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Die Wahrheit · 1911-03-03 · Heft 9 (3.3.1911) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 11. Nr. 9. Buchau a. F. In der „Wahrheit" der Wahrheit die Ehre! Ja Ihrem -geschätzten Blatte berichten Sie anläßlich de» Zeichenbegängnisses unseres früheren, heute noch in bestem Andenken stehenderl Kantors Zwinger ans unserer Gemeinde, daß sieeine Synagoge besitze, die miteniem Tnrm und „Glockengeläuts" ansgerüstet sei. Dem ist aber nicht ganz so. Wir besitzen nur „eine" Glocke, die denselben Dienst versieht, wie früher die Stationsglocke mi unseren Bahnhöfen, Ursprünglich mar es ein. Glockenspiel, das. aber jährlich große Reparatur kosten erforderte- Nun entschloß man sich. Dafür eine Glocke anzuschaffen, die an den Werktagen eine Viertelstunde und an den Sabbath- und Festtagen eine halbe Stunde vor Beginn des 'Gottesdienstes das erste Zeichen gibt, dem dann znm Beginne ein zweites folgt. Es wäre ein idealer Zustand, so alle rechtzeitig dem Zeichen folgten, aber im Laufe der Jahre verfehlte es seinen Hauptzweck. Aber Tatsache ist es, daß mit wenigen Ausnahmen auch heute noch die Gemeinde fast vollzählig zu den Hanvtgottesdiensten erscheint, so daß im Vergleich zu anderen Gemeinden Württembergs Buchau denn doch besser ist als sein Ruf, wenn auch nicht so gut wie sein Rav. gut Aptkores. Bon Babette Fried, Prag- (Fortsetzung.) . Bei mir? Unmöglich!" Warum unmöglich? Sie sind eine Frau!" Ich bin eine alle Jungfrau." Der Doktor sah sich im Zimmer um. „Äh, eine alte Jungfrau! Merkwürdig, ich bemerke nichts davon. Ich habe noch kein Hündchen bellen, keine Katze miauen gehört, auch sehe ich teilten Käsig mit einem Papagei, oder wenigstens Kanarienvogel im Zimmer. Aha, Sie werden sich diese Gesellschaft erst anschaffen! Wäre es da nicht besser, wenn Sie da Ihre Pflege und Ihr Wohlwollen einem elternlosen Menschenkinde angedeihen ließen, welches in Ihrer Liebe Ersatz für Vater und Mutter finden soll, das Ihnen mit Dankbarkeit vergelten wird, daß Sie ihm in Ihrem Hanse eine Heimat gegeben und es liebevoll ans Herz geschlossen haben?" Martha rang in stiller Verzweiflung die Hände: „O. wenn Sie wußten, Herr, Doktor,, wenn Sie wüßten!" „Soll ich glauben, daß Sie nicht zu lieben verstehen, daß Sie den Mann von sich gestoßen haben, der in Ihnen sein Ideal verkörpert gesehen, der Sie verehrt hat, wie nur je ein Mann den Gegenstand seiner ersten Liebe. Jetzt weisen Sie es ab ein unglückliches Geschöpf mit mütterlicher Liebe an Ihr Herz zu .ziehen. Gehen Sie, ich habe mich in Ihnen getäuscht." Diese letzten Worte haben auf Martha einen tiefen Eindruck gemacht. Sie sagte fest und entschieden: „Bringen Sie mir den Knaben, ich werde ihm eine Mutter sein." IV. In der Wohnung und in der Lebensweife der Lehrerin war eine einschneidende Veränderung vorgegangen. Sie hatte ihre bisherige, ans zwei kleinen Zimmercheu bestehende Wohnung mit einer größeren vertauscht, und hatte ein Dienstmädchen ausgenommen, welches Küche und Hauswesen besorgte, und sich mir ihrer Herrin in der Pflege des kleinen Leo teilte. Eigentlich -brauchte dieser sehr wenig zur körperlichen Pflege; er war gewöhnt, sich selber zu bedienen. Die alte Hanne, welche dem 'Doktor den Haushalt geführt, hatte den Knaben in keiner Weise verwöhnt. Sie hatte beobachtet, mit welch schweren materiellen Sorgen ihr Brotherr zu kämpfen hatte, und dies hatte auch den geringen Respekt, den sie vor ihm hatte, vernichtet, damit auch viel der Sorgfalt gestrichen, die sie unterandern Umständen dem ihrer Pflege 'anvertrauten Kinde hätte widmen sollen. Trotzdem gedieh der Knabe bei allen Entbehrungen kräftig und gesund heran. Zur Schule war er nicht geschickt worden. Unter dem Vorwände, daß die Fabrik, in welcher der ^Chemiker wohnte, zu weit von der Knabenschule in der Stadt entfernt sei, wußte es sein Vater durchzusetzen, daß sein Knabe vom Schulbesuch dispensiert wurde, und er ihn selber zu Hause unterrichten durfte. Der Knabe mußte sich zweimal im Jahre einer Prüfung unterziehen,.. ob er mit den schulbesuchenden Altersgenossen gleichen Schritt halte und da diese Prüfungen zur Zufriedenheit ausfielen, wurde, der Privatunterricht auch weiter gestattet. Der Knabe hatte gut gelernt, und sein Vater hatte ihm nicht nur die vorgeschriebeuen Lehrgegenstände beigebracht, sondern auch noch viele derjenigen, die eigentlich einem Schnlkiude noch verschlossen bleiben sollten. Aller Weltschmerz. den ganzen Pessimismus, welcher den Vater von jedem geselligen Verkehr fern hielt, versuchte der unglückliche Mann seinem jungen Kinde einznimpfeu, ohne Zn ahnen, daß es giftige Wurzeln find, was er in die junge Menfchenseele pflanzte. Herr Fischer hatte vollkommen Recht gehabt, wenn er Leos Erziehung eine verschrobene nannte. Es war ein Glück für den Knaben, daß er in die gütigen und gleichfalls strengen Hände der Lehrerin gekommen war. Gegen diesen Erziehungsfehler hatte sie mm anznkämpsen. Es war dies eine schwerere Aufgabe als sie anfangs dachte, und wenn Doktor Braun es wüßte, welche Sorge er der Freundin anfgebürdet hatte, er hätte gewiß sein Vorgehen tief bereut. Doch Martha hatte in ihren Briefen an ihn niemals über ihren Zögling geklagt. Im Gegenteil. Wenn sie ihm pflichtgemäß . über das Befinden und die Fortschritte seines Schützlings berichtete, hob sie immer dessen guten Eigenschaften hervor, lobte dessen Betragen, dessen Anfsassnngskrast und Fleiß, bemerkte auch, wie die Anwesenheit des liebenswürdigen Knaben Licht und Freude in ihre einsame Lebensweise gebracht habe. Sie verschwieg, wie oftmals der Anblick des Kindes ihr Schmerz bereitet, wie oft seine Fragen sie in Verlegenheit setzen. Zudem war der an keinen Verkehr mit Altersgenossen gewöhnte Junge unverträglich, so daß immerwährend Klagen von seinen Lehrern über ihn einliefen. Seiner Tante Martha aber war er mit inniger, fast überschwänglicher Zärtlichkeit zugetan. „Er hatte sie so lieb, so lieb, fast wie seinen Papa," pflegte er zu sagen, und sie besaß sein ganzes Vertrauen. Nichts verschwieg er ihr. selbst alle Neckereien seiner Kameraden, die er mit gleicher Münze heimzahlte, mußte sie erfahren. Einstmal kam er traurig nach Hause, wies das ihm Vorgesetzte Abendbrot zurück, und verlangte nichts, als zu Bette zu gehen. Martha fürchtete eine ernstliche Erkrankung des Kindes, und begab sich, bevor sie selbst schlafen ging, zu ihm. Er schlief nicht, sondern weinte und schluchzte herzbrechend. „Was fehlt dir, Leo?" „Nichts, Taute l" „Also warum weinst Du so?" „Mir ist so weh ums Herz," antwortete der Knabe. „Was ist dir denn geschehen?" „Ach Tante, das kann ich niemanden erzählen?" „Mir doch?" Der Knabe schwieg. „Wenn dein Papa noch lebte, würdest du es ihm sagen?- „Vielleicht, ich weiß nicht." „Schau Leo, morgen hast du Schule, wirst geprüft werden. Ich weiß, daß du deine Ausgabe gelernt hast; wenn du aber nicht ansgeschlasen bist, wirft du trotzdem nichts können. Bedenke diese Schande. Darum schlage dir die bösen Gedanken ans dem Kopfe, und trachte einzuschlasen. Ich werde hier sitzen, bis du schläfst." „Ich kann nicht. Taute! „Sei nicht eigensinnig Buh und ärgere mich nicht.^ Nein, ärgern wollte er die gute Tante nicht. Er hörte zu weinen ans, wurde ganz still, und entweder war er eingeschlasen, oder er stellte sich nur so, um sie nicht um die Nachtruhe zu bringen, denn auch sie mußte früh zur Schule gehen. Anderntags kam Leo freudestrahlend ans der Schule. „Tante", rief er gleich in der Tür, „gnt, daß ich Dir gefolgt habe. Ich wurde heute geprüft und habe alles wie am Schnürt hergesagt. Gewiß habe ich eine gute Klasse bekommen." „Siehst Du. wie Gehorsam sich selbst belohnt. Richte dich auch künftig darnach." „Tante, wenn ich so brav war, so beantworte mir auch eine Frage: Ist es wirklich eine so große Schande, wenn man keine jüdische Mutter hat?" (Fartfetzung folgt.) Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusg&sse 47. Ordination von 9—6. Telephon 18399t

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