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Die Wahrheit · 1911-03-10 · Heft 10 (10.3.1911) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Administration: Wien, 11/, Novcuagasse 27 Telephon: Redaktion 5107/V1I1. Administration 4938/11. Anakhängige Hertschrift für Mische Verngsprer»: Ganzjährig.K t*-.— Halbjährig.IC 7.— K. k. üsterr. Vostsparkassa- Scheck-Koiuo Nr. 100.918. Inserate: Interessen. Für SV»Un~beutute: Ganzjährig ...... K l» - Die viermal gespaltene - Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitag. Für Ausland: ' Abonnements- und Jnsertionsbetrüge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!14 . Gaiiziävria.8 Mark 6 Rubel oder Itt Fr«». Jlf. 10. Wien, 10. Mar; 1011 Inhalt: Purim. — Heinrich Bulle, der Rasseubegriff und der arabische Aufstand. — New-Dorker Brief. Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein Apikores. — Austritt aus dem Jndeumme. — Gefälschte moabitlsche Tontafetn. — Pnrim. Lajehudim hojso auro wesimcho . . . Den Juden ward Licht, Freude, Wonne und Ehre." Eine sehr schöne, dem Freiheitsfeste vorangehende Feier ist das Purimfest, das uns lehrt, daß alle Macht von Gott ist und keine Gewalt gegen Ihn aufzukommen vermag. Wohl gab und gibt es genug Hamans auf dem Erdenrund, doch die völlige Vernichtung des kleinen Volkes Israel ist unmöglich. Das ssebier amalek, das Andenken an den gewalttätigen Amalek, der ans dem Hinterhalte Israel in glaubensschwachen Stunden zn treffen weiß, zu tilgen, ist bis auf den heutigen Tag unsere hehre Aufgabe. Wir müssen aber vor allem den Amalek in unseren Herzen tilgen: Jndifferentismns, Mattigkeit und Lauheit. Was nützen alle Reden, Aktionen und Vorträge bei der Unkenntnis und Gleichgiltigkeit der Einzelnen wie der Gesamtheit! Die jüdischen Lehrer nehmen auf dem Lande infolge der kläglichen Verhältnisse, der Teuerung und der haltlosen Stellung der verarmenden Bevölkerung mehr und mehr ab, die Gemeinden können beim besten Willen selbst den billigsten Anforderungen ihrer Funktionäre nicht mehr entsprechen und daher fehlt der Nachwuchs an tief religiös fühlenden jungen Leuten, die dem idealen Lehrberufe folgen würden, da man heute nicht mehr jene Hingebung, Aufopferung und Begeisterung findet, wie sie in alter Zeit so rührend sich zeigten. Ueber diese vollzogene Tatsache der gesellschaftlichen Entwicklung zn rechten, wäre müßig, wir wollen nur an die traurigen Zustände ernstlich gemahnen. Heute sind z. B. in Böhmen viele Gemeinden auf dem Lande zum Teile nicht,imstande, einen Religionslehrer zu zahlen oder zn bekommen, andere wieder, durch Abwanderung, wirtschaftlichen Niedergang, politische Verhältnisse, der Auflösung verfallen, können den armen Kindern nicht einmal Religionsunterricht geben lassen nnd helfen sich zum Teile, so gut es geht, mit Selbstunterricht ihrer Kinder. Das religiöse Leben solcher Gemeinden, ihr Gefühl fürs Gesamljudentum erstirbt und naturgemäß gehen dann viele nns verloren. Ist es nicht eine Schmach, daß man angesichts solcher Tatsachen trotz aller Vereine, Körperschaften nnd Vertretungen nicht die paar Tausend Kronen zur Erhaltung solcher Gemeinden aufbringen kann? Und ist die Einrichtung der Wanderprediger und Wanderlehrer uns so ganz entschwunden? Wir Rabbiner sollen uns aufraffeu und bald da, bald dort an einem durch unsere dienstlichen Verpflichtungen nicht beanspruchten Tage das göttliche Wort künden und lehren: lilmod nlelamed laasos lüekäjem zu lernen und zu lehren und-zu handeln, wo es Israels Ehre gilt, das ist unser Los, unsere Aufgabe! Wir wollen retten aus dem Brande der Zeit, was noch zn retten ist, und nnsern Brüdern in Not, Kamps und Gefahr deistehen. Das ist Mordechais und Esters Beispiel nnd aller Helden unseren Volkes. Werden wir aber weiter ruhig dem Verfalle des religiösen Lebens zusehen, so sind wir mitschuldig und wert des Unterganges. Das wäre die zunächst nötige religiöse Kleinarbeit, die aber groß und bedeutend sich gestalten könnte, wenn sie von einer strammen Organisation geschaffen nnd geleitet wird und von Wien aus über die ganze Monarchie sich erstreckt. Und wenn damit für die augenblickliche Trostlosigkeit etwas getan ist. daun wird es weiters Sache aller maßgebenden Faktoren sein, die Regierung immer wieder von neuem laut und nachdrücklich au nufere Rechte zu erinnern. Wir Juden sind Oesterreicher durch und durch, wir fördern alle Interessen der Gesamtheit, wollen aber auch nicht verkümmern, sondern gleich den anderen Konfessionen für unsere Kultuseinrichtungen nnsern Anteil am Budget des Staates haben, wie dies der treffliche Finanzreferent der Wiener Kultusgemeinde Herr Kultusvorsteher Max Frank mit vollstem Rechte schon wiederholt betont hat. Erft wenn der Staat für unsere kulturellen und religiösen Bedürfnisse ebenfalls entsprechende materielle Unterstützung gewährt, dann wird es besser werden. Die Regierung begeht eine große Unterlassungssünde, wenn sie den tristen Verhältnissen der kleineren Genieinden kein Augenmerk schenkt, denn jedermann muß es klar sein, daß diese Mißachtung der Gleichberechtigung der Konfessionen jeden Nachwuchs jüdischer Geistlicher und Kultusfunktionäre unmöglich macht und so die religiöse Entwicklung der Judenheit argen Gefahren anssetzt, ja vielleicht dem Untergange weiht. Bei der Henrigen Finanzlage des Staates ist allerdings nicht viel, aber immerhin etwas zu erreichen, doch müssen unsere Abgeordneten die Regierung immer wieder an ihre Pflicht erinnern und alles aufbieten, um die endliche Schaffung einer jüdischen Oberbehörde dnrchznsetzen, der unter anderem auch die Aufgabe zusiele, die Regierung über alle religiösen Fragen nnd Bedürfnisse zu informieren nnd die Einstellung eines unserer Steuerleistung nnd Kopfzahl entsprechenden Betrages ins Budget zn veranlassen. Auf diese Weise werden grobe Unzukömmlichkeiten, wie Bernachläisignng oder gar gänzliche Unterlassung des Religionsunterrichtes unmöglich werden. Es ist aber auch schon höchste Zeit, daß etwas geschieht und auch alle billig denkenden Kreise außerhalb des Judentums über unsere Sache aufgeklärt nnd für dieselbe gewonnen werden, mögen auch noch so viele Hamans dagegen eifern und schreien. So viel Not, Elend und Jammer überall, so viel Opfer an

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