Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063583--07174-3074237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Redaktion und Slbuiiiufnntiou: Wien, ll/i Novatagasse 27 Telephon: Redaktion 5107/Vlll. Admiiilstrarion -1938/11. K. k. österr. Nosispnrkaffa- Scheck-Konto Nr. 160.918. Infrrake: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 2ö Heller. Abonnementsnnd Jnserlionsbetröge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. rlfchrifi für Misch Krscheinl jeden KreiLag. Motto: „Das Siegel OSottes ist. Wahrheit!“ ü - ■ - ~ -== i| Verugsprek«:! Ganzjährig.>< 14..— | Halbjährig.K 7.— Für Kultusbeamte: j| Ganzjährig.K IO. - i Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark t> Rudel oder lii FrcS. Pr. 11. Wien.-IV. Mar; Inhalt: Die Feindesliebe im alten nnd neuen Testament. — Die Menschheit in Beratung. — Die Juden in der Technik, der Kunst, der Wissenschaft nnd als Forscher, Entdecker nnd Erfinder. — Oberkantor Don Fuchs. — Ueber die Zirkumzision der alten Egyvcer. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein Apikores. — Aus dem Berufs- und Privatleben des Kantors. — Austritt aus dem Judentume. Die Feindestiede im alte» nnd neuen Testament. Das Christentum betrachtet das höchste Prinzip der Humanität, die Menschenliebe, als sein eigenes, von ihm zuerst mit Nachdruck verkündetes und zur Geltung gebrachtes. Es nennt sich „die Religion der Liebe" Lat'sxovlisii und seit Jahrhlinderten hat man sich gewöhnt, Christentum und Liebe zu identifizieren. Weit entfernt, die Verdienste des Christentums um die Gesittung der Menschheit zu schmälern, müssen wir jedoch betonen, daß ausschließlich das Judentum es war, das die höchste Idee der Sittlichkeit nnd Humanität der christlichen Welt geliehen hat. Wohl hat das Christentum auf den Trümmern des Heidentums einen großartigen Bau aufgeführt, das Judentum aber lieferte ihm den Plan und die Bausteine dazu. Seinen Triumph verdankt das Christentum vor allem seiner Moral, die herrliche und erhabene Ideen enthält, doch stammen diese letzeren zum größten Teil ans dem Judentum. Die christliche Moral leitet die Menschenliebe von der Liebe Gottes zil dem Menschen ab. Wenn das neue Testament sagt: „Gott ist die Liebe" *), so hat ihm die heilige Schrift dieses schöne Wort in den Mund gelegt. Gott liebt Israel „mit ewiger Liebe" 2), aber er liebt auch die anderen Völker 3), wendet auch ihnen seine Gnade zu und sendet auch zu ihnen seine Propheten, um sie zur Humanität nnd zur Sittlichkeit anzuleiteu. Gott liebt überhaupt jeden Menschen, den er in seinem Ebenbilde geschaffen^), lehrt R. Akiba, der unter den Martern der Schergen Hadrians seine edle Seele anshanchte. In den Psalmen Davids (Pf. 145) wird Gott als gütig nnd barmherzig gegen alle seine Geschöpfe geschildert, denn sein Geist durchdringt und belebt das ganze All und sorgt für die Ernährung aller seiner Geschöpfe. Wo bleibt da bei einer solchen Vorstellung von Gott noch Raum übrig für die Gedanken eines Nationalgottes, den man so oft dem Judentum vorgeworfen hat? Das neue Testament stellt neben das Gebot der Liebe gegen Gott das Gebot der Nächstenliebe und betrachtet beide als die höchsten nnd wichtigsten Gebote, die das Reich Gottes begründen 5). Doch schärft nicht die heilige Schrift zu wiede rh ö lten Malen die Liebe gegen Gott ein? „Der Ewige," sagt sie, „verlangt nichts weiter von Dir, als daß Du Ihn liebst nnd fürchtest." Liebe gegen Gott, das Verlangen und die Sehnsucht nach ihm, ist der Hauptinhalt und der Grundzug der Psalmen. Finden wir nicht in der Lehre Moses zu allererst den Satz ausgesprochen „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst?" 6) Das Bestreben des Christentums ging dabin, diesen Satz zu verdunkeln. „Es wurde Euch gesagt", heißt es im Evangelium (Matth.), „dn sollst deinen nächsten lieben nnd deinen Feind hassen, ich aber (Jesus) sage Euch, liebet Eure Feinde! 7). Ein solch' engherziger Ausspruch ist nirgends weder in der heiligen Schrift noch in der rabbiuischeu Literatur zn finden. Untersuchen wir nun. was denn das Evangelium Matth, unter Feind versteht. Drei Arten von Feinden kommen hier in Betracht, nämlich der persönliche, der religiöse und der nationale Feind. Ist darunter der persönliche Feind verstanden, wenn die heilige Schrift verbietet, den persönlichen Feind zu hassen 8), oder Rachsucht im Herzen gegen ihn zn hegen 9). Die einzige Rache, die sie empfiehlt, ist keineswegs derjenigen gleich, die das Evangelium gebietet, nämlich, „daß wir unserem Feinde, der uns auf die Wange schlug, die andere Wange Hinhalten sollen"10), sondern etwas Besseres, Edleres und Hnmanvolleres, daß wir ihm Wohltaten erweisen. ..Hungert deinen Feind, so gib ihm Brot zu essen, durstet ihn, so gib ihm Wasser zu trinken, denn dn scharrest dadurch Kohlen auf sein Haupt" u). Siehst Du den Esel deines Feindes erliegen unter seiner Last, so unterlasse es nicht, ihm beizustehen" 12). Versteht das Evangelium Matth, den religiösen Feind, oder den Andersgläubigen, nur die Heiden gehören doch zweifelsohne zu der letzteren Sorte von Feinden, nnd doch sprachen Schemajah und Abtaljon, die beiden Häupter des großen Syuhedrions, die vor Christus lebten, den Satz aus: „die Söhne der Heiden, die die Tugenden Ahrons nachahmen, mögen in Frieden kommen" 13). Hillel, der ältere Zeitgenosse von Christus, sagt: „Liebe die Menschen!" "). Er macht also keinen Unterschied zwischen Inden und Heiden, sondern er predigt allgemeine Menschenliebe. Von Hillel stammt auch der bekannte Ausspruch, der Christus in den Mund gelegt wird, „Was du nicht willst, daß man dir tue, tue auch einem anderen nicht. Darin liegt das ganze Gesetz, das übrige ist nur dessen Kommentar" 15). Auch hier wird zwischen Juden und Heiden kein Unterschied gemacht, waren ja Hillels Worte an einen Heiden gerichtet. Und ein anderer Rabbiner Samuel kehrt: „Man darf die gute Meinnng von Niemandem stehlen, selbst nicht die eines Götzendieners". (Chulin 91a). Spricht das obengannte Evangelium von dem nationale n Feind, d. h. dem nichtisraelitischen Ausländer, dem Fremdling, nun die heilige Schrift fordert von uns im Gegenteil gegen Ausländer die größte Toleranz und Liebe. Als König Salomon den Tempel einweihte, schloß er in sein Gebet auch die fremden Völker ein: „Wenn der Fremde, der nicht -r-r^sasss.*-"'