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Die Wahrheit · 1911-08-18 · Heft 32 (18.8.1911) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 32 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Die Wahrheit . Seite 11. Nr. 32. Der Kelfer Von Oberkantor M. A. Land a u, Wiener-Neustadt. (Fortsetzung.) Wie jeder, der das erstemal in ein fremdes, fernes Land -kommt, von Heimweh verzehrt wird, so ging es auch unserem Jossale und er empfand das Fremdartige dieser großen Stadt, dessen Bewohner keine Zeit und keine Lust hatten, jeden Fremdling anzuhören und zu bedauern, sehr schmerzlich. Ganze Nächte lag er in seinem Bodenzimmer und weinte und als seine kargen Mttel bald aufgezehrt waren lind er keine Anstellung fand, da ging er zu dem deutsch sprechenden Sekretär des Komitees Und bat ihn um Rückbeförderung nach Galizien. Der Sekretär sprach ihm Mutzu. „Glauben Sie mir, junger Mann, es ging mir auch nicht besser als-ich diese Stadt zum erstenmal betrat. Da heißt es dulden und ansharren und nicht gleich verzagen." „Aber, lieber Herr, ich leide Hunger und fühle, daß meine Kenntnisse hier nicht zu verwerten sind." „Es ist wahr, Sie werden hier auch unter den Juden -als Galiziauer einen schweren Stand haben. Merkwürdig ist es, daß auch die Pariser jüdische Welt den galizischen und russischen Einwanderern mit einem eigenartigen Vorurteil begegnet. Darin gleicht sie vollkommen den anderen Juden des Westens. Ein Taugenichts aus irgend einem anderen Lande kommt hier besser fort als einer der Besten aus dem Osten. Sie finden hier fast alle Posten von Ungarn oder Deutschen besetzt, während die Polen eine eigentümliche Gesellschaftsschen, ein unsicheres Auftreten, ein mangelndes Selbstbewnßtsein an den Tag legen und den zentnerschweren Druck, Der aus ihnen-in der H e i m a t lastet, auch in der Fremde nicht loswerdeil'können." ■ „Gibt es hier keine Galiziauer?" „Ö, genug. Aber diese werden, die ersten sein, die Ihnen .olles schwarz vormalen werden. Die ungarischen und deutschen JUden zeichnen sich in der Fremde durch eine bewundernswerte Solidarität aus. Sie werden einen der Ihrigen mit allen möglichen Mitteln nnterzubringen trachten, während die Polen, .wenn sie auch genügende Macht besitzen, für ihre Landsleute nur ein Achselzucken, ein bedauerndes Wort, aber sonst nichts, 'bereit haben." „Und was soll ich da ansangen?" / „Lernen Sie von den anderen. Sie werden hier oft Leuten begegnen, die sich zuhause durchLohnfnhr-werk, oder ganz niedrige Dienste ernährten, hier aber als Vollblutaristokraten ouftreten. Sie werden Leute finden, die in der Heimat von Unterstützungen und Kosttagen lebten, hier aber den Künstler und Philosophen spielen. Allerdings muß diese Kunst, sich in :jede Lage zu fügen, jede Situation fiU sich ansznnützen, angeboren sein. Ihnen fehlt wohl auch dieses gewisse Etwas, dieses trotzige Gefühl, das jedem Drllck Widerstand leistet, das Den Nacken immer steif und gerade hält und von niemandem krümmen läßt. Das ist jene eiserne Energie, oder anch nur ein n n b ä n d i g e r S e l b st e r h a l t u n g s t r i e b, der neidvoll federn Besseren die Spitze bietet.und ihn niederzuringen sucht. Die Polen aber pflegen sich am liebsten die eigenen Fehler v o r z u w e r f e n, anstatt wie die anderen zu lernen, a n s d e n- H'e h l e r n eine T n g e n d z u m a ch e n." „Aber warum muß ich alsJlnschuldiger darunter leiden?" „Die Unschuldigen müssen stetsfür die Schuldigen leiden, das ist wohl anch ein ungeschriebenes Gesetz, wie das Gesetz Der Schwere und der Anziehungskraft der Erde. Aber schließlich -muß sich anch die Wohlanständigkeit und die bessere Ueber- Leugung durch .das Felseugebirge. des Vorurteils einen Weg bahnen und ich werde versuchen, einen hiesigen Wohltäter für sie zu interessieren." ' L- . Nun hatte Jossale wohl einen schwächen Hoffnungsschimmer, -sehr nützliche, gute Ratschläge, aber sehr wenig für seinen brennenden Hunger und seine drückende Mutlosigkeit. ■ *;. . . .. Mögen diejenigen, die ihren ganzen Lebenszweck nur im Oenuß und in der Freude erblicken; mögen auch diejenigen, die aus Ueber- oder Unbildung den Glauben als unnütz verwerfen, darüber lachen und es als rückständig bezeichnen — es macht sich doch in gar vielen Fällen jenes merkwürdige unbekannte Etwas, jene höhere Gerechtigkeit und Vergeltung deutlich bemerkbar, wodurch ein zugefügtes Unrecht mit der verdienten Strafe gerächt wird. Hat ja schon einer der bedentendsten und hervorragendsten Talmudphilosophen, Hille l, einen Schädel, den er auf dem Wasser schwimmen sah, mit den Worten verurteilt: „Weil du ertränkt hast, hat man dich ertränkt und schließlich werden diejenigen, die dich ertränkt haben, auch ertrinken." — Jossale war schon mehr als vier Jahre in dem schönen Paris; er bediente sich bereits der französischen Sprache in einer Weise, daß nur-der ganz Gebildete in ihm den Fremden erkennen konnte. Er hatte schon lange sein etwas unbeholfenes Benehmen, das ihm anfangs sehr geschadet hatte, abgestreift und sich langsam den feinen Ton der eleganten Pariser Welt angeeignet; ja er fand sogar Eingang in manch besseres Hans und immer mehr ging ihm das leichtlebige, gewandte Franzoseutum in Fleisch und Blut über, so daß er nahe daran war, seine galizische Herkunft ganz zu vergessen. Lange hatte er sich mit ganz untergeordneten Stellungen begnügen müssen, bis ihm ein gütiges Geschick einen Posten als Vorleser bei einem alten, kränklichen Herrn in den Schoß warf. Hier wußte er sich bald beliebt zu machen und er bekam alles, was er brauchte, so daß er sich noch ein schönes Sümmchen ersparen konnte. Der Sohn des alten Mannes, der Leiter eines großen Bankhauses war, fand alt dem jungen Manu besonderen Gefallen ilnd da er schon lange plante, seinen Vater in einen ausländischen Kurort zit schicken, versprach er Jossale einen Posten im Bankhanse verschaffen zu wollen. Und so war Jossale auf dem besten Wege, ein unver- . fälschter Franzose zu bleiben und an seine Belferzeit und an seine Hungertage wie au längst Vergangenes zu denken, wenn nicht der große, nnsichtbareSchreiber des m e ll schlich e n S ch i ck s a l s b u ch e s aus d e m Konto nuferes Jossale eine ganz besondere Bemerkung gemacht h ä t t e, die seinem Leben eine ganz andere Wendung geben sollte. Eines Tages begegnete er aus einem Spaziergange einem jungen Mann in ziemlich desolatem Zustand und als ihm der Junge freudig entgegeneilte, erkannte er in ihm, zu seinem nicht geringen Erstaunen, einen Sohn Chaim Sch mul Kazew's. Die Begegnung mit einem Landsmann, dazu noch mit einem Mitglied dieses Hauses, mußte gar schmerzliche Erinnerungen in Jossale auslösen. Er wollte vieles, er wollte alles wissen. Denn wie war es möglich, daß der Sohn des reichen Chaim Schnull in einem solchen Zrtstand hieher kam? Wie blutete ihm aber das Herz, als er hören mußte, daß bald nach seiner Abreise ans Brodh, Chaim Schmul beim Niederwerfen eines Stieres so schwer verwundet wurde, daß die Aerzte keine andere Diagnose stellen konnten, als daß er schwere-innere Ver» letzlingen erlitten hätte. (Fortsetzung folgt.) Anstritte ans dem Indentnm. Deutsch Ernestine. Private, geb. 19. Juni 1371 in Neutra, XI. Kopalgasse 47. Spitzer Mathilde. Handarbenerin, geb. 22. April 1889 in Wien, XX. Trannfelsgafse 5. Eisenstädter Leopold. Ingenieur geb. 29. Mai 1877 in Wien, YT. Mariahilfergürtel 14. Viertel Angusta, Schirmerzeugerin, geb. 29. Jänner 1869. in Krakan, XVII. Ortliebg. 28. .Engelmann Otto, geb. 7. Juli 1884 in Wien, YX Mollardgasse 17. Fabri Alice, Schauspielerin geb. 18. Jänner 1887 in Wien, IX. Günthergasse 2. Wecker Helene Ernestine, Private, geb. 25. Mai 1891 in Lemberg, XIII. Salzberggasse 10. _ Justiz Frida, geb. 12. Juli 1890 in Oedenburg, XVII. Rokitauzkygaffe 39. Winter Max, geb. 18. Jänner 1892 in Wien. Rosen selb Rosalia, geb. 22. Dezember 1896 in Wien. Gott lieb Rosalie, geb. 6. Oktober 1895 in Wien. 'Frey Rebeka, geb. 17. Jänner 1896 in Wien. Schneider Fryderyk, geb. 17. März 1896 in Wien. Appel Zygsrid, geb. 6. August 1896 in Wien. Barsch Jzydor, geb. 2. November 1896 in Wien.

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