Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 33 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 33. Dr. Alfred Ster«, Präsident der Wiener Kultusgemeinde. Zu seinem 80. Geburtstage. Wenn mau von einem Manne der Oeffentlichkeit spricht, dem von der Vorsehung die seltene Gnade zuteil wurde, beim . Eckimmeu der Lebensleiter eine so hohe Stufe zu erreichen, daun drängt sich in den Betrachtungen über die Bewertung seiner Persönlichkeit, über sein Wirken und Schassen, über sein Verhältnis zur Allgemeinheit zumeist ein Gefühl der Wehmut ein, angeregt durch den Gedanken der Vergänglichkeit alles Irdischen und ausgelöst durch die Erkenntnis, daß auch die glänzendsten Gaben und reichsten Fähigkeiten zeitlich gebunden sind und daß die natürlichen Grenzen derselben bei der betreffenden Persönlichkeit nur eine Rückschau' auf langst entschwundene Tage gestatten. Der Präsident der Wiener Knltnsgemeinde jedoch, der am 29. August d. I. sein achtzigstes Lebensjahr vollendet, gehört zu jenen Ausnähmsmenschen, die selbst in so hohen Tagen nicht bloß der Vergangenheit angehören, sondern frisch un Körper und Geist mitten drinnen im Treiben und Weben-der Gegenwart stecken und in demselben ungeschmälert ihre volle Individualität betätigen. Dr. Alfred Stern hat sich schon in frühen Jahren eine geachtete Position in der allgemeinen, und jüdischen Oeffentlichkeit errungen. Doch wir wollen heute nicht sprechen von siiner anerkannten Tätigkeit im Wiener Gemeinderate, wo er Jahre hindurch mit seltener Sachkenntnis das Referat über das Millionenbudget der Reichshauptstadt führte; nicht von seinem Wirken im Vorstuud der Wiener Allianz, wo er besonders zur Zeit der großen russischen Judenverfolgungen in den Achtziger- Jahren des vorigen Jahrhuudertes als Delegierter dieser Körperschaft eine große Notstandsaktion zu Gunsten der armen, verfolgten Glaubensbrüder an der galizisch-rnssischen Grenze organisierte; auch nicht von der Schöpfung des allgemeinen österreichisch-israelitischen Bundes und .von seinen bis heute noch fortgesetzten, arbeits- und verdienstvollen Bemühungen um das Zustandekommen einerstaatlich anerkannten Repräsentanz der österreichischen Knltusgemeinden. So reich auch -sein Lebensinhalt ist und so mannigfaltig seine Betätigung auf den verschiedenen politischen und gemeinnützigen Gebieten, im Vordergründe all seines Wirkens und Schaffens steht seine Tätigkeit in der Wiener Knltnsgemeinde und. die Marke, mit der seine Persönlichkeit in der Geschichte signiert wird,, ist: - der P r ä s ident Dr. Alfred Stern. Es war eine schwere und bedeutungsvolle Zeit, in der er zur Führung der Wiener Kultusgemeinde berufen wurde. Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts hatte die Wiener Kultusgemeinde durch Zuwachs der jüdischen Bevölkerung und durch Ausdehnung ihres Territoriums auf das ganze Gebiet von Groß-Wien eine bedeutende Vergrößerung erfahren; große Institutionen wurden geschaffen, Um die gesteigerten Bedürfnisse und Ansprüche der Gemeindemitglieder in religiöser, kultureller, nationaler und sozialer Beziehung zu befriedigen; die verschiedenen Attacken der christlichsozialen Gemeindeverwaltung gegen jüdische Erwerbskreise, die sich namentlich, in den unteren Schichten fühlbar machten, hatten, die Knltnsgemeinde auf das bisher wenig betretene sozialpolitische Gebiet gewiesen; die Umwandlung eines bisher mehr patriarchalisch verwalteten in ein modern geleitetes Gemeinwesen wurde durchgeführt und der große sinanzielle Aufwand hatte eine einschneidende Aenderung des Gemeindestatuts notwendig gemacht. Als Dr. Stern an die Spitze der Gemeinde' trat, war Vieles noch im Werden, und es bedurfte eines klaren Kopfes und einer energischen Hand, um das während des Umwandlungsprozesses durch hochgehende Wogen wiederholt gefährdete Schiff in den sicheren Hafen zu leiten. Diese energische Hand hatte dem Präsidenten Dr. Stern, der in der ersten Zeit seiner Amtswirksamkeit einer der bestgehaßten Männer der Wiener Knltnsgemeinde war, viele Gegner erworben; als man aber sah, wie ernst er seine Pftichien. auffaßte, wie er selbst bei dem geringsten Anlasse immer auf seinem Posten stand, welche große Summe von Zeit und Arbeit er tagtäglich den Geschäften der Gemeinde widmete, wie er die widerstreitenden Meinungen und entgegengesetzten Strömungen nicht nur mit starker Hand zu meistern, sondern auch mit diplomatischer . Taktik zum Wohle der Gemeinde zu lenken verstand und wiealle Aenßerungen eines kraftvollen, bei einem so hochbetagten Manne geradezu bewunderungswürdigen Zielbewußtseins dahin gingen, die Einheit der Gemeinde zu schützen und ihre Ehre und ihr Ansehen zu wahren, da blieb auch die Anerkennung Jener nicht ans, die anfangs die straff gespannten Zügel in der Gemeindeleitung nicht billigen konnten. Von seiner gemeinderätlichen Wirksamkeit her mit den Wiener kommunalen Verhältnissen ausgezeichnet vertraut, hat Dr. Alfred Stern in glänzenden Artikeln, die er über die jeweilig aktuellen Fragen in der „Neuen Freien Presse" veröffentlichte, unermüdlich auf die gefährlichen Folgen der christlichsozialen Wirtschaft hingewiesen und seine diesbezügliche' publizistische Tätigkeit in dem vielgelesenen Blatte trug gewiß mit dazu bei, um endlich der Wiener Bevölkerung über den Wert dieser Partei die Angen zu öffnen. Seine ganze streitbare Kraft und seine volle Individualität wußte aber der Präsident Dr. Alfred Ster n einzusetzen, wenn es galt, die Rechte, der . Glanbensgenossenschaft zu verteidigen und für die Ehre des Judentums eiuznstehen. In letzterer Richtung wird es unvergeßlich bleiben, mit welch sieghafter Jmpetnosität er gelegentlich der letzten Gemeinderatswahlen sich im Wahlkampfe in der Inneren Stadt gegen jene Mandatswerber wendete, die vorher die Glaubensgemeinschaft schnöde verlassen hatten und dennoch die Kühnheit besaßen, um jüdische Stimmen zu werben. Mit jugendlicher Begeisterung stellte sich, der nahezu Achtzigjährige an die Spitze der Bewegung gegen die Ueberlänfer und als die Tempelschänder hinansgewieseu waren, ertönte es von allen Seiten: Habenras papam — wir haben einen P räsidenten! Diese jugendliche Elastizität, diese unversiegbare Arbeitskraft und diese freudige Arbeitslust, die stannensmib bewunderungswürdig ist, möge dem Präsidenten Dr. Alfred Stern noch lange erhalten bleiben! Dies ist unser aufrichtigster Wunsch zu seinem achtzigsten Geburtstage. ' . ■ Der Manderlletlet - (Schluß.) In dieser Gruppe sind neben den zahlreichen „Bocherim", die seit undenklichen Zeiten die Wanderjahre neben den Lehrjahren als Tradition betrachten, wieder sehr viele palästinensische und besonders Jerusalemer Juden vertreten. Auch die Talmudjünger sind nicht mehr ganz einwandfrei, denn ich höre vielfach erzählen, daß sie die reichen Spenden in Freudenhäusern oder in Schenken beim Kartenspiel anbringen. Ich will zur Ehre der jungen Leute annehmen, daß dies nur sehr selten vorkommt. Die Inden ans dem heiligen Land sammeln entweder für sich oder oft auch für gewisse Anstalten, wie Siechenhänser, Volksküchen, Waisenhäuser, Krankenanstalten rc. Man konnte da unlängst in den Zeitungen lesen, daß leider auch diese Wohltätigkeitsinstnte vielfach als .Schwindelobjekte benützt werden, was ich znm Teil schon erwähnt habe. Es erzählen Jerusalemer Juden, daß die Unternehmer große Bureaux erhalten und Bettelbriefe in die ganze Welt, besonders nach Amerika und nenestens nach Südafrika herausschicken, was horrend wäre, weil auf diese.Weise ganz Unwürdige den Löwenanteil der jüdischen Wohltätigkeit einheimsen würden. Kurzum, Jerusalem hat noch immer eine große Werbekrast und es ist gar kein Zweifel,, daß viele dieser arbeitsscheuen Müssiggänger Jerusalem nie gesehen haben und es nur als Nützlichkeitsgrund, für ihre Interessen auführen. . , Das größere Kontingent stellen aber hier polnische und ungarische Inden in den mittleren Jahren, die den Bettel bereits als einen Gewohnheitserwerb betreiben, . während die Frauen vielfach zu Hause ein kleines Geschäft innehaben. Ich hörte von einem' ziemlich., gut genährten und gut gekleideten Mann, daß er in -der Woche 50 Kronen znsammeNmacht, 20 Kronen schickt er nach Hause und während der Feiertage ist er bei