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Die Wahrheit · 1911-04-28 · Heft 16 (28.4.1911) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 16 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 16. Oesterr.-ttngar. Kantoreu-Zeitttug '_Seite 11. Erotische Synayogenmnstk. In der beängstigend großen Anzahl neuer Synagogen- Inusik-Werke, die uns in den letzten Jahren zur. Ansicht oder Begutachtung zuging, konnten wir ganz verschiedene Spezies unterscheiden. Da gibt es beispielsweise eine stattliche Reihe von Autoren, die geflissentlich unser ständiges Interesse erregen und erhalten wollen, ohne durch Kunst oder Originalität ihrer Werke hiezu irgendwie berechtigt zu sein; der Schacht ihres Wissens ist nicht allzutief — bei Licht besehen, Nachtreterei verblaßter Vorbilder, mit alleil Schwächen, doch keinem. Vorzüge derselben. Eine andere Gattung von Kompositenren aber prätendiert ans unseren Beifall anscheinend gar nicht, sie larbeiten in ihrer individuellen musikalischen Anlage, vollkommen unabhängig von alll dem, was schon da war,, und erhalten ihre.Schöpfungen' somit in ungetrübtester Wahrheit. Wer für diese Komponisten, die nach keinerlei Schablone gehen, Interesse hat, wer der Synagogenmnsik einen künstlerischen Fortschritt überhaupt gönnt, wird für die folgende Besprechung der geeignete Leser sein. Wir begeben uns heute ausschließlich in fremde Lande und ftndeu dort sehr beachtenswerte, exzeptionelle Formen der Synagogenmnsik. die in ihrer Anlage nicht ynr durch jüdische Tradition, sondern auch dllrch die wechselnde Stimmung des Landes ihrer Entstehung befruchtet erscheinen und ein Ergebnis von aller Art Gefühlseinflüssen und damit parallelgehender musikalischer Ressexion bilden. Es liegt uns ferne, unnützen Weihrauch zu spenden, anchcsoll von einem Idealisieren hier keine' Rede sein, doch drängt es'uns, beim Anblicke und Studium all dieser Werke ans weit Entfernten Landen, anch das Leben und amtliche Wirken dieser Komponisten zu erforschen, zu erfahren, in welchen Stimmungen, ans welchen Anlässen, unter welchen .Kämpfen diese Werke entstanden sind, so versuchen wir den Schöpfer und seine Werke uns geistig näher zu rücken. In Rostow am Don wirkt seit Jahren Elieser Gero wi t s ch als erster Vorbeter der großen jüdischen Gemeinde, ein russischer pn, der in seinem Werke nbsh '“vfr ' eigene Wege geht, nichts von dem leeren Pathos der Melodie, nichts von den unnötigen, in allen Steigern wild^ umherirrenden Me.lismen nnd Fioritnren seiner Landsleute hat und doch so wahrhaft -,,jüdisch" wirkt; den poetischen Schwung, die Grazie-nnd Inbrunst seiner Melodie haben wir ebenso bewundert wie den vierstimmigen Satz, der in formaler Rundung und Plastik dem besten an die Seite gestellt werden darf; dies gilt. besonders für den überaus wirkungsvollen, großangelegten spn njrm. Ein Sohn des. rauhen Nordens, in enMAtmospäre ausgewachsen, die durch ein ungesund gesteigertesMusikleben noch nicht übersättigt war, stellt sich A. B.^ Birnbaum. erster Vertreter der neuen Synagoge zu Czenstochau, vermöge der Matnrkraft seines Empfindens und seiner Erfindung als eine wahrhafterfrischende Erscheinung dar. Seine gediegene musikalische, wie humanistische Bildung ringt uns eine umso höhere Achtung ab, als sie das Ergebnis einer rein autodidaktischen unermüdlichen Arbeit ist; die individuelle Anlage des Birnbaumschen Werkes riivnn rivvdr scheint sich voll demDüsteren. Schmerzlichen znzuueigen, es finden sich überzeugende Ausdruckmittel für die in der Seele des Komponisten entstandenen Bilder; die meisten Chorstellen bringen eine gute Vorstellungsgnbe für die äußere Klangwirkung gewisser rhythmisch kontrastierender Wechselbewegnngen, ferner blühende Phantasie und tiefste Versenkung in das Gebet — Wort. Daß Birnbaum die Steiger gründlich kennt, beweist sein.->22? mvn mit der so meisterhaft gesetzten Choxstelle pn \“t; weshalb er aber den nvriV'-Steiger bezüglich der Vorzeichnuug im ttnn -na verlängnet, ist unerfindlich, ^zumal die Piece reine D änr-Basis schließt, der Autor es uns somit, erspart, die zwei B der G rnoll-Vorzeichnung zu perhorresziexen. Die wertvollste Nummer des Werkes dünkt uns eine Talmud-Rhapsodie auf pp-h-M n!22; nicht nur der originelle.Titel, sondern eine interessante, von bestimmt ausgeprägter Physiognomie getragene Arbeit fesselt uns. hier; das ganze wie ans einem Gusse geformt, wirkt durch fein .ziselierte musikalische Architektonik. Ein Werk des berühmten Lembergerj pn B a r u ch S ch o r r bringt neben musikalisch sehr Wertvollem, manche Enttäuschung; wir empfanden sie umso stärker, als uns vor Jahren der Vorzug war, diesen begnadeten Sänger und eminenten Meister choralischer Kunst selbst zu hören; daß nun verschiedene Gesänge, besonders im Hinblicke ans. Steiger-Reinheit, vom Vater dem Sohne, der dieses Werk heransgab, in der Fassung hinterlassen wurden, müßten wir entschieden bezweifeln. Der Sohn lebt seit vielen Jahren jenseits des großen Teiches, in jenem wunderlichen Lande, dessen Kunstverständnis in keine bestimmte Kategorie zu rücken ist. Daß es aber auf kantoralem Gebiete nicht so trostlos nnd zügellos bestellt ist, wie einige Neider oder Verkleinerer behauptet hatten, erhellt aus den Werkelt des Rev. Solomo B a u nt, der an der großen Synagoge „Biknr Cholim" in New-Aork wirkt; sein Werk rrPsnrrT nnrr zählt zn den bedeutendsten originellsten Erscheinungen ans diesem Gebiete. Es würde uns reichlich Gelegenheit bieten, auf elementare Schönheiten, auf wirkungsvoll inspirierte Wendungen hinzuweisen mib doch liegt der Hauptwert vieler Piecen in der prächtigen stilvollen Berwendtlng unserer Steiger. Die mitsikalische Gewandung all dieser Stellen zeigt neben dem edel empfindenden und vorzüglich dnrchgebildeten Musiker anch den gründlichen Kenner dieser eigentümlichen Touartelt und aller damit verbundenen archaistischen, doch spezifisch „jüdisch" klingenden Wirkungen. Durch eine von jeder Schablone abweichende Art des musikalischen Inhaltes hat mich das Werk des Franzosen Cohen- Linaru geradezu verblüfft; über die Persönlichkeit des Komponistell fehlt mir leider jede Kenntnis. Kirchliche Musik im engen Sinne des Wortes ist hier allerdings nicht geschaffen morden, aber die Auffassung des jüdischen Textes ist durchaus ernst und würdig, wenn anch nicht frei von weltlichen Einflüssen; die Meyerbeerscheu Rollladen, Triller und Staccati sind im Rahmen eines Gottesdienstes wohl kaum denkbar. Somit darf dieses Opus m^nn nur als das aitfgefaßt werden was es wirklich ist, nämlich als ernste religiöse Konzertmusik, allerdings in einer exqilisiteu musikalischen Bollendling und von einer so seltsamen Eigenart, daß wohl der verwöhnteste Kenner ehrliche Bewunderung. zollen wird. Unter den origiilellsten Piecen erwähne ich einen '-m im „Viervierteltakt", fürwahr eine Rarität, ferner einen ^-rr, der in seiner Fassung zwischen einer spaniolischen Melodie und einem Provencalischen Volksliede pendelt, immer nach H moll drängt nnd doch in E moll schließt, geradezu ein Kabinetstück geistvoller Mache; ein zweiter *ru' bringt bei der Stelle -an b^b panp ein tändelndes Baß- Solo, während drei andere Stimmen mit der Orgel ruhig weiter schweben, eine Stelle von faszinierender Klangwirkung. - Ans all diesen Werken ist wohl deutlich ztl sehen, daß die Syuagogenmtlsik anch in fernen Ländern so rüstig vorwärts strebt wie bei uns, obwohl ja auch dort wie hier anznnehmen ist, daß dem weiterstrebenden Kantor ein anderes musikalisches Credo oft ..amtliche ailfgerückt wird. Da nun aber auf den so erhabenem und edlem Gebiete der gottesdienstlichen Musik znm Nutzen aller Kantoren hervorragend gute Früchte reifen, so erheischt es die Pflicht, auf jede wirklich gute Bereicherung aufmerksam ztt machen, welche diese Kunst durch die Arbeiten unserer Kollegen aus alten Landen erfährt. Wir sind stolz daraitf, daß überall jüdische Komponisten leben, welche die hochentwickelten Ansdrucksmittel der heittigen musikalischen Kunst sich ztt eigen gemacht haben und unserer Synagogenmtisik eine der modernen Höhe entsprechende Gestalt geben, ohne den spezifisch „jüdischen" Stil zn verletzen. S. Singer-Kattowitz. Recitative für Kantoren vou I. P O d O 1S k y, Wien. Zu beziehen beim Verfasser, II., Weintraubeng. 1, Tür 11, oder Buchhandlung Belf, I., Babensteig. Inhalt: ,rct? n»n .nsn»’ pm ,nnra miror ♦Ta® "v,wnp3 spngn .i-ivvi bhrr '32m .rnpm ,parr -rr Diese Recitative sind von hervorragenden Fachmännern ala vorzüglich traditionelle Gesänge anerkannt. —.— ... Preis 8 Kronen.

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