Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063585--07204-3074269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
Nr. 13. Oefterr.-uugar. Kantoren-Zeitung Seile 11. Die geehrten Herren Kantoren werden höflichst und dringendst ersucht, die restlichen Abonnements- Keträge umgehend einsenden zn wollen, damit die ^peinlichen Mahnungen endlich unterbleiben können. Ans dem Kernfsnüd Privatleben des Kantors. ’ Bon B Singer, Jungbiuizlau, 7 ' - III. " - . In der altehrwürdigen Gemeinde N. wird ein Konkurs ausgeschrieben. Man sucht znm Septembertermin eine Hilfskraft, welche dem alten Oberkantor zur Seite gestellt werde, ihn jeweilig 'vertreten soll und bei guter Verwendung die Anwartschaft ans die Oberkantorstelle zn gewärtigen hätte. Im Lehnsessel des schmucken aber einfachen Gemaches sitzt gebeugten Hauptes der alte Chasan, ein Greis von über 70 Jahren, dessen Kinder, fünf an der Zahl, sich in der Welt ihre Stelllmgen gegründet haben, einsam mit seiner Gattin. Da Ilopft es an der Tür : und hereintritt der Bewerber um die Anshilfskantorstelle, Mein Name ist . . . ich bewerbe mich um die in der hiesigen Gemeinde vakant gewordene Stelle und komme zu Ihnen mit der Bitte, Ihr maßgebendes Wort kompetenten Ortes für mich einzulegen. „Es freut mich sehr", hebt der Greis an, „Sie kennen zn lernen, und ich hoffe, einen treuen Kollegen an Ihnen zn finden, wenn es Ihnen gelingt, den hiesigen Posten, zu erhalten. Ich sage mit Absicht, wenn es Ihnen gelingt, denn es ist wirklich für so einen jungen Mann wie Sie ein wahres Glück, in diese -Gemeinde zn kommen, welche von einem einsichtsvollen Vorstand geleitet wird, und nicht von Leidenschaft und Streit aufgewühlt ist." „Nach welchem Genre", fragt der junge Aspirant, „wird hier gebetet? Ist hier das konservative Element vorherrschend, öder wird mehr dem Fortschritt gehuldigt?" „Sie finden hier beide Strömungen vereinigt," antwortete der Senior, „und wenn es Ihnen an gutem Willen nicht fehlt, und Sie die Klugheit besitzen, natürlich neben den vollen Kenutniffen beiden zu genügen, so werden Sie ein ergiebiges Feld .Ihrer Tätigkeit, aber auch Freunde auf beiden Seiten finden." „Wie sind hier die Chorverhältuisse?" „Auf das Einstndieren' des Chores wird großes Gewicht gelegt, und Sie können sich bei exakter Ausführung und guter Nnanzierung als tüchtiger Musiker auszeichnen. Zn diesem Zwecke steht Ihnen ein Chor von Mädchen und Herren, also ans gemischten Stimmen zur Verfügung. Hiebei kann ich nicht genug die Wohltat hervorheben, die ein solcher freiwilliger Chor bietet, der nur aus Liebe zur Sache singt. Wir Chasvuim älteren Schlages mußten uns mit einem Knabenchor behelfen, mib der bestand gewöhnlich ans recht wilden Naturen. Kinder ans besseren .Häusern ließen sich nur selten dazu anwerben und die der niederen Schichten, welche oft mit recht guten Stimmen ansgestattet waren, sind zumeist so ungezogen, daß mau beim Gottesdienste nicht nur seine volle Achtsamkeit auf die Anssührnng der Piecen, sondern auf das sittliche Moment zu richten hatte. Ich will ja gerne zngestehen, daß ein gnt geschulter Knabenchor ungleich schöner klingt, und wir wissen aus Erfahrung, daß z. B. Sillzer, Perles, Friedmanu und andere Kvriphäeu des Kantoreufaches ihren Leistungen in Verbindung mit solchen Chören besonderen Glanz verliehen. Diese konnten sich aber den Luxus erlauben, da ihnen noch ein Chordirigent zur Versügung stand. Wir -Chasonim ans dem Laude müssen uns aber ganz allein mit diesen Elementen, die zu allen Schaberuaks angelegt sind, behelfen und sie in Ordnung halten. Daß solche verwahrloste Burschen auch unverläßlich sind, kann ich Ihnen durch einen Vorfall drastisch illustrieren. Da hatten wir 1862 die Einweihung unserer neuerbanten Schule. Zu diesem Zwecke bereitete ich sorgfältig einen Psalm vor und das darin enthaltende Solo gab ich meinem besten Sopranisten. Der Tag der Einweihung kam; jedoch mein lieber Solosänger war nicht, zn sehen. Es hieß, er sei mit seinem Onkel weggefahren. Sie können sich mut meine Verlegenheit vorstellen, aber auch die Rücksichtslosigkeit und den Leichtsinn von Knaben und Eltern ermessen. Mädchen, die ihrem ganzen Wesen nach gesitteter sind- und mehr Geduld an den Tag legen,/bekunden wohl nicht die rasche Auffassung, gleichwohl sind sie ans den eben angeführten Gründen vorzuziehen. . (Schluß folgt). Km Apikores. Von Babettv Fried, Prag. \ (Fortsetzung.) „Was tut es? Muß man sich denn, schon vor der Hochzeit lieben? Ist nicht Zeit dazll in dem ganzen Leben, das man mit einander verbringt? Ich habe deinen seligen Vater auch nicht geliebt vor der Hochzeit, und doch Dir nnd allen jüdischen Kindern gesagt, sollen so miteinander leben, wie wir gelebt haben. Und wie er von mir weggegangen ist, Geld und Gut hat er mir dagelassen, und Ehre und brave Kinder auch — aber mein Glück und meine Kraft hat er mitgenommen: So wird es nicht lauge dauern, und ich komme ihm nach. Wenn ich die Augen aber znmache, so bleibst du hilflos und verlassen da stehen. Auf die Brüder kannst bu dich nicht stützen, die haben jeder ihre Familie, nnd sehen sich auf die Schwester nur um, so lange die Eltern leben, dann ist's ans. Und bu weißt gnt, wie beim Inden die allen Jungfrauen verachtet sind." „Weil sie sich selber nicht achten, Mama! Eine Frau, welche ohne Schrullen und Launen ihrem erwählten Berufe dahingeht, wird von der Welt auch anständig ltub würdig behandelt, selbst wenn sie unverheiratet ist." „Das mag wahr sein. Weißt dn aber, ob dn ohne Launen und Schrullen bleibst, wenn dn einsam dltrchs Leben gehest? „Ich hoffe es, Mama!" „Dn sprichst, als hättest dn deinen Lebensweg bereits vorgezeichnet." „Das habe ich auch." „Teile mir also deinen Plan mit." „Bis er reiflich überdacht ist. Aber bitte, teuerste Mama, quäle mich nicht. Das hat alles noch Zeit, ich bin ja noch jung." Ein anderesmal begann die alte Frau selber von dem Doktor zn sprechen. „Ich möchte es gerne erleben, dich unter der Chnppe zu sehen. Wie wäre es, wenn ich den Windbeutel von Doktor sagen ließe, daß ich die Einwilligung zu Eurer Verlobung gebe. Die Schatchente Willamitzen wird das geschickt einfädeln. Er traut sich vielleicht nicht recht." „Dn hältst ihn für einen Windbeutel, nnd willst ihm deine einzige Tochter anvertrauen. Habe ich das um dich verdient? Die Mutter war verlegen geworden. „Nun dn mit deiner Bildung wirst ihn schon zu halten ivisfen." „Nein, Mama! Wenn ich einmal heirate, so muß es ein Mann sein, auf den ich mit Stolz emporblickeu kann; er muß mich zum Guten lenken, nicht ich ihn. Bekomme ich einen solchen Mann, dann heirate ich ihn, wenn nicht bleibe ich so. VI. Kurze Zeit nach dieser Unterredung langte im Städtchen eine sensationelle Nachricht an. Der daselbst wohlbekannte Doktor Friedländer habe geheiratet, und zwar ein christliches Mädchen, welches ans Liebe zn ihm znm Judentum nbergetreten ist. Man war in der Kille recht stolz darauf, daß eine so elegante junge Dame Jüdin geworden ist. Die Leute dachten nicht daran, daß es nicht die Liebe znm Jndentnme und beffeit Religion sei, welche ja die Konvertiten vor ihrem Entschlnffe zum Uebertritte nicht recht gekannt haben mochte, gewesen ist, die ihren Glaubeuswechsel herbeiführte, auch vielleicht nicht einmal die Liebe zn dem jüdischen Manne, sondern wie in den meisten Fällen die Hoffnung auf eine gute Versorgmtg als Frau Doktorin,- auf eine Stellung in der Gesellschaft, die sie als Hausdame bei einem unverheirateten Arzte nicht erlangt hätte. (Fortsetzung folgt.)