Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 31 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Oefterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Seite A. Nr. 31. Overkantor Moritz Friedmanu gestorben am 29. August 1891 zu Budapest. Zwei Dezennien werden am 29. August d. I. vollendet l'ein, seit dieser hervorragende gottesdienstliche Funktionär der .großen Budapester Knltusgemeinde zu seinen Vätern heimgegangen ist. Er gehörte zu jenen Auserwählten, die in voller -Erfassung des hehren Berufes eines Lcrbsliaob Zibbur als ävahre Priester vor Gott dem Herrn standen. - Die Schönheit und bezwingende Macht seines Vortrages war so außerordentlich, daß sie allein hinreichten, seinen Namen unsterblich zu machen. Er holte seine Wirkung nicht nur aus dem 'Reichtum an Melodien, aus dem seltenen Glanz und Wohllaut seiner Stimme, sondern auch ans der Tiefe der Empfindung, der Kraft und Wahrheit des Ausdruckes. Friedmanu besaß hervorragendes jüdisches Wissen, das er sich frühzeitig durch ernste Studien ans den Jeschibot zu Ujhely, 'Papa, Dentschkreuz und Preßburg ungeeignet hatte. Zuerst wirkte er in.Deutschkreuz als Religionslehrer und Unterkantor <an der Seite des berühmten Chasan Rllben Gold mark, dem Rater des großen Komponisten Goldmark. Im Hanse Goldinarks liebevoll verkehrend, führte er die Tochter Johanna Goldmark als Gattin heim. Im Jahre 1848 wurde Friedmanu Religionslehrer und .Kantor in Oedenburg, doch wurde diese Tätigkeit durch die damaligen kriegerischen Zeiten unterbrochen und machte er mit -den Honveds den Landsturm mit. Sein rastloses Streben, sowohl im Gesänge als auch in der Musik Vollkommenheit zu erlangen, veranlaßten Friedmann mach Wien zu gehen, wo er gleichzeitig Gelegenheit hatte, der unvergleichlichen Kunst des großen Salomvn Sulzer zu lauschen und unter dem Einflüsse des Begründers und Altmeisters des modernen Synagvgeugesauges zur vollsten Reife .zu gedeihen. Nach kurzer Lehrzeit wurde Friedmanu als Religionslehrer und Kantor in Fünfhaus gewühlt. Der Vorsteher der Wiener Jsraelitengemeinde und der verdienstvolle Prediger Mannheimer waren diesem wackeren Manne sehr gewogen, und als im Jahre 1857 der neue Tempel der Wiener Gemeinde der. Vollendung nahe war, wurde Friedmann als Kantor für denselben iu Aussicht genommen. Der Budapester Jsraeliten- ..gemeiude gelang es jedoch. Friedmanu zu gewinnen, und als -ervon Budapest nach Wien zurückkehrte, empfing ihn der damalige Vorsteher Josef Ritter von Werth e i mer mit den Worten: „Ich gratuliere Ihnen und kondoliere uns." Oberkantor Friedmanu wirkte 34 Jahre in Budapest, geliebt, geschätzt von seiner Gemeinde, verehrt und anerkannt 'von seinen Fachgenosfen und seiner Bedeutung entsprechend auch won den staatlichen Faktoren vielfach gewürdigt. Der Tag seiner 'Beerdigung war ein Trauertag der ungarischen Landeshauptstadt und sämtliche Behörden waren bei seinem Leichenbegängnisse -vertreten. . , Friedmanu war auch schriftstellerisch hervorragend tätig, -unter anderem in der „Neuzeit," „Ben Chauanja," „Karmel." den „Wiener Mitteilungen'- und der „Illustrierten Judenzeitung." Sein Wirken ziert eines der. schönsten Blätter des Kantorates und der ungarischen Judenheit und so ziemt es sich, an seinem 20. Todestage ein Reis pietätvoller Erinnernng ans fein Grab zu legen. Luhatschowitz im August 1911. Albert Löw. Der Kelter. Von Oberkautor M. A. L a n d a u, Wiener-Neustadt. (Fortsetzung.) Beim Abmarsch zur Abfahrt des ersten Emigrantenznges wurde eine große blaue Fahne mit der hebräischen Aufschrift 101a ma vorangetragen. Dreiundzwanzig Wagen voll gepfropft mit . unglücklichen aus ihrer Heimat fliehenden Männern, Frauen und Kindern standen am Geleise des Brodyer Bahnhofes bereit, weit nach Westen zu rollen, als plötzlich ein bildschöner, schlanker Student aus Kischinew aus seinem Coups sprang und mit weithin vernehmbarer Stimme seinen Landsleuten die Worte znrief: „Urnipne chatuenu golinu mearzenu — Unserer eigenen Fehler halber müssen wir unsere teuere Heimat verlassen! Ja, unser größter Fehler ist es, daß wir fremde Politik treiben, anstatt daß wir uns mit unserem Wohl und Wehe befassen. Wir Juden m it s s e n alle m a ch e n l a s s e n, w a s sie wolle n, wir d ü r f e n niemandem blinde Gefolgschaft leisten, sondern wir müssen vor allem I u d e u bleibe n, u u d uns u m unser eigenes Schicksal kn m in e r lt! Jnsolange wir aber dies nicht befolgen, haben wir nirgends eine bessere Behandlung zu erwarten! Unsere Männer haben nichts auf den Rennplätzen und unter den Kulifseu, unsere Frauen nichts in den ch ri stl i ch e n D a m e n k o m i t e e s und in den obambrss 86parss8 z u f u ch e n! U n s e r P l a tz i ft b e i n n s u n d lt n t e r n n s, i n n u s e r e m Ha n s e u n d i n u n sere m Kreise! Befolgen wir diese Regel auf dem neuen Boden, den wir mit Gottes Hilfe bald betreten werden, und die Parole, die wir auf unsere Fahne geschrieben haben, wird sich bewahrheiten: Wir werden Kinder des ewigen Gottes ewig bleiben!" Ein lautes Schluchzen wie ans einer Kehle und vom Herzen kommende zustimmeude Rufe wurden als Antwort auf diese noch nicht verklungenen Worte vernommen. Das Bild war eines der herzzerreißendsten, das ein Menschenauge in fremdem Unglück je geschaut und wer weiß, wie lange dieses schreckliche Schauspiel noch gedauert hätte, hätte der Stationschef nicht das Zeichen zur Abfahrt gegeben. Lange winkte man sich mit den Händen und Tüchern Lebewohl zu, bis der Zug mit den Unglücklichen den Blicken entschwunden war. Als Aufseher dieses Zuges sehen wir auf dem Trittbrett des ersten Wagens mit einer Ledertasche und einem Verzeichnis aller Insassen versehen, auch uusere.n Jossale Bels er mitfahren. In seinem Schreck und in seiner großen Verzweiflung, Keilekönnte ihre ausgestoßene Drohung zur Tat werden lassen, lief Jossale zu einem seiner Gönner, der ihn in einem Briefe dem edeldenkenden Netter warm auempfahl. Netter erfuhr auch mit großem Staunen den ihm ganz unverständlichen Vorgang, daß ein noch nicht neunzehn Jahre alter Jüngling, trotz schlechter Entwicklung, assentiert werden solle, weil eine ihm nicht gut gesinnte Frau es wünsche. Er überlegte jedoch nicht lange — überdies schien Jossale auf ihn den besten Eindruck gemacht zu haben — und bestimmte ihn als Aufseher über einen Teil des Zuges, der nach Paris dirigiert wurde. Paris ist eine schöne, ungemein große, imponierend wirkende Stadt, die dem vollen Magen und dem frohen Gemüte gar viele Ueberraschungen zu bieten imstande ist. Paris! Wer würde diese glitzernde, gleißende, lärmende, surrende Stadt nicht wenigstens einen Tag lang sehen wallen! Wer aber in die Lage kommt, diese vornehme Modestadt mit leerem Magen und dem traurigen Bewußtsein der Armut und Hilflosigkeit kennen zu lernen, der wird es gar bald schmerzlich empfinden, daß diese Stadt nicht für jedermann ein Paradies, sondern nur zu oft gerade das Gegenteil bedeutet. — So mußte auch Jossale, der zwar vom Hilfskomitee eine kleine Unterstützung erhielt, gar bald am eigenen Leibe fühlen, daß dieses Eldorado der Lebewelt für Leute mit gefüllten Taschen, nicht aber für seinesgleichem geschaffen wurde. Denn um Hunger zu leiden und sorgenvoll in die Znknnst zu schauen, muß man nicht gerade mit vielen Strapazen nach Paris reisen. Das eine aber fühlte er doch, daß es hier mehr Lebensmöglichkeiten gab als anderswo, wenn man nur rührig, findig und anstellig sein konnte. Unüberwindliche Schwierigkeiten türmten sich da plötzlich vor ihm auf und nie geahnte Dinge schienen ihm hindernd in den Weg zu treten. Vor allem mußte er mit Schmerz bemerken, daß ihn sein alter „Meidinger" gar schnöde im Stiche ließ; denn sein Französisch verstand niemand und er verstand auch die Leute nicht. (Fortsetzung folgt.)