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Die Wahrheit · 1911-05-26 · Heft 20 (26.5.1911) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 20 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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fe*. 20. . -. , - . - -Äe Wahrheit..... iSeite 9. Ktteratrtr. Ost und West Heft 5. Äai 1911. 11. Jahrgang. Inhalt: "Wir , nnd nnsere Lehre. Bon Lector. Der Strich (TscherrL). Von Paul 'Barchan. Stanislaw Bender (mit7Illustrationen). -Bon Karl Schwarz. -Einiges über Auffassung von Würden-und Ehren nn Judentum. Bon Dr. 'Max Steif. Präsident Diaz und die Inden. Mexiko, das gelobte Land. Im Lande Spinozas. Ein Nachtrag. (Mit 6 Illustrationen.) Bon, Ernst Ältkirch. Kann ich Lea heiraten? Von Bruno Le ss in g. Jüdische Kunst in Palästina (mit 4 Illustrationen). Bon Adolf F r i e d e m a n n. Mittel l ungen aus dem Deutsch e n B u r e au der-'Ä lI1 a u ce I s r a ö l i t e U n i v e r s e ll e : Die zehnte ordenrliche Tagung der Deutschen .Konferenzgeineinschaft, der. Alliance Jicaetite Universelle. Die Alliance- Expedition nach deinen (Schluß). Notizen: Marokko. Jemenitische Einwanderung in Aegypten. Jiaak Weeg-Kreuznach. Lokal-Komitee Frankfurt a. M. Verzeichnis der im Monat März bei dem Deutschen Bureau eingegangenen Beiträge und Spenden. Schach. Dr. Emanuel Lasker. -Literarische Rundschau. * ght Apikores. Von Babette Fried, Prag. " (Förtsetznng.) - „Ft'agen wir den Totengräber'. Er mrlß wissen, wer heute -.hier gewesen.". „Du hast recht wie immer. Gehen wir zu ihm." , Der Totengräber wußte nur so viel zu sagen, daß eine fremde, in liefe Trauer gehüllte Dame iw der Frühe hergekommen sei und nach dem Grabe Doktor Friedländers gefragt habe. Sie hatte den Totengräber beauftragt, noch heute das -Grab mit Blumen zu bepflanzen. Sie werde morgen früh uachschanen kommen. ' Andern Tages verließ der Doktor zeitlich sein Zimmer, um hinaus auf den gnten Ort zu gehen. Das Pförtchen, welches hinausführte, war lrotz der frühen Tagesstunde schon geöffnet. -Er trat ein. Ein Blick auf das Grab, das er anfsnchen wollte, .zeigte ihM> daß die Dame in Trauer schon daselbst weilte und knieend im Gebete versunken war. Er näherte sich leise, um die Betende nicht zu stören und blieb hinter ihrem Bücken in angemessener Entfernung stehen. . Der lange, weite Tranerschleier, welcher die ganze Gestalt der Fremden wie ein Mantel einhüllte, ließ nicht erkennen, ob die Dame jung oder alt sei. Er brauchte llicht lange warten, denn bald nach seinem Eintreffen erhob sich die Dame, und sich fromm bekreuzend, wandte sie sich um, im Begrffe, den Friedhof ,zu verlassen. Da erblickte sie den Doktor, der hinter ihr stand. „Um Gott, Herr Doktor, wie kommen Sie hieher? Auch er hatte sie trotz des verhüllenden Schleiers sofort erkannt. „Ich bin in Meiner Heimat. Aber was führt Sie hieher, in diese fremde Stadt, auf den jüdischen Gottesacker, zu diesem -Grabes Sie, die Christin? „Es ist das Grab meines Gatten. Ich habe nach seinem jetzigen Wohnorte gesncht, bis'mich endlich eine Spur hieherwies. Ich kam um seine Nerzeihnng zu erflehen, um mein Kind zu sehen und zu küssen — nnd fand ein Grab."- „Und ihr Kind, wo ist es? frug der Doktor scheinbar .unbefangen. „Wissen Sie, wo es sich befindet?" „Man nannte mir eine Lehrerin, welche sich nach Friedländers Tode des verwaisten Kindes angenommen, bei welcher -es sich noch befindet. Ich wollte eben zu ihr gehen nnd ihr meinen Dank ansznsprechen, und Mein Kind sehen." „Und dann? „Mein Gott, weiß ich denn, was dann mit mir geschieht? Ich weiß, daß mein verstorbener Gatte durch eine Versicherung sür meine Zukilnft gesorgt hat. Ob er nach meiner Flucht-die Prämie weiter gezahlt hat. weiß ich nicht. Ist dies der Fall gewesen, so kann ich mein Kind zu mir nehmen, und irgendwo in der Verborgenheit, wo ilns niemand kennt, ihm Und seiner Erziehung leben. Wennnicht, so Muß ich das abenteuerliche Leben : von neuem aufnehmen, ohne mich meinem Kinde widmen .zu können. „Ihr Gatte hat edler an Ihnen gehandelt, als Sie es um ihn verdient haben. Die Versicherung ist durch die regelmäßigen. Einzahlungen, die . er sich, öftersau seinem Munde abgespart haben mochte^ aufrecht geblieben, und das Kapital -erliegt bei der Obervormnndschaft. Ich werde ihnen behilflich sein, die regelmäßige Auszählung von dessen Zinsen zu erlangen. Jetzt kommen Sie mit mir, Frau Irma!" „Wohin?" frag sie ängstlich.. „Zur Pflegemutter Ihres Sohnes." „Sie kennen sie?" -■ "> ..Ja-" „Wis ist sie? Wird sie mich nicht verstoßen, verdammen?" j,Das Recht dazu hätte sie. Aber wir werden ja sehen?" Während des Weges in die Stadt und weiter in die am entgegengesetzten Ende derselben gelegenen Vorstadt, woselbst die Lehrerin wohnte, wurde zwischen den beiden kein Wort gewechselt. Irma wagte es nicht, an ihren Begleiter ein Wort zu. richten. Sie fühlte sich schuldbewußt. Zwar war dies auch wahrend der gemeinsam znrückgelegten Reise der Fall gewesen, aber damals hatte sie fest daran geglaubt, daß sie zu ihrem Manne znrückkehren, und von ihm in Gnaden ausgenommen werde, und sie betrachtete sich im vorhinein als entsühnt Nun. da diese Hoffnung zu nichte geworden war, fühlte sie sich vou der Last des Schuldbewnßtseins niedergedrückt. Der Doktor aber kämpfte einen schweren inneren Kampf. Er fühlte sich jetzt als Pflegevater Leos zu Vorwürfen gegen dessen unwürdige Mutter vollberechtigt. Doch konnte er ein Gefühl des Mitleids gegen die unglückliche Frau nicht unter-- drücken. Da raffte er sich zu der Frage ans, die ihm den ganzen Morgen, seit er wußte, wer eigentlich seine ehemalige Reise--' gefährtin sei, auf beit Lippen schwebte. „Der verewigte Doktor Friedländer war ein Jude, als -solchen hat er auch sein Kind erzogen. Sie sind keine Jüdin« Auch keine getaufte, wenn mich nicht alles trügt. Wie kommt das? „Ich war Katholikin, als ich meinen nachherigen Gatten kennen lernte. Er wollte seiner damals noch lebenden Mutter' das Herzeleid nicht antun, eine Christin zu heiraten, darum ■ habe ich mich entschlossen, eine Jüdin zu werden." „Sv leicht ist Ihnen der Entschluß geworden? „Das will ich gerade nicht sagen. Es ist mir bisweilen sehr hart geworden. Aber was tut man nicht einer guten Versorgung wegen." „Sie haben also Ihren Gatten nicht geliebt?" „Hütte ich ihn denn verlassen, wenn ich ihn geliebt hätte." „Aber Ihr Kind. Irma? Eine Mutter hat ja ihr Kind lieb, selbst wenn sie für den Vater desselben keine zärtlichen Gefühle hegt. „Mein Kind war mir damals nur ein Judeubnb,. der 'mich daran hinderte, zu meinem früheren Glauben, an dem ich mit Liebe hing, zurückznkehren." Ein nicht zu überwiitdeuder Ekel hatte den Doktor beim Anhören dieses Geständnisses erfaßt. Er wandte sich ab, um. keine gereizte Antwort geben zu müssen. Die Frau an seiner Seite mochte seine Gedanken erraten haben, denn sie sprach wie entschuldigend weiter: „Wundert Sie dieses Geständnis, Herr Doktor? Da haben Sie gewiß noch mit keinem Konvertiten gesprochen. Ebenso wenig, wie jemals ein Jude die Taufe ans Ueberzeugitng angenommen hat, so ist noch niemals eine Frau ans Liebe zum'Jndeutume in dieses eingetreten. Immer geschah es einer Heirat wegen. Entweder ans Liebe zu einem Inden, oder wie in meinem Falle einer guten Versorgung wegen, oder auch aus einem anderen egoistischen Grunde —niemals aber ans Ueberzengung. Es kann ja nicht anders sein. Denn erst nachdem man den Entschluß gefaßt hat, Jüdin zu werden, empfängt man den eigentlichen Religionsunterricht. Das war auch bei mir der Fall. Ich gebe gerne zu, daß die jüdische Religion etwas Würdiges, ja Erhabenes an sich bat, aber der Gedanke ferner der bis vor kurzem auch von mir verachteten jüdischen Nation anzngehören. hat mich so verstimmt, daß die erhabenen Grundsätze der Religion bei mir zu keiner vollen Wirkung kamen. „Du wirst jetzt eine Jüdin", sagte ich mir schaudernd, „und so ergeht es vermutlich jedem, der sich in meiner Lage befindet." Der Doktor blickte sie forschend an. ,>Jhre Aufrichtigkeit macht Ihnen alle Ehre, Frau Irma! Aber wissen Sie auch, zu wem Sie so sprechen, daß auch ich zu der von Ihnen verachteten Nation angehöre? (Forts, folgt.)

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