wenn er schon so gütig sei, ihn lieber etwas essen zu lassen, denn seit zwei Tagen habe er nichts im Mund gehabt. — Nun konnte Jossale die chervorqnellenden Tränen nicht mehr zurückhalten. Jetzt erinnerte er sich an seine eigenen bitteren Tage, die er die erste Zeit in Paris dnrchgekostet und der tiefe Schmerz eines hungernden, hilstoseu Menschen fand bei ihm das beste Verständnis. Er nahm den jungen Mann sofort in seine bescheidene Wohnung auf, gab ihm zu essen und zu trinken, er versprach ihm, sobald als möglich für ihn eine Anstellung anfzitsuchen nnd bat ihn, bis dahin von ihm eine kleine Unterstützung anzunehmen. Vergessen waren alle Demütigungen, die er durch die Mutter dieses Jungen erdulden mußte, vergessen war der Schmerz über den Verlust der Heimat, der Freunde und eines erträumten Glückes, vergessen waren die bitteren Tage, an denen er hungern und frieren mußte, denn das alles war doch nichts gegenüber dem Unglück, das seine geliebte Blume getroffen halte. Er hatte alles verloren, aber eine glückliche Zukunft gefunden; sie aber mußte alles elttbehren, was sie früher in so reichem Maße genossen. Und von nun an beschäftigte ihn nur der. eine Gedanke, wie er seine Blume wieder sehen, wieder sprechen könnte, wie er ihr alles Gute, alles Liebe, das er in ihrer so angenehmen Gesellschaft gefunden, wieder vergelten könnte; wie er ihr alles, alles, wcch sie jäh. und auf so schreckliche Weise verloren hatte, wieder ersetzen könnte. Lange dachte er darüber nach und beschloß endlich, den Sohn seiner Wohltäter, der ihm Freund und Berater geworden war, um Rat zu bitten. . . Jossale schien einen ihm sehr zusagenden Ratschlag erhalten zu haben, denn bald darauf erklärte er seinen Wohltätern unter Tränen der Dankbarkeit, daß er fest entschlossen sei, in seine Heimat, zurückzukehren. Er habe in diesem Hause, in dem ihm eine liebevolle Nachsicht mehr noch. als einem eigenen Kinde zuteil geworden, im Laufe der Zeit soviel gelernt, daß er hoffe, in-die beste Familie als Lehrer oder Erzieher eintreten zu können, dazu habe er die Sprache im Lande selbst erlernt, was in seiner Heimat als beste Empfehlung für einen Lehrer gelte. Seine.Wohltäter vernahmen mit Bedauern seinen festen Entschluß, lobten aber sein Vorhaben umsomehr, als er ihnen sein ganzes Herz ausgeschüttet hatte. Sie baten ihn, noch bis zum Juni zu bleiben, damit er noch den Hausherrn bis zur Abreise ins ausländische Bad betreuen nnd für sich selbst alles für die Reise besorgen könne. Die Hausfrau aber, die aus ihn ganze Stücke hielt, wollte den braven Menschen auch deshalb noch zurückhalten, um ihm. für fein späteres Leben einige nützliche Winke zu geben. Und nun fing ein förmliches Wetteifern an Überraschungen an. Jeder im Hause suchte für Jossale etwas anderes als Geschenk aus nnd jeder hatte dabei im Auge, etwas Schönes und Nützliches zugleich zu geben. Jossale selbst war mit der Besorgung aller nötigen Gegenstände, mit dem Packen der Koffer, mit dem Abschiednehmen von seinen zahlreichen Freunden vollauf beschäftigt, vergaß aber in dieser Hast nicht, den Bruder Blumes bei einem Bekannten unterzubringen nnd an Blume selbst zu schreiben, wie niederschmetternd auf ihn die Kunde vor ihrem Unglück gewirkt. Er bat sie, ihm mitzuteilen, wie es ihr nun gehe nnd fragte sie an. ob ihr sein Besuch erwünscht wäre, wenn er Ende Juni in seine Heimat znrückkehren werde.- Und s o begann eine wunderbare Macht die zerstörten Fäden wieder zusammenzuknüpfen und g i n g d a r a n, sie immer m ehr, immer m e h r z n st ä r k e n n n d 5 u f e ft i g e n! — Viertes Kapitel. Mit rasender Schnelligkeit brauste der Expreßzug dahin. Nur hie und da blieb er für eine Minute in einer größeren Station stehen, um gleich wieder sein blitzartiges Tempo einzuschlagen. Aber einem Reisenden, der ruhelos in seinem Schlafabteil auf und ab schritt, schien diese Schnelligkeit nichts zu sein. Elender Schneckengang, Stillstand! Ein ganzer Tag nnb eine ganze Nacht waren schon vorüber und nun begann schon der zweite Tag — und noch immer nicht am Ziele! Schleppende Zollrevision, unsinniges Umsteigen, dazu kein ordentliches Essen, kein ordentliches Trinken — doch er hielt wacker stand. Und als er endlich die galizische Grenze erreichte nnd polnische Bauern mit großen Stiefeln, polnische Juden mit unzähligen Bündeln, mit Weibern und Kindern erblickte, da schlug sein Herz höher. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern. Noch einmal mußte er umsteigen und endlich, endlich war die Stadt Brody erreicht. Jossale war nicht fremd in der Stadt. Denn die kurze Zeit, die er während der Vorbereitungen des Emigrantenznges daselbst zugebracht, hatte genügt, daß er sich mehrere Freunde erwerbe. Ueberdies war sein früherer Dienstort ganz in der Nähe der Stadt gewesen und dann konnte ja auch seine Korrespondenz mit Blume in der Nachbarschaft kein Geheimnis bleiben. Sie scheute sich auch gar nicht, manches Geschenk, das ans Paris kam, öffentlich zu zeigen. Was war denn weiter dabei, wenn ein früherer Bekannter schrieb, wenn er eine kleine Aufmerksamkeit sandte? Und so war es natürlich auch kein Geheimnis, daß dieser „alte Bekannte" nach Brody gekommen war, um Blume und ihre Verwattdten zu besltchen. Das Mädchen, das nach galizischen Begriffen das heiratsfähige Alter bereits lange überschritten hatte und dennoch den jungen Leuten answich und den Heiratsvermittlern kein Gehör schenkte, galt bei vielen als stolz und hochnäsig nnd nun, wo man hörte, daß ein junger Mann aus Paris komme, wurden die kühnsten Kombinationen angestellt. (Fortsetzung folgt.) Austritte ans dem Indentnm. T u r m a n n Friedrich, geb. 2. September 1887 in Wien, II. Schreigasse 16. Stein Martha, Private, geb. 24. Oktober 1885 in Wien, XXI. Schöpfleutnergaffe 31. Weinst 0 ck Gisela, Schirmerzengergehilfin, geb. 16. September 1378 in Wien, XVJJL Steinergasse 8. Müller Fanni, Private, geb. 5. Dezember 1887 in Wien, IX. Reihgasse 9. Westreich Leo, Ingenieur, geb. 27. März 1883 in Petrowitz (Schlesien), VI. Gumpendorferstraße 87. Siegel Helene, Hilssarbeiterin, geb. 18. August 1890 in Wien, XU. Aichholzgaffe 31.