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Die Wahrheit · 1911-03-10 · Heft 10 (10.3.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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©eile 6 Die Wahrheit , Nr. 10. die Taschen; und wehe dem,-der zu leicht befunden wird. Rücksichtslos weist sie ihn zurück. Gerade in der letzten Zeit wurden sehr'strenge Maßregeln gegenüber den Einwanderern erlassen. Unter den.vielen deportierten Emigranten befindet sich auch eine große Anzahl russischer Inden. Wenn man nun überlegt, daß diese Armen ihr letztes Hab' und Gut für die Ueberfahrt verwenden und jetzt gänzlich mittellos, aller Hoffnung beraubt in dieses .unselige Rußland znrückkehreu müssen, so wird mir wohl jeder beistimmen, daß es mit jener fast sprichwörtlichen armerikanischen Freiheit nicht mehr sehr weither ist. Einwauderungskommissär Williams, der Urheber dieser strengen Einwandernngsgesetze. scheint zu vergessen, daß New-Iork in erster Linie seinen Aufschwung den wirtschaftlichen Erfolgen der eingewanderten russischen Inden zu verdanken hat. So sehen wir, daß am Broadway, öer größten New-Aorker Fabriksstraße, die Mehrzahl der Fabriksinhaber russische Juden sind oder von solchen abstammen. Es ist ja richtig, daß New-Iork zur Zeit übervölkert ist und jeder neue Zustrom von Emigranten in möglichster Weise abgehalteu werden muß. Wenn wir aber weiter nach Westen gehen, finden wir große, unbewohnte, mitunter sehr fruchtbare Landstriche. Und diese mit den russischen Emigranten, gegen die sich die strengen Einwandernngsgesetze hauptsächlich richten, zu besiedeln, läge im Interesse des Staates, da diese immer sich nicht nur als treffliche Handelsleute, sondern sich auch als gute Farmer erprobt haben. Der Jude versteht es eben in ausgezeichneter Weise, sich jeder Lebenslage, anznpassen und diesem Umstand hat er es auch zu verdanken, daß er die furchtbaren Zeiten der Leiden und Verfolgungen kräftig überdauert hat. Schon längere Zeit wollte ich mich überzeugen, welche Behandlung unseren russischen Glanbensbrüdern auf Ellis-Jsland, der Einwanderungsinsel, zuteil wird. Nebenbei gesagt hatte ich bei meiner Ankunft im Lande die Ehre, etwa vier Tage auf dieser Insel der Tränen, wie sie hier genannt wird, unfreiwilliger Gast zu sein. Ich hatte in meinem Nationale Journalist als meinen Beruf angegeben. Der gute Schiffskommissär hielt mich nun für einen berüchtigten Sozialisten. Das Ende war nnn, daß ich vier Tage auf Ellis-Jsland über die Begriffstützigkeit der amerikanischen Einwanderungsbehörden Nachdenken konnte, bis mich der österreichische Vertreter in New- Iork los machte. Vergangenen Freitag harrte ich nun ausgerüstet mit dem Paß, den mir Kommissär Vi l liams in liebenswürdiger Weise zu Verfügung gestellt hatte, des städtischen Schiffes, das mich nach der Einwanderuugsinsel bringen sollte. Ein. herrlicher Anblick bot sich mir dar. Von den Strahlen der ausgehenden Sonne beleuchtet, schien die Freiheitsstatne wie mit Gold übergosseu zu sein. Ein Windhauch glitt über den Riwer, kräuselte dessen Oberfläche zu leuchtenden Wellen und verlor sich dann in die Ferne, wo Ellis-Jsland mit seinem riesigen Gebäude aus dem blauen Morgeunebel gespensterhaft emporragte. Je näher wir der Insel kamen, desto besser konnte ich die Umrisse des Gebäudes unterscheiden. Endlich legten wir an. .Mein Paß wurde visitiert und ich konnte mich mitten unter Gefangenen frei bewegen. Zufälliger Weise hatte ich für meinen Besuch einen guten Tag gewählt, da gerade zwei Dampfer, einer von Hamburg und der andere von Bremen angekommen waren. Ich hatte hinreichend Gelegenheit zu beobachten, wie geschäftsmäßig die Hoffnungen dieser armen russischen Inden zerstört werden, wie manchesmal das Urteil der Einwändernngskommission gerade im Widerspruch mit der Zivilisation und Gerechtigkeit im 20. Jahrhundert steht! Wenn man eine Familie lediglich aus d em Gründe abweist, weil das jüngste Kind krüppelhaft gebaut ist, obwohl der Vater in Boston einen reichen Bruder besitzt, der sich der Familie annehmen'möchte; wenn man einer Frau mit drei Kindern, deren Ernährer hier in New-Iork ein gut gehendes Kleidergeschäft betreibt, bloß deshalb die Tore verschließt, weil ein Kind stumm ist, so verstößt ein solches Urteil nicht mehr gegen Freiheit, nein, ein solches.Urteil trifft die Menschlichkeit in ihrem inner»'Mark. Ich habe wahrgenommen, daß diese russischen Juden sich nicht etwa der falschen Hoffnung hingeben, hier im Lande das Geld auf r' den Straßen zu finden. Sie wissen ganz gut, daß sie mit schwerer Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen werden müssen. Und ivie Sie solche arbeitswillige Elemente, von der Einwanderungausschließen, dann begehen Sie Mister William, ein Verbrechen nit Ihr Vaterland! Mister William mag^der.Anschauung sein, daß, ein- Taugenichts, der auf unehrliche Weise seine Taschen gefüllt hat und nun Schutz vor den europäischen Behörden in Amerika sucht, dem Gemeinwesen won größerem Nutzen ist als ein guter ehrlicher Arbeiter. Nun wir New-Iorker Juden wollen ihn eines Besseren belehren. Und sollten wir ihn nicht auf andere Wege leiten können, , so wird das . sicherlich Präsident Taft zu Stande bringen, der immer der Einwanderungsfrageliberal gegenüber stand. Im übrigen möge Mister William über meine freimütige Kritik seiner „Eittwanderlingsreformen", wie er seine Henkergesetze iiennt, nicht ungehalten sein. Sollte er sich aber beim Lesen dieserZeilen verkältet haben, so tuen warme Umschläge auf dem Kopfe sehr wohl; insbesondere, wenn einem alle menschenfreundlichen Gedanken eingefroren sind. Mit bestem Gruße _ _______ S. P. Justus. Gefälschte maabitische Tantafvln. . Unter dieser Ueberschrift berichtet Prof. Dr. D. H. Müller im Abendblatte der „N. Fr. Pr." vom 24. Februar l. I. über die im Wiener k. k. Hofmuseum befindlichen 8 resp. 9 „moabitischen" Tontafeln, die er mit dem kundigen Blicke des Fachmannes für gefälschte erkannte. Nach meinem Dafürhalten läßt sich das Machwerk am besten bis zur Evidenz entlarven, wenn man einigen seiner stilistischen Wendungen und Phrasen die Bi b etft e Ue n, denen sie fast wörtlich entnommen wurden, gegenüberstellt. Eine flüchtige Dornenlese dieser Art dürfte wohl im Folgenden nicht überflüssig sein: T a f e l I. Bibel. 1. „Warum sind sie immer 1. „Esrajim gleicht einer eiubereit, sich schnell verkaufen zu fälligen Taube, ohne Verstand; lassen an einen Fremdling und Aegypten riefen sie herbei, gingen wie eine Tanbe einfältig und nach Assyrien". (Hosea 7, 11.) unverständig". Tafel II. 2. „Sie buhlen nach Aerzten 2. „Lügenschmiede, Aerzte der Nichtigkeit und Lügender Nichtigkeit seid ihr alle", schmieden". (Hiob 13, 4.) Tafel IV. 3. „Sidkijahn, Sohn des Ke- 3. „Da machte sich Zidkinanah, aber hat Hörner ans jahn, Sohn des Kenaanah, Eisen". eiserne Hörner".(I.Kön.22,41.) 4. „Eine eherne Stirne". 4. „Deine Stirn ist ehern". (Jesaia 48, 4.) 5. „Zn stoßen allzumal die 5. Er stößt die Völker alle- Enden der Erde". samt bis zu den Enden der Erde". (Deuteron. 33, 17.) Tafel VI. 6. „Indem er eine Wehklage 6. Ich erhebe eine Wehklage erhob wie Schakale". wie Schakale". (Michah 1, 8.) Tafel VII. 7. „Bewahre meine Seele. 7. „Bewahre meine Seele, denn ein Frommer bin ich", denn ein Frommer bin ich". (Psalm. 86, 2.) 8. „Und siehe, die Stimme 8. „Da antwortete der Ewige des Allmächtigen, die Stimme dem Hiob aus dem Stnrmgeeines Getöses antwortet". löse". (Hiob 38. 1.) 9. „Kenne ich ja doch alle 9. „Denn er kennt die Dnnkel- Dnnkelheiten-deines Herzens". heilen des Herzens". (Psalm. . 44, 22.) Tafel VIII. 10. Und gabst ihnen Wer- 10. „Ich gebe ihnen Wermut mnt zu essen und Giftwasser .zu essen und Giftwasser zu zu trinken". trinken". (Jerem. 23, 15.)

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