Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 30 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Nr. 30. Der Keifer. Von Oberkantor M. A. L a n d a u, Wiener-Neustadt. (Fortsetzung.) Das öftere Beisammensein der jungen Leute begann wie ivunderbar ganz zarte Fäden zu spinnen, die von einem Herzen Lum anderen gingen und gar bald drohten diese Fäden sich zu einem festen Bande zn verdichten, denn nun war das Zittern und Bangen nicht so sehr ans Seite Jossales als auf Seite Blumes, die das tägliche Erscheinen des jungen Mannes mit stets wachsender Ungeduld erwartete. Das aber konnte nicht in der Absicht der Eltern gelegen sein,- die ihr Kind für etwas Besseres als für einen armen Belfer bestimmt hatten. Und als Keile mit ihrem Fraueuauge die unliebsame Veränderung im Wesen ihres Kindes bemerkte, daß das Mädchen nämlich in Jossales Gegenwart liebenswürdig, .aufmerksam und willig, in seiner Abwesenheit aber tranmverloren, nervös und leicht erregbar war, da machte sie ihren Mann daraus ansmerksam und beide beschlossen, diesen frechen Belfer, der ihr gutes Kind belört hatte, schon am nächsten Tage hinaus- .znwersen. Nein, nicht ganz glatt sollte er davonkommen, wozu war denn Chaim Schmul eine einflußreiche Persönlichkeit? Der .Kerl sollte für seine Unverschämtheit noch eine empfindliche Strafe erdulden. Am nächsten Abend ging unser Jossale nichts Böses .ahnend und frohen Mutes zu Blume. Wieder war einer jener „Knnstabende" im reichen Hanse Chaim Schmuls angesagt und .der arme Jossale durfte hoffen, der illüstren Gesellschaft als -Gast des Hauses zugezogen zu werden. Wie erschien ihm nun sein eitler Traum so nah, so greifbar! Ja, es gibt doch einen 'Gott, der sich der Elenden annimmt! So dachte er und der 'Traum begann vor seinem geistigen Auge wie ein lebendes Bild aüfzntauchem Warum sollte er nicht ^die Gelegenheit benützen und der schönen Blume sein Herz ausschütten, wie er es im Träume tun wollte? Nein, nicht länger sollte er seine heißen -Gefühle bei sich behalten. Heute im großen Saale, im großen Gewühle mußte sich ja ein Moment erhaschen lassen, wo er mit ihr allein in einem stillen Winkel - plaudern könnte. Ja, heute soll sie alles erfahren, was er so lange im stillen Kämmerchen -seines Herzens verborgen hielt. Heute wollte er ihr seine Liebe .offenbaren. Und da stand er schon in der Küche der zorngeröteten Keile gegenüber. Ein Wortgewitter, wie es nur ans dem Munde einer Fleischergattin kommen kann, empfing den Armen und wie von einem'Steinregen übergossen, zitternd und bebend, keines Wortes mächtig, blickte er die Rasende an. Was war denn das? Zum zweitenmal sah er sich von seiner regen 'Phantasie schnöde betrogen. Ahnungslos stand er, der noch gestern wie ein Kind des Hauses behandelt wurde, diesem Wortschwall gegenüber und als er eine kleine Pause erhaschen konnte, fragte er, was denn eigentlich vorgefallen sei. Da aber kannte der Zorn der Wütenden keine Grenzen .-mehr und in ironisch-beißendem Spotte fuhr sie auf ihn los: „Weißt du gar nichts, du frecher Bettelbub? Bist du wielleicht ganz unschuldig, du abgeschlissener Haderlnmp! Anstatt dankbar zu sein, daß mau dich ins Hans gelassen, daß man dich ausgefüttert, stellst du dich noch blöd und möchtest gar deine niedrige Handlungsweise leugnen. Vielleicht willst gar d u Hen Gekränkten spielen? Unsere gottverdammte Nachsicht hat so einen hergelaufenen Belfer zn unserem Kinde hereingelasseu, dem -so ein Kerl nicht einmal das Fnßwasser zn reichen würdig ist, und das ist der Dank! Was hast du ihr angetan, daß sie ganz -verändert ist? Hast du sie durch die alte Schusterin verzaubern lassen? Schweig!“- Sie schnitt dem armen, zitternden, jungen Mann jede -Gegenrede ab und mit einem Ersiicknngsschrei rief sie nach ihrem -Mann. „Chaim Schmul," schrie sie, „hörst du! Der Kerl muß sofort zu den Soldaten gesteckt werden! Soldat muß er werden, chörst du! Und wenn er ganz untauglich wäre! Ich sage dir, führ' ihn noch morgen hin, denn sonst geschieht etwas!" ,- Seite 0. Jossale hatte sich schon längst hinausgeschlichen und sein Schmerz trieb ihn ohne Ruh, ohne Rast weil, weit weg.- Und von einem Fenster des Hauses blickten ihm zwei nasse Augen lange nach.—'— Mit einem groben Griff hatte da ein böses Weib die zarten Fäden zerrissen. Aber die rohe Kraft war nicht groß genug, alle Fäden zu zerstören. N o ch b l i e b ein s ch w a che s Aederchen zurück, das stark genug war, den elektrisch e n Funken der L ieb e über Berge uud Tä ler, über Flüsse und Meere unauslöschlich fortz u l e i t e n. Drittes Kapitel. In Kiew und I e l i s s a w e t g r a d sind die Generalgouverneure auf den Balkonen ihrer Residenzen gestanden und haben mit lautem Lachen dem entsetzlichen Treiben der betrunkenen, entmenschten Horde zugesehen. In Kiew haben junge, russische Kavaliere in der Wohnung des Fabrikanten Bro dski die Spiegel zerstampft, die Möbel zerbrochen, die luxuriösen, teueren Decken und Vorhänge zerrissen und beschmutzt, die Töchter wie die letzten Mägde behandelt. In Jelissawetgrad wurden Frauen aus den besten Häusern vor den Augen ihrer verzweifelten Männer in der brutalsten Weise geplagt und gemartert und im Falle der Gegenwehr ermordet. In C h a r k o w und in B e r d i t f ch e w wurden infolge des bewaffneten Widerstandes der jüdischen Jugend förmliche Blutbäder angerichtet. Die Schreckenskunde von diesen russischen Greueln verbreitete sich wie ein Lauffeuer über ganz Europa und brachte jedes menschlich fühlende Herz in Wallung. In Brody als dem geeignetsten Punkte für eine Rettungsaktion konstituierte sich ein Lokalkomitee. Es wurde auch nach Wien und Paris an die Alliance über die getroffenen Rettungsanstalteu telegraphiert und die Alliance in Paris entsendete die Herren Netter, der später während der Arbeit für seine un» glücklichen Brüder im Orient so jäh dahingerafft wurde, und Dr. Saphir; die Alliance in Wien, die Herren Dr. Alfred Stern, später Präsident der Kultnsgemeinde Wien, und Kammerrat Singer. Damals tauchte auch zum erstenmal ein neuer, bis dahin ganz unbekannter, aber von da ab auf dem jüdische n Himmel inte n s i v leuchtender Stern in der Person des Baron Moritz Hirsch auf. der seinen Almosenier Veneziani mit allen Vollmachten ausgestattet nach Brody entsandte. Der große Komplex der gewesenen Spiuufabrik wurde sofort augekauft und nach wenigen Wochen kampierten in Brody zwanzigtausend russisch-jüdische Opfer, die mit noch frisch blutenden Wunden und halb nackt vor der vielgepriesenen ch r i st l i ch e u N ä ch st e u l i e b e geflohen waren, um der Richtung des freien amerikanischen Himmels zuzustenern. (Fortsetzung folgt.) Austritte ans dem Judentum. Gern groß Elisabeth, geb. 20. Mai 1839 in Wieir. Hadersdorf- Weidlingau. Freund Leopold, Baupolier, geb. 14. Jänner 1878 in Unterkrolowitz. HL Erdbergerstraße 174. Fuchs Leo, Kaufmann, geb. 28. Juni 1884 in Wien. EL Nußdorfer» straße 34. Goldstern Hedwig, geb. 3. Mai 1879 in Preßbnrg. EL Porzellan - gasse 52. Weenen Katharina von, Gesangsnnd Sprachlebrerin, geb. 28. MärA 1859 in Amsterdam (Holland). EL Alserstraße 10. Richter Verschon, Photograph, geb. 20. November 1874 in Wieky oczy (Galizien). XX. Treustraße 66. Thab Hinde Taube. Private, geb. 18. September 1881 in Braila (Rumänien). IX. Vereinsgaffe 4. Weißberger Franz. Buchhalter, geb. 4. Juni 1886 in Wien. H Porzellangaffe 24 a. Himmelreich Mathilde, Hilfsarbeiterin, geb. 28. September 1883 in Perchtoldsdorf. XX. Karajangaffe 27. Edelstein Mauritius, geb. 20. November 1882 in Wien. Laut Zuschrift des Pfarramtes Magyarfalo all 25. Juli 1911, Z. 184.