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Die Wahrheit · 1911-04-14 · Heft 15 (14.4.1911) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 15 (14.4.1911)
Date
1911-04-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 15. ■ Oesterr.-ungar. •Slarfc ohne, weiters von sich stößt. Nein, so wollte sie nicht vor Ihm stehen, verachten durfte er sie nicht, dem mußte sie Vorbeugen. Sollte sich denn alles von ihr wenden. / der Verlobte und nun auch der treue Freund? , Nach einer schlaflos verbrachten Nacht setzte sie sich anderen Tages an ihren Schreibtisch und schrieb folgendes: Liebster Freund! Gestatten Sie mir einsamen Verlassenen, daß ich Sie noch immer so nenne, sollte ich es auch nicht um L>ie verdient haben. Ich nehme all. daß Sie mir nicht zürnen, denn ich konnte nicht anders handeln. Sie als Arzt sollten mich verstehen, sollten miich nicht verurteilen. Ihr Mediziner saget doch selbst: Ein barmherziger Arzt macht faule Wunden. Ich durfte nicht barmherzig sein, denn mich , Ihnen zu eigen geben mit einem gemißbranchten, zerrissenen Herzen hieße Ihr in mich gesetztes Vertrauen in schnöder Weise hintergeheu. Sie sind es wert, eine Frau zu bekommen, die Ihnen ein ganzes, ungeteiltes Herz entgegenbringt, ein Herz voll heißer Liebe. Nur eine solche Frau kann einen günstigen Einfluß auf Sie ansüben; nur eine solche kann ihnen den verlorenen Glauben an Gott, an göttliche Liebe und Gerechtigkeit wieder bringen und kann Sie von dem Skeptizismus, in den Sie sich ans Trotz, entgegen ihrer besseren Ueberzengung hineinreden, heilen. Ich kann es nicht. Ich bin zu schwach dazu. Ich kann noch immer nicht daran vergessen, daß ich einst von einem Manne treulos verlassen wurde. Wenn ich auch ob dieses an mir begangenen Verrates nicht dem ganzen Geschlechte .zürne, so kann ich auch nicht einem anderen Manne, und wäre es auch einer gleich Ihnen, die Gefühle 'entgegenbringen, die ich an jenen Treulosen verschwendet. Ich kann nur innige Freundschaft fühlen, aufrichtiges Vertrauen darbringen. Wenn Ihnen daran liegt, daß Sie der Gegenstand dieser Gefühle bleiben, so schreiben Sie mir ein Wort der Vergebung. Ihre Sie hochschätzende Martha Heller. (Fortsetzung folgt.) Ans dem Kernfs- und Privatleben des Kantors. Von B. Singer, Jungbnnzlau. (Schluß.) . Inzwischen erschien der Freitag Abend und der Kandidat stand bereits beim Schnlchan. Die vorher stattgefundenen Proben hatten ihn als einen im Einstudieren bereits bewanderten Musik- .lehrer gezeigt und er hatte sich schon die Gunst der Sänger und Sängerinnen, .denen gegenüber er sehr zuvorkommend war, im voraus erworben, was für ihn jedenfalls ein Vorsprung war und als gutes „Omen" zur Ausnahme gedeutet werden konnte. Es sei hier auch noch zu vermerken, daß unser Kandidat außer in seiner Vaterstadt, wo er als Schüler seines Vaters denselben aus Gründen der Praxis öfters vertrat, in keiner anderen Gemeinde fungiert hatte, also hier in dieser ehrwürdigen Gemeinde zum erstenmal öffentlich vorbetete. Die letzten Töne des Adon olom verhallten.— Hat er gefallen? Dem einen war die Stimme zu schwach, dem andern -gefiel sie. Einige fanden die Anssprache nicht deutlich genug; nviederum andere hoben die moderne Art des Vortrages hervor. Manche fanden sein Auftreten zu theatralisch, während viele .gerade darin viel Würde erblickten. Der alte Chasan wurde beitürmt, seine Meinung, abzngeben, denn in ihm sah man ja den wahren, uneigennützigen Kenner. Nun sie fiel zu seinen Gunsten ans. .Dem Kandidaten aber gegenüber setzte er die Brille der Fachgelehrsamkeit auf und beim Abendessen nach des Gottesdienstes Mühen wurden die guten Seiten nnd auch die Mängel der Leistung erörtert. „Sie-sind zweifellos sehr musikalisch, junger Mann, das ersieht man aus den Auslassungen, nach welchen der "Chor einzntreten hat: Ihre Nezitative sind prägnant und illustrierend, aber Sie gehen sozusagen zu scharf ins Zeug, die Begeisterung wird zu groß. Dadurch forzieren Sie, Sie differieren Mit Chor und Orgel,, die Intonation ist gefährdet, weil Sie -immer steigen. Ich schreibe dies dem Konto Ihrer feurigen Kantoren-Zeitung___Seite 11. Jugend zu; mit der Zeit wird Ihr Vortrag hoffentlich ruhiger und geläuterter. Was die Art und Weise Ihres Chasouus betrifft, so fehlt demselben noch der einheitliche Stil. Sie bringen wohl mitunter die übliche Art, das sogenannte Minjone; allein bei Ihrem musikalischen Wissen köilnen Sie sich genau nach der Art halten, wie es die Josef Singer'sche Steigertheorie vorschreibt. „Was früher ein Spiel der Willkür war, sagt kais. Rat Josef Singer, ist durch die Broschüre zum streng gefügten System geworden". In Ihrer Vortragsweise der antiken Melodien ist noch zu viel Willkür. Sie werden es vielleicht Polnisch-Singen nennen, aber Josef Singer hat bewiesen, daß Polnisch-Singen eine an kein Gesetz gebundene Fantasie ist. wo gewisse leiterfremde Töne in die Melodie eingezwängt sind etc. Sie sehen, welche Errungenschaft das moderne Kantorat eingeheimst hat. Machen Sie sich dieselben zn Nutze, denn mit der Zeit, wird keine andere Methode zur Erlernung eines antiken Stiles in Anwendung gebracht werden können, als die obgenannter Schrift". „Wie nun die Chancen für Sie, junger Mann, stehen, dürften Sie in hiesiger Gemeinde aller Voraussicht nach, akzeptiert werden. Es bleibt nun noch übrig. Ihnen einige Winke bezüglich des gesellschaftlichen Umganges zn geben. Sie werden sich im Kreise Ihnen nähernder Leute bewegen, die sich als Ihre guten Freunde deklarieren werden, aber Sie werden, wenn Sie klug Vorgehen, den wahren Gönner von dem Heuchler zu unterscheiden wissen. Vor Schmeichlern hüten Sie sich. Nehmen Sie vielmehr die Ihnen streng und herbe scheinenden Forderungen aufrichtiger Leute mit Liebe auf, etwa das oder jenes einzuführen, da und dort zn verbessern, wo Vernachlässigung eingerissen. Althergebrachtes nicht zu elimiuieren, woran mit Liebe gehangen war. Was das Leinen betrifft, hat es mich gewundert. Sie noch mit sogenannter Ganz-Negiua vorlesen zu hören. Es ist ja gewiß anerkennenswert, ja sogar notwendig, wenn man die Sarka im antiquierten Zustande zu setzen weiß; allein in der Jetztzeit, wo das Verständnis dieser fignralen Tonzeichen abhanden gekommen ist, begnügt man sich gern mit halberNegina, also nicht mit der vollständigen Kantilation oder wie manche sagen: mit dem Tropp-Leinen.*) Schon vor mehr als einem halben Jahrhundert wurde diese Reform in den großen Tempeln von Wien, Prag. Budapest etc. eingeführt und hat Zustimmung gefunden, weil sie den Fluß des Vortrages nicht hemmt und bei guter Kenntnis des Textes ein angenehmer Rhythmus sich entwickelt, der das Monotone verscheucht". „Auch möchte ich Ihnen raten, sobald Sie die Stelle hier erhalten, sich der Kantoren-Orgaunation anznschließen. es ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit, der sich kein Kollege entziehen soll". *) Einen sehr interessanten Beitrag „Das Leinen mit dem Tropp" hat kais. Rat Singer in der Festschrift znm 25jährigen Jnbiläum des Kantorenvereines veröffentlicht, wo er ein musikwssenfchaftliche Parallele zwischen den alten „Neumen" und der nach seiner Anschauung noch älteren „Regina" zog. Sehr empfehlenswert zu lesen. |)uMilutionen des H.-unz, Jlautoren-leranes. In der letzten Vorstandssitzung wurden den Wittwen nach den verstorbenen Mitgliedern D. L. Ro t t er-Wien und Ludwig Fri ed lä nd e r-Silos Bolhas Witlwenbeitrüge von je 400 K und dem erst seit Beginn der neuen Organisation dem Vereine zugehörigen Mitglieds M. Krie n e r-Galgocz ein Jnvaliditätsbeitrag von 200 K bewilligt und ist die Auszahlung dieser Beträge bereits veranlaßt worden. Da hiedurch, sowie durch die ebenfalls erst kürzlich erfolgte Auszahlung des Jnvaliditätsbeitrages B r u n n e r-Jglan die Vereinskasse stark in Anspruch genommen wurde, werden die P. T. Mitglieder dringendst gebeten, die Pflichtbeiträge für die angeführten drei Fälle (Rotier, Friedländer, Kriener) von je K 2— möglichst bald einzusenden. Der Vereinsvorstand. Der Feiertage halber erscheint die nächste Nummer Freitag, den 28. April.

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