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Die Wahrheit · 1911-08-04 · Heft 30 (4.8.1911) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 30 (4.8.1911)
Date
1911-08-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion iwb Administration: Wien, II/, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VIII. Administration 4938/11. ft. k öftere. Nostsparkassa» Schect-Koino Nr. 100.918. Jllferate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnementsmtb Jniertionsbetröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Anabhängige Seitfchnft für jüöifchl Interesse«. Krscheinl jeden Areilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: ^anzlährig.K 14.— Halbiähria.K 7.— Für SfitOiivbeuiitte: tMiinjiiäDviii.K IO — Für Ausland: <Ä»„zlävria.8 Mark 6 Mittel oder t*i Frc» Ar BO. Wien, 4. August Inhalt: Aus der Woche. — Jewish Colonisation Association. — Die Inden und das Wirtschastsleben. — Der Erwerbssinn Richard Wagners. — Verschiedene Nachrichten. — Der Belfer. — Austritte aus dem Judentume. - Ans der Woche. Man hätte glauben sollen, daß bei der Debatte über das Drvhobyczer Blutbad ein Sturm der Entrüstung durch das österreichische Abgeordnetenhaus toben werde, der dafür Zeugnis ablegt, daß in diesem Hause der Gesetzgebung Gewalt und Unrecht, und wenn es auch dem geringsten der Staatsbürger zugefügt wird, nicht geduldet werden kann. Allerdings, läge Drohobycz nicht in Galizien und wäre czechisches oder deutschnationales Blut vergossen worden, dann wären die hohen-Säulenhallen des Abgeordnetenhauses erzittert von den Rufen nach Sühne der schrecklichen Ereignisse. So aber handelte es sich nur um ein paar Dutzend lumpiger polnischer Juden. Wozu denn also ein überflüssiges Echanffement? Nur in schwach gemessenen Dosen wurde die Affaire Drohobycz vor das Haus gebracht, damit ja nicht die Gemüter durch die Schilderung der unerhörten Gewaltakte allzusehr erhitzt werden, und zum Schlüsse der zahmste der Dringlichkeitsanträge angenommen, der die Regierung auffordert, die Schuldigen zu ermitteln und zu bestrafen, die Opfer zu entschädigen und über das Ergebnis der Untersuchung dem Hause Bericht zu erstatten. Bis das Haus wieder .Zusammentritt, wird längst schon Gras über dre ganze Sache gewachsen sein und es wird eben nur paar verelendete jüdische Familien mehr in Galizien geben. * * * . Angesichts solch betrübender Erscheinungen freut es uns umsomehr, auf einen Lichtblick hinzuweisen, den die zu gleicher Zeit im österr. Abgeordnetenhause zur Verhandlung gestellten Bankvorlagen boten. Zum Referenten über diese umfangreiche, nicht nur schwierige volkswirtschaftliche und finanztechnische Materialien umfassende, sondern auch unsere geldwirtschaftlichen Verhältnisse zu Ungarn regelnde Gesetzesvorlage wurde ein jüdischer Abgeordneter, und zwar Hofrat Camill Kur an da, bestellt.' Daß die Fähigkeiten eines jüdischen Abgeordneten vom Hause so hoch geschätzt werden, und daß derselbe die ihm übertragene, ehrenvolle Aufgabe in so glänzender Weise löste, das kann uns Juden nur zu vollster Genugtuung dienen. * Daß der freiheitliche Sinn der „freiheitlichen" Tschechen ebensowenig waschecht, wie der Deutschnationalen, ist, ist durch folgende von der Prager „Selbstwehr" mitgeteilte Tatsache neuerdings bestätigt worden: Herr Dr. K r a m a r, der Führer der „freiheitlichen" Tschechen, der sich schon durch den Abschluß des Wahlkartells mit den Klofaoianeru, das allerdings dem Tschechenklub ein paar Mandate eintrug, so arg blamierte, ist jetzt nach Mähren ge fahren, um dort über die bösen Tschechischsortschrittlicheu Straf gericht zu halten, weil diese durch ihr Wahlkompromiß mit den Sozialdemokraten die Tschechischklerikalen in Mahren zu Fall gebracht haben. Es hat sich hier wieder einmal der prachtvolle Freisinn der jungtschechischeu Partei im schönsten Lichte gezeigt. Dieses Stückchen wird nur noch übertroffen von dem wüsten Geschrei der christlichsozialklerikalen Agitatoren im „Deutschnationalen Verband." Wie die Herren Führer. Chiari und seine Leute, sich mit kläglichen Eifer bemühten, den Chriftlichfozialen in Wien mit Hilfe der Deutsch „freiheitlichen" die Mandate zu erhalten, steht noch in frischer Erinnerung und wird, hoffentlich, nicht so bald vergessen werden. Die Freiheitlichen zittern für die Mandate der Klerikalen. Den nationalen Herren sind eben die Klerikalen, weil sie reaktionär und antisemitisch sind, lieber als jeder nur ein bißchen wirklich frei Denkende, der in ihren Reihen natürlich keinen Platz hat. Wir können uns um-undumwenden: hie Deutsche, hie Tschechen; die Wahl wird einem schwer. Aus diesen Säulen steht das österreichische Parlament. Armes Parlament! Armes Oesterreich! # * * In Krakau, hat folgende überaus häßliche Taufgeschichte unliebsames Aufsehen erregt: Der frühere Präsident der Krakauer Kultnsgemeinde, kais. Rat Albert Mendels bürg, der am vorigen Samstag im Alter von 83 Jahren starb, wurde allem Anschein nach einen Tag vor seinem Tode von seinen eigenen Kindern, von denen zwei bereits früher die Taufe genommen hatten, dem katholischen Glauben zugeführt. Die jüdische Gemeinde erfuhr es erst nach dem Tode des Exvorstehers, als die katholische Geistlichkeit Anspruch auf die Leiche machte und sie mit allem Pomp der Kirche auf dem christlichen Friedhöfe bestattete. Albert Mendelsbnrg stammt ans einer uralten angesehenen jüdischen Familie und hatte es als reicher Bankier zu verschiedenen Würden und Ehrenstellen gebracht. Er war lange Jahre Präsident der Krakauer neologen Kultusgemeinde; als solcher erhielt er verschiedene kaiserliche Auszeichnungen, und als solcher wurde er auch in einer Legislaturperiode ins österreichische Parlament gewählt. Einer seiner Söhne, der in Staatsdiensten steht, hatte vor mehreren Jahren die Taufe genommen. Dieser Fall verursachte in Krakau solche Erregung, daß Mendelsburg damals seine Präsidentenstelle in der Kultnsgemeinde niederlegen mußte. Bald darauf taufte sich ein zweiter Sohn, und jetzt nach dem Tode des Vaters folgte auch der dritte Sohn und die zweite Frau Mendelsburgs den übrigen Mitgliedern der Familie in

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